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Porträt Herman Melville
Herman Melville
1819 – 1891
– Autorenporträt –

Herman Melville

1819 – 1891 · 72 Jahre

Schöpfer des „Moby-Dick“ und ehemaliger Walfahrer, dessen sprachlich wagemutige Romane erst im 20. Jahrhundert als Vorgriff auf die literarische Moderne erkannt wurden.

Kurzporträt

Herman Melville (1819–1891) war ein US-amerikanischer Schriftsteller, Dichter und Essayist. Sein Roman Moby-Dick oder der weiße Wal zählt heute zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur. Seine frühen Südsee-Abenteuer Typee und Omoo machten ihn Mitte der 1840er Jahre schnell bekannt. Doch mit jedem weiteren Buch entfernte er sich vom Geschmack seines Publikums. Die Waljagd Kapitän Ahabs, der formal kühne Roman Pierre und Erzählungen wie Bartleby der Schreiber und Benito Cereno gelten heute als Vorläufer der literarischen Moderne. Zu Lebzeiten brachten sie ihm kaum Geld ein. Über fast zwei Jahrzehnte musste der ehemalige Seefahrer als Zollinspektor im New Yorker Hafen arbeiten.


Biografie

Herman Melville wurde am 1. August 1819 in New York City geboren. Wikidata verortet die Geburt genauer in Manhattan, während die Deutsche Nationalbibliothek lediglich „New York, NY" verzeichnet. Er war das dritte von acht Kindern. Sein Vater war der Importkaufmann Allan Melvill, der aus einer schottischstämmigen Familie kam. Seine Mutter, Maria Gansevoort Melvill, stammte aus einer niederländisch-amerikanischen Patrizierfamilie. Der Vater pflegte einen großbürgerlichen Lebensstil, ohne ihn finanzieren zu können. Er verschuldete sich erheblich und ging 1830 mit seinem New Yorker Unternehmen in Konkurs. In Albany versuchte er, die Familie als Verkäufer in einem Pelzgeschäft durchzubringen.

1831 musste Herman die Schule verlassen. Ein Jahr später starb der Vater, seelisch und körperlich erschöpft. Die Mutter änderte daraufhin den Familiennamen in „Melville". Der Junge schlug sich als kaufmännische Hilfskraft in einer Bank durch. Er half auf der Farm eines Onkels und im Pelzgeschäft seines Bruders. 1839 heuerte er kurzzeitig als Decksjunge auf einem Postschiff zwischen New York und Liverpool an. Danach unterrichtete er an einer Grundschule in New York, gab diese Stelle aber 1840 wieder auf.

Am 3. Januar 1841 stach Melville in Fairhaven auf dem Walfänger Acushnet in See. Die Bedingungen der Fangfahrt im Pazifik empfand er als unzumutbar. 1842 desertierte er beim ersten Zwischenhalt auf Nuku Hiva in den Marquesas. Gemeinsam mit dem Matrosen Richard Tobias Greene floh er durch die Berge ins Tal von Taipivai. Dort wurden beide vom Stamm der Typee gefangen genommen. Greene entkam nach wenigen Tagen. Der am Bein verletzte Melville lebte vier Wochen unter den Insulanern und beobachtete ihren Alltag. Diese Erlebnisse flossen später in seinen Erstling ein. Über den australischen Walfänger Lucy Ann gelangte er nach Tahiti. Dort wurde er wegen Teilnahme an einer Rebellion an Bord verhaftet, floh aus dem Gefängnis nach Moorea und heuerte als Bootssteuerer auf dem Walfänger Charles and Henry an. Im April 1843 musterte er auf Hawaii ab. Im August ging er in Honolulu als Matrose an Bord der US-Fregatte United States. Über Peru kehrte er im Oktober 1844 nach Boston zurück.

1846 erschien sein erster Roman Typee, 1847 folgte Omoo. Beide Bücher fanden schnell Anklang. Am 4. August 1847 heiratete Melville in Boston Elizabeth Shaw. Das Paar bekam zwei Töchter und zwei Söhne. Der ältere Sohn nahm sich mit achtzehn Jahren das Leben. Der jüngere, Stanwix, starb mit fünfunddreißig an Tuberkulose. 1849 reiste Melville nach England, um seinem Verleger das Manuskript von White Jacket zu überbringen. Dabei unternahm er Abstecher nach Paris und ins Rheinland. Im Februar 1850 war er zurück in New York. Mit Geld seines Schwiegervaters erwarben die Melvilles im selben Jahr den kleinen Bauernhof Arrowhead bei Pittsfield, Massachusetts. Dort lebten sie bis 1863. Das Anwesen ist heute als National Historic Landmark eingetragen. Melville bestellte den Hof, schrieb seine Bücher und hielt gelegentlich Vorträge über seine Pazifik-Erlebnisse.

Ab 1856 plagte ihn schweres Rheuma. Familie und Schwiegervater drängten ihn zu einer Erholungsreise. Sie führte ihn nach England, ans Mittelmeer und ins Heilige Land. In England traf er den Schriftsteller Nathaniel Hawthorne. Im Mai 1857 kehrte er zurück. 1860 segelte er auf dem Klipper Meteor unter dem Kommando seines jüngeren Bruders Tom nach San Francisco. Die ursprünglich geplante Weltreise brach er ab und kehrte bald mit einem Dampfer um. 1863 verkaufte er Arrowhead und siedelte nach New York über. Er blieb bis zuletzt literarisch aktiv, konnte aber ab den 1860er Jahren vom Schreiben nicht mehr leben. 1866 nahm er deshalb eine Stellung als Zollinspektor im New Yorker Hafen an. Diese behielt er bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand am 31. Dezember 1885. Viele Biographen vermuten, dass Melville homosexuell war.

Am 28. September 1891 starb Herman Melville im Alter von 72 Jahren in New York. Wikidata nennt als Sterbeort New York City, die Deutsche Nationalbibliothek führt schlicht „New York, NY". Sein Grab liegt auf dem Woodlawn Cemetery im Stadtbezirk Bronx.


Literarische Merkmale

Melvilles erzählerischer Weg lässt sich an seinen Romanen ablesen. Typee ist ein Abenteuerroman, der den Geschmack der Zeit traf. Zugleich kritisierte er den Kolonialismus und stellte die Eingeborenen ohne Vorbehalt dar. Mit dem dritten Roman Mardi vollzog Melville nach eigener Einschätzung die Wende. Das Südseeabenteuer entwickelt sich nach der Flucht zweier Seefahrer zur Seelenreise und Kosmogonie. Es endet als allegorische Satire, in der er das Streben der Nationalstaaten nach Macht als vergeblich verspottet. Zahlreiche Diskurse, gehäufte Beschreibungen, eine reiche sprachliche und stilistische Variation und die Schilderung seelisch-leiblicher Vorgänge zeigen die Ausweglosigkeit, Absurdität und Tragik der handelnden Figuren. So scheint das Epos im modernen Roman wieder auf.

In Redburn und Weißjacke oder die Welt auf einem Kriegsschiff wählte Melville das Schiff als Mikrokosmos. Anders als in Mardi sind die Hauptfiguren keine bloßen Allegorien oder Ideenträger mehr, sondern fassbare Charaktere. In der weißen Jacke des namenlosen Matrosen fand Melville zum ersten Mal das Symbol des Nichts, das später im Wal Moby Dick wiederkehrt. Beide Bücher gehören wegen ihres Realismus zu den zugänglichen Werken des Autors. Melville selbst wertete sie später ab, wegen vermeintlich geringerer sprachlicher Kraft und sinkender Innovationsdichte.

Der Roman Moby-Dick oder der weiße Wal erzählt im Bild einer Waljagd das tragische Epos vom Antihelden Ahab. Ahab sucht Vergeltung am Wal, der ihm das Unterbein abgerissen hat, und wählt am Ende den Untergang. Wegen seiner formalen und stilistischen Erneuerungen gilt der Roman als Vorläufer zahlreicher Werke der klassischen Moderne, die erst im 20. Jahrhundert erscheinen sollten. Auch in den sechs Erzählungen der Piazza Tales (1856) zeigt sich Melville als großer Erneuerer der US-amerikanischen Prosa. Zu ihnen zählen The Piazza, Bartleby der Schreiber, Benito Cereno und The Encantadas. Der späte Eheroman Pierre oder die Doppeldeutigkeiten behandelt einen geschwisterlichen Inzest. Er steht für eine erzählerische Eigentümlichkeit und verwegene Themenwahl, die das Publikum überforderten. Im Alter trat Melville zudem als Lyriker hervor, mit einem ersten Gedichtband, dem Versepos Clarel und dem Band John Marr and Other Sailors.


Rezeption

Die ersten Bücher trugen Melville schnellen Erfolg ein. Typee traf den Geschmack seiner Zeit, und die Tantiemen aus Omoo ermöglichten ihm die Heirat mit Elizabeth Shaw. Mit Mardi kippte das Verhältnis zum Publikum. Auch Moby-Dick blieb finanziell hinter den Erwartungen zurück. Die Erzählungen der Piazza Tales wurden von Zeitgenossen zwar als literarische Leistungen gewürdigt. Doch der Roman Pierre oder die Doppeldeutigkeiten mit seinem Inzest-Thema und Melvilles erzählerische Eigentümlichkeit überforderten die Leser. 1857 erschien mit The Confidence-Man sein letzter Roman. Danach konnte der ehemalige Seefahrer von der Schriftstellerei nicht mehr leben und musste bis zum Renteneintritt als Zöllner im New Yorker Hafen arbeiten.

Die Nachwelt hat das Urteil seiner Zeitgenossen umgekehrt. Moby-Dick zählt heute zu den bedeutendsten Werken der US-amerikanischen Literatur und zur Weltliteratur. Seine formalen und stilistischen Neuerungen werden als Vorgriff auf die im 20. Jahrhundert entstehende klassische Moderne verstanden. Auch die Erzählungen gehören zum festen Bestand seines Nachruhms, denn in ihnen zeige sich Melville als herausragender Vertreter der Weltliteratur. Das Farmhaus Arrowhead bei Pittsfield, auf dem er von 1850 bis 1863 lebte und einen Großteil seiner Bücher schrieb, ist heute als National Historic Landmark im National Register of Historic Places eingetragen.

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