1959
Billard um halb zehn
Überblick↑
Der 1959 bei Kiepenheuer & Witsch erschienene Roman Billard um halb zehn zählt zu den bedeutendsten zeitkritischen Werken Heinrich Bölls. Erzählt wird die Geschichte der rheinischen Architektenfamilie Fähmel über drei Generationen. Der Bogen reicht vom Kaiserreich über zwei Weltkriege und die NS-Diktatur bis ins Wirtschaftswunder der jungen Bundesrepublik. An einem einzigen Tag, dem 80. Geburtstag des Familienoberhaupts, verdichtet sich ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte zu einem Familienporträt. Dieses fragt nach Schuld, Anpassung und Widerstand.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Es ist der 6. September 1958. Am Abend soll Heinrich Fähmel, Senior der Architektenfamilie, seinen 80. Geburtstag im engsten Kreis feiern. Doch schon am Morgen beginnt sich um diesen Festtag eine ganze Familiengeschichte zu sammeln. Erinnerungen, Erzählungen und Wiederbegegnungen entfalten den Bogen von 1907 bis in die Wirtschaftswunderzeit.
Begonnen hatte alles um 1907. Damals gewann der junge Architekt Heinrich Fähmel in einer rheinischen Stadt überraschend die Ausschreibung für die Abtei St. Anton im nahen Kissatal. Die Stadt ist unverkennbar Bölls Köln nachempfunden. Aus diesem Auftrag wuchs ein Lebensplan: Aufstieg in die bessere Gesellschaft, Einheirat in eine Patrizierfamilie, eine große Familie und in ferner Zukunft eben jener Geburtstag, der nun bevorsteht.
Im Mittelpunkt steht der ältere Sohn Robert, ein Mann mit strenger Tagesordnung. Jeden Morgen um halb zehn geht er für anderthalb Stunden ins Hotel Prinz Heinrich und spielt Billard. Dabei ist der Hotelboy Hugo zugegen, dem er nach und nach Stationen seines Lebens anvertraut. Daraus tritt hervor, wie er als Schüler den Terror gegen seine nicht angepassten Freunde erlebte. Es zeigt sich, was Flucht und Rückkehr bedeuteten und wie ihn der Krieg als Sprengmeister geprägt hat. Böll fasst die Haltung gegenüber der NS-Macht in ein wiederkehrendes Bild: Wer „vom Sakrament des Büffels kostet", gehört zu den Mitläufern, die anderen zu den „Lämmern".
Anfang September 1958 läuft der Wiederaufbau der einst zerstörten Abtei. Roberts Sohn Joseph arbeitet dort als Gehilfe eines Architekturbüros. Dabei stößt er auf Spuren, die ihn an seinem Vater zweifeln lassen. Zugleich kehrt Roberts alter Schulfreund Schrella nach Jahren erstmals zurück. Ein anderer Mann aus der gemeinsamen Schulzeit, der inzwischen Karriere gemacht hat, sucht ebenfalls den Kontakt. So drängen an diesem Geburtstag drei Linien aufeinander zu: die familiäre Bilanz des Patriarchen, Roberts mühsam beherrschte Erinnerung und das unerledigte Erbe der Diktatur.
Die Handlung im Detail↑
Im Jahr 1907 erscheint der junge Architekt Heinrich Fähmel in der namenlosen rheinischen Stadt, die viele Züge von Köln trägt. Er nimmt an der Ausschreibung für die Abtei St. Anton im nahen Kissatal teil und gewinnt sie gegen namhafte Konkurrenz. Die Abtei wird sein erstes und zugleich bedeutendstes Bauwerk, das Kissatal wird ihm eine Art zweite Heimat. Auf diesen beruflichen Grundstein setzt er einen umfassenden Lebensplan: den systematischen Aufstieg in die höheren Kreise der Stadtgesellschaft, die Einheirat in eine örtliche Patrizierfamilie und die Gründung einer großen Familie. Vollendet sehen will er all das eines fernen Tages an seinem 80. Geburtstag. Er heiratet die Notarstochter Johanna Kilb; vier Kinder kommen zur Welt, zwei sterben früh.
In der Zeit des Nationalsozialismus stellt sich jedem Einzelnen die Frage, wie er zur Herrschaft steht. Böll fasst das totalitäre System in ein wiederkehrendes Bild: das „Sakrament des Büffels", von dem die Mitläufer kosten, während die anderen, die „Lämmer", verfolgt werden. Die Familie Fähmel wahrt Distanz; nur der jüngere Sohn Otto schließt sich der Partei an. Der ältere Sohn Robert erlebt als Schüler den Terror gegen seine nicht angepassten Freunde – vor allem durch den Mitschüler Nettlinger, den Sportlehrer und einige Nazi-Funktionäre. Ein missglückter Sprengstoffanschlag treibt Roberts Freund Schrella ins Ausland; ein weiterer Freund wird hingerichtet. Robert selbst setzt sich vorsichtshalber in die Niederlande ab.
Da gegen ihn nichts vorliegt, kann er nach einigen Jahren zurückkehren. Im Krieg wird er Sprengmeister. In den letzten Kriegstagen ist er im Kissatal eingesetzt und überzeugt einen fanatischen Wehrmachts-General, dass die Sprengung der Abtei St. Anton einen kriegstaktischen Vorteil böte. Aus welchen Gründen er ausgerechnet das Hauptwerk seines Vaters dem Erdboden gleichmacht, wird nie abschließend geklärt – am ehesten wohl, weil die Mönche sehr bereitwillig dem „Sakrament des Büffels" gehuldigt hatten. Seinem Vater verschweigt er die eigene Täterschaft.
Nach dem Krieg kehrt Robert in die zerbombte Stadt zurück. Seine Frau ist umgekommen, sein Bruder Otto gefallen, seine Mutter ist in ein Nervensanatorium eingewiesen. Er arbeitet bei den Aufräumarbeiten als vehementer Befürworter von Sprengungen mit. Anschließend übernimmt er das Atelier des in den Ruhestand gehenden Vaters und eröffnet dort ein Büro für statische Berechnungen; er stellt Männer aus seinem früheren Sprengkommando ein. Traumatisiert hält er von nun an seine Gefühle vor jedermann zurück, lebt diskret und zurückgezogen und legt sich einen strengen Tagesablauf auf. Jeden Tag um halb zehn Uhr morgens geht er ins nahe Hotel Prinz Heinrich und spielt dort anderthalb Stunden Billard. Dabei ist der Hotelboy Hugo zugegen, dem er prägende Episoden seines Lebens erzählt.
Anfang September 1958 läuft der Wiederaufbau der Abtei St. Anton in vollem Gange. Roberts Sohn Joseph arbeitet als Gehilfe eines Architekturbüros mit. Bei Freilegungsarbeiten entdeckt er Sprengzeichen in der Handschrift seines Vaters und nimmt sich vor, ihn zur Rede zu stellen. Zur selben Zeit reist Roberts Schulfreund Schrella erstmals wieder ein und wird wegen eines nie widerrufenen Fahndungsbefehls aus der NS-Zeit am Grenzübergang festgenommen. Durch persönliche Intervention von Nettlinger, der sich nach außen zum Demokraten gewandelt hat und in der jungen Bundesrepublik schnell Karriere machte, kommt Schrella umgehend frei. Nettlinger gibt sich seinem einstigen Opfer gegenüber äußerst jovial – auch, damit Schrella ihn nicht mit den Erinnerungen an die Vorkriegszeit gefährdet.
Beide versuchen am 6. September unabhängig voneinander, Robert zu sprechen. Dem Kontaktversuch des verabscheuten Nettlinger entzieht Robert sich durch Flucht. Schrella dagegen wird zur abendlichen Geburtstagsfeier Heinrich Fähmels eingeladen, wo es zum Wiedersehen mit Robert kommt. Kurzfristig wird die Feier aus Fähmels Stammcafé in das Hotel verlegt. Auf dem Nebenbalkon erwarten ein Minister und seine Entourage, zu der auch Nettlinger gehört, den Aufmarsch eines Altnazi-Verbandes; der Minister will den Vorbeiziehenden durch demonstratives Winken seine Sympathie bezeugen. In diesem Augenblick zieht die aus dem Sanatorium angereiste Großmutter Johanna eine Pistole und schießt auf den Minister.
Stil↑
Heinrich Böll legt den Roman als Erinnerungsbuch an. An einem einzigen Tag, dem 80. Geburtstag des Patriarchen, bündelt er ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte. Erzählt wird nicht chronologisch, sondern aus den Erinnerungen und inneren Stimmen der Familienmitglieder. Diese fügen sich Stück um Stück zur Familiengeschichte. Die Gegenwartshandlung des 6. September 1958 dient als Rahmen. In ihn brechen immer wieder Szenen aus Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Zeit und Nachkriegsjahren ein.
Charakteristisch ist die Bildsprache. Wiederkehrende Formeln durchziehen den Roman wie ein leitmotivisches Geflecht: das „Sakrament des Büffels" für die Anpassung an die Macht und die „Lämmer" für deren Opfer. Auch die strenge Tagesordnung Roberts wird zum Ritual, das seine innere Verfassung sichtbar macht: das tägliche Billardspiel um halb zehn. Schauplätze wie die Abtei St. Anton, das Atelier des Vaters und das Hotel Prinz Heinrich verbinden sich zu einem Raumgefüge. In ihm durchdringen einander Familiengeschichte und Zeitgeschichte.
Rezeption↑
Der Roman Billard um halb zehn gilt als einer der wichtigsten zeitkritischen Romane Heinrich Bölls und als zentrales Werk der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Er wirkt bis heute nach. Sechs Jahre nach Erscheinen verfilmte ihn der Regisseur Jean-Marie Straub 1965 unter dem Titel Nicht versöhnt. Diese Titelwahl ist deutlich und weist in der Sache hin: Sie erhebt die unerledigte Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit zum Leitmotiv. Der Roman wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er gehört zu den Werken, die Bölls Rang in der deutschsprachigen Literatur des 20. Jahrhunderts begründet haben.
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