Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Billy Budd
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Cover Billy Budd
Billy Budd
1924
– Werkseintrag –

Billy Budd

1924 · Novelle

Ein junger Matrose von kindlicher Schönheit, ein stummes Aufbegehren und ein Kapitän zwischen Gewissen und Gesetz – Melvilles letzte Seegeschichte fragt, was Gerechtigkeit wert ist, wenn das Recht den Unschuldigen trifft.

Überblick

Das Werk Billy Budd ist das letzte Prosawerk des amerikanischen Schriftstellers Herman Melville. Er schrieb daran zwischen 1886 und 1891, ohne sie ganz zu vollenden. Erst 1924, lange nach seinem Tod, wurde das Manuskript wiederentdeckt und veröffentlicht. Die Seenovelle steht der Form nach zwischen Erzählung und Roman. Im Mittelpunkt steht ein junger Matrose, dem der Leser von Anfang an Sympathie entgegenbringen soll und dessen Schicksal er mitleidend verfolgt.

Inhalt (ohne Spoiler)

Im Jahr 1797, zu Beginn der Napoleonischen Kriege, dient der einundzwanzigjährige Matrose Billy Budd auf dem englischen Kriegsschiff Bellipotent. Vom Handelsschiff Rights-of-Man wurde er in den Kriegsdienst zwangsrekrutiert. Schon dort war er als „schöner Matrose" von der Besatzung verehrt worden. Auch auf dem neuen Schiff schlagen ihm sofort Achtung und Sympathie entgegen, denn er ist athletisch gebaut und von kindlich anmutender Schönheit. Zugleich hat er einen Sprachfehler: Bei Aufregung beginnt er zu stottern. Er ist ein Findling und kann weder lesen noch schreiben.

Es ist das Jahr der Großen Meuterei auf englischen Kriegsschiffen, deren Mannschaften gegen ihre Vorgesetzten aufbegehren. An Bord der Bellipotent ist die Prügelstrafe üblich, und Kapitän Vere fürchtet, auch hier könnte eine Meuterei vorbereitet werden. Der Bootsmann John Claggart wird auf Billy aufmerksam. Nach außen gibt er sich freundlich, doch hinter dieser Maske verfolgt er eigene Absichten. Damit gerät der arglose Billy in ein gefährliches Spiel, dessen Tragweite er nicht durchschaut.

Die Handlung im Detail

Die Geschichte spielt 1797 auf dem englischen Kriegsschiff Bellipotent, das in ersten Entwürfen Indomitable hieß. Billy Budd ist vom Handelsschiff Rights-of-Man, benannt nach Thomas Paines Streitschrift Die Rechte des Menschen, auf das Kriegsschiff zwangsrekrutiert worden. Dort versieht er den Dienst als Vortoppsgast. Die Besatzung schätzt ihn wegen seines Körperbaus und seiner Schönheit, obwohl er stottert, ein Findling und Analphabet ist. Vor allem erregt er die Aufmerksamkeit des Bootsmanns John Claggart.

In diesem Jahr der Großen Meuterei hält Kapitän Vere es für möglich, dass auch auf seinem Schiff ein Aufstand vorbereitet wird. Claggart gibt sich Billy gegenüber freundlich, versucht ihn aber durch einen Komplizen zur Teilnahme an einem vermeintlichen Meuterei-Vorhaben anzustacheln. Als Billy nicht darauf eingeht, wendet sich Claggart direkt an den Kapitän und beschuldigt ihn der Anstiftung zur Meuterei.

Vere, von Billys Unschuld überzeugt, ordnet eine Gegenüberstellung der beiden in seiner Kajüte an. Als Billy die Anschuldigung aus Claggarts Mund hört, reagiert er völlig verstört. Sein Sprachfehler hindert ihn am Antworten. Stattdessen zuckt seine rechte Faust unwillkürlich krampfartig gegen die Stirn Claggarts, der dicht vor ihm steht. Claggart stürzt wie leblos nieder. Der herbeigeholte Schiffsarzt stellt seinen Tod fest und erfährt von Vere, was geschehen ist.

Nach angestrengtem Nachdenken deutet Vere den Tod Claggarts als ein Strafgericht Gottes, die Tat selbst aber als Angriff auf einen Vorgesetzten, der mit dem Tode zu bestrafen sei. Gemäß dem Meuterei-Paragraphen stellt er Billy vor ein Kriegsgericht aus drei Offizieren, das er sofort selbst bildet. Diese hatte er zuvor durch den Arzt über das Geschehen und die beabsichtigte Strafe informieren lassen. Vere ist zugleich Vorsitzender, Ankläger und – außer Billy – einziger Tatzeuge. Er nötigt die Offiziere zu einem Schuldspruch. So wird Billy, der auf Gnade gehofft hatte, zum Tode verurteilt, obwohl er weder Meuterei noch Mord beabsichtigt hatte.

Claggart wird mit allen Ehren bestattet. Billy wird im Morgengrauen vor der gesamten Besatzung gehängt – als Machtdemonstration des Kapitäns und zur Abschreckung möglicher Verschwörer. Vor seinem Tod ruft er, ohne zu stottern: „Gott segne Kapitän Vere", und die Matrosen stimmen wie bei einem militärischen Zeremoniell unwillkürlich ein. Doch dann erhebt sich ein Murren, das durch Kommandos sofort unterdrückt wird.

Kurze Zeit später wird Kapitän Vere bei einem Geplänkel mit dem französischen Kriegsschiff Athée, dem „Atheisten", tödlich verletzt und an Land gebracht. Im Sterben spricht er die Worte „Billy Budd, Billy Budd". Gewissensbisse hat er nicht. Wenige Wochen darauf erscheint in einem Marine-Amtsblatt eine bewusst falsche Darstellung des Vorgangs. Unter den Matrosen aber hält die sentimentale Seemannsballade „Billy Budd in the Darbies" – „Billy Budd in Handschellen" – die Erinnerung an den außergewöhnlichen Kameraden wach. Mit dieser Ballade endet das Werk.

Stil

Der Form nach lässt sich Billy Budd nicht eindeutig festlegen: Die Seenovelle steht zwischen Erzählung und Roman. Melville konnte das Manuskript vor seinem Tod weitgehend, aber nicht abschließend fertigstellen. Dadurch wirft der Text eine Reihe offener Fragen auf, die sein Verständnis und seine Deutung erschweren. Schon die Namen sind sprechend gewählt: Das Handelsschiff Rights-of-Man trägt den Titel einer berühmten Streitschrift, das Kriegsschiff heißt Bellipotent, der französische Gegner Athée, der „Atheist". Den Abschluss bildet kein nüchterner Bericht, sondern eine sentimentale Seemannsballade. So geht die nüchterne Erzählung am Ende in den Tonfall des Volkslieds über.

Rezeption

Lange Zeit blieb das Werk gänzlich unbeachtet, weil es im Nachlass verschollen war. Erst die Wiederentdeckung des Manuskripts und seine Veröffentlichung 1924 machten den Stoff bekannt. Seither hat er weit über die Literatur hinaus gewirkt. Der Stoff wurde mehrfach für Bühne und Leinwand bearbeitet. 1962 entstand der Film Die Verdammten der Meere unter der Regie von Peter Ustinov. 1999 verlegte Claire Denis das Geschehen in ihrem Film Der Fremdenlegionär in ein neues Umfeld. Auch in einem dramatisch-musikalischen Werk wurde der Stoff gestaltet. Diese Bearbeitungen zeigen, wie stark das Schicksal des jungen Matrosen bis heute nachwirkt.

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