1853
Bartleby der Schreiber
Überblick↑
Der Text Bartleby der Schreiber ist eine Erzählung von Herman Melville. Sie erschien im November und Dezember 1853 zunächst anonym in zwei Folgen in Putnam's Monthly Magazine. Es ist das erste Werk, das Melville nach Moby Dick verfasste. 1856 nahm er eine leicht veränderte Fassung in den Sammelband The Piazza Tales auf. Dort steht sie gemeinsam mit fünf weiteren kurzen Erzählungen, darunter Benito Cereno. Viele Kritiker halten den Text für die gelungenste seiner Erzählungen. Schon früh wurde er mit Gogols Der Mantel verglichen. Deutlicher noch weist er voraus auf das 20. Jahrhundert, vor allem auf Kafka. Die deutsche Erstübersetzung legte Karl Lerbs 1939 in der Zeitschrift Corona vor. Seither folgten zahlreiche Neuübersetzungen, darunter die von Elisabeth Schnack (Manesse 2002), Jürgen Krug (Insel 2004), Felix Mayer (Anaconda 2010) und zuletzt eine Ausgabe der Büchergilde Gutenberg 2024.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein älterer Anwalt und Notar führt in der Wall Street eine kleine Kanzlei. Weil die Arbeit wächst, stellt er einen neuen Schreibgehilfen ein: einen stillen, blassen Mann namens Bartleby. Das Büro liegt zwischen anderen Häusern eingezwängt und bekommt kaum Tageslicht.
Bartleby beginnt seine Arbeit mit großem Fleiß und kopiert unermüdlich Verträge. Doch schon nach kurzer Zeit lehnt er jede zusätzliche Aufgabe mit demselben höflichen Satz ab: "Ich möchte lieber nicht." Aus dieser einen Formel entwickelt sich eine immer rätselhaftere Verweigerung. Der Anwalt mag seinen sonderbaren Angestellten weder einschüchtern noch hinauswerfen. So gerät er zunehmend in Bedrängnis. Erzählt wird die Geschichte aus seiner Perspektive. Sie ist der Versuch eines vernünftigen Mannes, einen Menschen zu begreifen, der sich der Vernunft entzieht.
Die Handlung im Detail↑
Ein älterer Anwalt und Notar berichtet als Ich-Erzähler von einem seiner Schreibgehilfen. In sein lichtloses, von anderen Häusern umstelltes Büro in der Wall Street nimmt er eines Tages einen jungen Mann namens Bartleby auf. Dieser beginnt seine Tätigkeit mit stillem Fleiß und einsiedlerischer Ausdauer und kopiert unermüdlich Verträge.
Schon bald jedoch lehnt Bartleby zur Überraschung seines Arbeitgebers jede andere Tätigkeit ab – stets mit den höflichen Worten "Ich möchte lieber nicht" (im Original "I would prefer not to"; neuere Übersetzungen geben den Satz auch mit "Ich würde vorziehen, das nicht zu tun" wieder). Bald weigert er sich sogar, überhaupt noch Verträge zu kopieren. Gleichzeitig stellt sich heraus, dass er inzwischen heimlich in dem Büro wohnt: höflich, freudlos, ohne Freunde und fast ohne zu essen.
Der Rechtsanwalt kann oder will ihn nicht gewaltsam aus der Kanzlei entfernen lassen. Auch eine großzügige Abfindung weist Bartleby zurück. Aus einem unerklärlichen Einverständnis mit seinem Angestellten heraus zieht der Anwalt am Ende selbst aus der Kanzlei aus, statt Bartleby vor die Tür zu setzen.
Die Nachmieter sind weniger nachsichtig. Sie lassen Bartleby durch die Polizei abführen und in das Gefängnis The Tombs ("Die Gräber") bringen. Dort verweigert Bartleby nicht nur jede Kommunikation, sondern auch jede Nahrungsaufnahme. Der Anwalt versucht, sich um seinen "Freund" zu kümmern, doch nach wenigen Tagen stirbt Bartleby an seiner Lebensverweigerung.
Das einzige, was der Anwalt am Ende über das Vorleben Bartlebys mitteilen kann, ist ein Gerücht, das ihm später zu Ohren kommt: Bartleby soll früher in einem Dead Letter Office gearbeitet haben, einer Sammelstelle für nicht zustellbare Briefe.
Stil↑
Die Erzählung ist durchgehend aus der Perspektive des Anwalts gehalten. Er ist ein freundlicher, bequemer, geschäftstüchtiger Mann mittleren Alters. Seine Stimme bestimmt den Ton: höflich, etwas weitschweifig, mit ironischer Selbstbeobachtung. Gerade dieser ruhige, bürgerliche Erzähler macht die Befremdlichkeit Bartlebys spürbar. Wir sehen den Schreiber immer nur von außen, nie aus seinem Inneren.
Das wichtigste sprachliche Mittel ist die Formel "I would prefer not to". Sie kehrt immer wieder, leicht variiert. Durch bloße Wiederholung gewinnt sie ein Eigengewicht, das mit jedem Auftritt zunimmt. Auch der Schauplatz wirkt wie ein eigenes Stilmittel: die Wall Street als Ort der Verträge, das fensterlose Büro zwischen Mauern, am Ende das Gefängnis The Tombs. Es sind lauter eingeschlossene Räume, die das Verstummen der Hauptfigur spiegeln.
Rezeption↑
Vielen Kritikern gilt Bartleby der Schreiber als die gelungenste Erzählung Melvilles. Schon früh wurde die Geschichte mit Gogols Der Mantel verglichen. Deutlich stärker aber wirkt sie auf das 20. Jahrhundert voraus, insbesondere auf Kafka.
Im deutschen Sprachraum erschien 1939 die Erstübersetzung von Karl Lerbs in der Zeitschrift Corona. Seitdem ist der Text in immer neuen Übertragungen vorgelegt worden. Sie tragen Titel wie Der Schreiber Bartleby oder Bartleby, der Schreibgehilfe. Häufig sind sie mit Untertiteln versehen wie Das seltsame Leben eines Kanzleischreibers im alten New York oder Eine Geschichte aus der Wallstreet. Wichtige Ausgaben sind die Übersetzungen von Elisabeth Schnack (Manesse 2002), Jürgen Krug (Insel 2004, mit Illustrationen von Sabine Wilharm), Felix Mayer (Anaconda 2010) und die Ausgabe der Büchergilde Gutenberg von 2024 mit Illustrationen von Stefhany Y. Lozano.
Auch in andere Gattungen ist die Erzählung mehrfach übertragen worden. 1963 entstand eine Hörspielbearbeitung von Gert Hofmann unter der Regie von Peter Schulze-Rohr (SWF/BR). Es sprachen Hans Helmut Dickow, Max Haufler, Johannes Schauer und Balduin Baas. Mehrere Komponisten haben den Stoff vertont, darunter Walter E. Aschaffenburg auf ein Libretto von Edward Albee sowie Benjamin Schweitzer in der Kurzoper Bartleby. Kurzoper in 11 Stationen nach Herman Melville (2003, Libretto: Benjamin Schweitzer und Norbert Lange). 2015 entstand in Würzburg und Frankfurt das Musiktheater Dead Wall Tales von András Hamary und Christian Golusda. 2001 verfilmte Jonathan Parker die Geschichte unter dem Titel Bartleby.
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