1974
Die verlorene Ehre der Katharina Blum
Überblick↑
Die Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum erschien 1974 und gehört zu den bekanntesten Prosawerken Heinrich Bölls. Ihr vollständiger Titel lautet Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann. Im Mittelpunkt steht eine bis dahin unbescholtene junge Frau, die wegen ihrer Freundschaft zu einem Straftäter zur Zielscheibe der Sensationspresse wird. Böll rechnet darin scharf mit den Methoden der Boulevardpresse ab; das verantwortliche Blatt nennt er durchgehend nur die ZEITUNG. Mit bis 2017 weltweit etwa 2,7 Millionen verkauften Exemplaren zählt das Buch zu seinen meistverkauften Werken. Schon kurz nach dem Erscheinen wurde es in vielen Bundesländern zur Schullektüre.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Katharina Blum, eine 27-jährige Wirtschafterin, die als gesellschaftlich voll integrierte, geachtete junge Frau gilt. Auf einer Karnevalsfeier lernt sie Ludwig Götten kennen und verliebt sich in ihn. Die beiden verbringen die Nacht gemeinsam in ihrer Wohnung. Götten steht jedoch unter Verdacht, eine Straftat begangen zu haben, und wird von der Polizei beschattet. Am Morgen stürmen die Beamten Katharinas Wohnung und nehmen sie vorläufig fest, weil sie ihm zur Flucht verholfen haben soll.
Mit der Festnahme beginnt für Katharina ein Albtraum. Die ZEITUNG, ein Boulevardblatt, greift den Fall auf und macht aus der unbescholtenen Frau eine berechnende Mittäterin. Aussagen von Menschen, die sie kennen, werden verdreht; aus Lob wird Verdächtigung. Innerhalb weniger Tage verwandelt sich ihr Leben: Aus der geachteten jungen Frau wird eine verachtete Außenseiterin, die mit hasserfüllten Anrufen und Briefen überschüttet wird. Böll macht von Anfang an deutlich, dass diese Erzählung zeigen will, wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann.
Die Handlung im Detail↑
Im Jahr 1974 lernt die 27-jährige Wirtschafterin Katharina Blum auf einer Karnevalsfeier Ludwig Götten kennen und verliebt sich in ihn. Sie verbringen die Nacht gemeinsam in Katharinas Wohnung. Götten wird verdächtigt, einen Bankraub und einen Mord verübt zu haben und ein Terrorist zu sein. Deshalb wird er von der Polizei beschattet, die seine Kontaktpersonen ermitteln will. Am Morgen stürmt die Polizei Katharinas Wohnung. Weil sie ihm in der Nacht zur Flucht verholfen haben soll, wird sie vorläufig festgenommen und verhört.
Die ZEITUNG stellt den Verdacht gegen Götten als feststehende Tatsache hin. In Wahrheit ist dieser Verdacht falsch: Götten hat einen Safe der Bundeswehr ausgeplündert, Bilanzen gefälscht und Waffen gestohlen, aber weder einen Mord noch einen Bankraub begangen. Die ZEITUNG macht Katharina zur Mittäterin und stellt sie als „Flittchen“ bloß. Sie behauptet, Katharina kenne Götten schon seit Jahren, weil andere Hausbewohner gegenüber der Polizei von „Herrenbesuchen“ sprachen. Tatsächlich handelt es sich bei diesem „Herrenbesuch“ um einen bekannten Industriellen, den Katharina bei ihrem Arbeitgeber kennengelernt hatte; obwohl sie ihn stets abwies, hörte er nicht auf, sie zu bedrängen.
Die ZEITUNG verfälscht systematisch die Aussagen von Menschen, die Katharina kennen. Aus dem Satz „Katharina ist eine sehr kluge und kühle Person“ wird in der ZEITUNG die Beschreibung „eiskalt und berechnend“. Die Charakterisierung „Wenn Katharina radikal ist, dann ist sie radikal hilfsbereit, planvoll und intelligent“ verdreht das Blatt zu „Eine in jeder Beziehung radikale Person, die uns geschickt getäuscht hat“. Der Reporter Werner Tötges behauptet, Katharinas sterbende Mutter im Krankenhaus aufgesucht und sie dort mit den Vorwürfen gegen ihre Tochter konfrontiert zu haben. Am Tag darauf stirbt die Mutter. Durch die Berichterstattung wird Katharina mit beleidigenden, hasserfüllten und obszönen Anrufen und Zuschriften bombardiert. Aus der gesellschaftlich voll integrierten jungen Frau wird eine verachtete Außenseiterin. Auf den tröstenden Hinweis, es gebe auch andere Zeitungen, die korrekt berichteten, erwidert sie: „Alle Leute, die ich kenne, lesen die ZEITUNG!“
Nachdem Götten verhaftet ist, verabredet sich Katharina mit Tötges unter dem Vorwand, ihm ein Interview geben zu wollen. Als er ihr – wie viele Männer vorher – „an die Kledage“ geht und ihr zudringlich kommt, erschießt sie ihn. Danach streift sie durch die Stadt, „um Reue zu finden, habe aber keine Reue gefunden“, und stellt sich schließlich der Polizei. In einer Entwurfsfassung hatte Böll noch einen anderen Schluss vorgesehen, der einen Selbstmordversuch Katharinas enthielt.
Stil↑
Den Untertitel oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann setzt Böll wie eine These an den Anfang und macht so von vornherein die Absicht der Erzählung deutlich. Ein zentrales Kunstmittel ist die Anonymisierung des kritisierten Blattes: Das Boulevardorgan trägt keinen Namen, sondern heißt durchgehend nur die ZEITUNG. Dadurch wird der einzelne Fall zum allgemeinen Beispiel. Böll zeigt die Mechanik der Verdrehung an konkreten Sätzen: Er stellt die ursprüngliche Aussage und ihre entstellte Fassung in der ZEITUNG nebeneinander, sodass der Leser die Manipulation Wort für Wort nachvollziehen kann. In einem später verfassten Nachwort bezeichnete Böll seine Erzählung selbst als ein Pamphlet, das auf die seiner Meinung nach konfliktverstärkende Rolle des Sensationsjournalismus hinweisen sollte. Die nüchterne, fast protokollhafte Darstellung verschärft die Wirkung der geschilderten Vorgänge.
Rezeption↑
Nach dem Erscheinen und auch nach der Verfilmung wurde Böll sowohl von Journalisten als auch von Politikern heftig angegriffen. Anlässlich der Fernsehausstrahlung des Films schrieb Enno von Löwenstern 1978 in der Zeitung Die Welt, Böll habe „zur Hoffähigmachung der Bande“ beigetragen und schildere „in der empfehlendsten Weise, wie ein ‚Bild‘-Reporter ermordet wird“. Der spätere Bundespräsident Karl Carstens äußerte sich ebenfalls scharf und behauptete, Böll habe „unter dem Pseudonym Katharina Blüm“ ein Buch geschrieben, „das eine Rechtfertigung von Gewalt darstellt“. Diese offenkundige Verwechslung des Werktitels mit einem angeblichen Pseudonym brachte Carstens viel Spott ein; der Grafiker Klaus Staeck entwarf auf Bölls Bitte ein Plakat, das Carstens reitend auf einer Kuh mit dem vollen Zitat zeigte.
Andere Stimmen urteilten anerkennend. Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki bescheinigte Böll „ein schlechthin phänomenales Gespür“ für jene Motive und Stimmungen, in denen „das Aktuelle“ zum Vorschein kommt, und befand, das Buch treffe „die deutsche Gegenwart mitten ins Herz“. Der Publizist Klaus Rainer Röhl sagte voraus, das Buch werde „stärkere Wirkungen haben als die ganze Kampagne ‚Enteignet Springer‘“. Schon kurz nach dem Erscheinen wurde die Erzählung in vielen Bundesländern zur Schullektüre. 1975 verfilmten Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta den Stoff. Noch 2014 griff der britische Fernsehfilm Die verlorene Ehre des Christopher Jefferies den Titel von Bölls Werk auf.
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