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Werkseintrag · Der Engel schwieg
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Cover Der Engel schwieg
Der Engel schwieg
1992
– Werkseintrag –

Der Engel schwieg

1992 · Roman

Heinrich Bölls schonungsloser Trümmerroman vom Mai 1945: ein Heimkehrer und eine junge Frau, beide alles verloren, suchen in einer namenlosen Stadt am Rhein einen Halt zwischen Schwarzmarkt, Brot und einem Testament, das einer kalten Hand entrissen werden muss.

Überblick

Heinrich Bölls Roman Der Engel schwieg entstand 1949/50. Zu Lebzeiten des Autors blieb er aber unveröffentlicht. Erst 1992, zum 75. Geburtstag Bölls, erschien er postum bei Kiepenheuer & Witsch in Köln. Das Buch erzählt vom 8. Mai 1945 und den Wochen danach. Im Mittelpunkt stehen der Kriegsheimkehrer Hans Schnitzler und die junge Regina Unger. Sie leben in einer zerbombten Stadt am Rhein. Diese Stadt bleibt ohne Namen und ist doch unverkennbar Köln. Zwei Themen tragen den Roman: eine große Liebe inmitten der Trümmer und die Frage nach der tätigen Nächstenliebe. Diese Karitas muss sich gegen die Härte der Besitzenden behaupten.

Inhalt (ohne Spoiler)

Am Tag der deutschen Kapitulation betritt der hoch dekorierte Feldwebel Hans Schnitzler in Uniform das beschädigte Krankenhaus der Vinzentinerinnen. Er sucht eine Frau, der er etwas mitteilen muss: Elisabeth Gompertz, die schwer magenkranke Witwe eines Mannes, dem Hans sein Leben verdankt. In den letzten Kriegstagen hatte Feldwebel Willi Gompertz ihm in der Gefangenschaft seine Uniformjacke aufgedrängt. Damit ermöglichte er die Flucht – um den Preis des eigenen Lebens.

In der zerbombten Stadt ist Hans ein Gesuchter. Ein Chirurg verschafft ihm eine neue Identität. Dazu lässt er ihm den Mantel einer fremden Frau zukommen: Regina Unger, ebenfalls gerade aus dem Krankenhaus entlassen. Als Hans ihr den Mantel zurückbringt, erfährt er, dass ihr Säugling tot ist. Beide sind allein, beide haben Verluste zu tragen. Regina will nicht allein bleiben, und Hans darf bei ihr untertauchen.

Die beiden schlagen sich in der Ruinenstadt durch. Sie stehlen von Güterzügen Briketts, kämpfen mit falschen Papieren um Lebensmittelmarken und überleben auf dem Schwarzmarkt. Dabei gerät Hans ungewollt in einen anderen Konflikt. Der reiche, eiskalte Kunstsammler Dr. Dr. Fischer ist mit Frau Gompertz verschwägert. Er hat es auf das Testament seines gefallenen Schwagers abgesehen. Denn dieses Testament soll dem Erbe eine ganz andere Bestimmung geben, als sie Fischer im Sinn hat.

Die Handlung im Detail

Am 8. Mai 1945 betritt Hans Schnitzler in der Uniform eines hoch dekorierten Feldwebels das stark beschädigte Krankenhaus der Vinzentinerinnen seiner zerbombten Heimatstadt am Rhein. Er sucht Frau Elisabeth Gompertz, um ihr zu berichten, wie ihr Mann ums Leben kam. Hans selbst war in Wehrmachtsgefangenschaft und sollte wegen Fahnenflucht erschossen werden. Da drängte ihm Feldwebel Willi Gompertz seine Uniformjacke auf und ermöglichte ihm die Flucht. Gompertz wurde daraufhin versehentlich von den eigenen Leuten erschossen.

Frau Gompertz, schwer magenkrank, ist bereits aus dem Krankenhaus entlassen und liegt zu Hause. Der Krankenhaus-Chirurg Dr. Weiner verhilft dem als Fahnenflüchtigem gesuchten Hans zu einer neuen Identität. Hans zieht den Mantel einer Regina Unger über den verräterischen Uniformrock; die junge Frau wurde nach einer Geburt ebenfalls aus dem Krankenhaus entlassen. Hans sucht Frau Gompertz auf und liest der Kranken das Testament ihres Mannes vor: Willi Gompertz vermacht sein beträchtliches Eigentum vollständig seiner Witwe.

Danach geht Hans zu Regina, um ihr den Mantel zurückzubringen. Reginas Säugling ist tot, ein Opfer der Schießereien in den letzten Kriegstagen. Hans erzählt ihr von seiner kurzen, unglücklichen Ehe: Nur eine einzige Nacht konnte er mit seiner Frau verbringen, dann kam sie bei einer Zugfahrt während eines Luftangriffs ums Leben. Regina will nicht allein sein, und Hans darf bei ihr untertauchen. Mit falschen Papieren wagt er sich zunächst weder aus dem Haus noch zum Einwohneramt, um Lebensmittelmarken zu beantragen. Regina übernimmt die Streifzüge durch die Stadt und besorgt ihm später auf dem Schwarzmarkt bessere Papiere, mit denen er endlich seine Marken bekommt.

Dann beteiligt sich auch Hans am Überlebenskampf. Regelmäßig stiehlt er Briketts von Güterzügen. Regina aber zieht die größeren Fische an Land: Sie spendet der kranken Tochter Dr. Fischers Blut und kassiert dafür die saftige Prämie des reichen Kunstsammlers. Fischer ist mit Frau Gompertz verschwägert und will das Testament seines gefallenen Schwagers mit allen Mitteln an sich bringen, um zu verhindern, dass der Besitz für karitative Zwecke verwendet wird. Elisabeth Gompertz selbst, die mildtätige Spenderin, ist gegen den hartherzigen Fischer machtlos.

Kurz nachdem Frau Gompertz ihrer Magenkrankheit erliegt – sie spuckt in ihrer letzten Stunde größere Mengen Blutes –, ertappt Hans den Dr. Fischer beim Wühlen nach dem Testament. Fischer bringt das Papier gewaltsam an sich. Die Karitas hat verloren, der skrupellose Egoismus triumphiert. Hans und Regina, die einander ihre Liebe gestanden haben, machen sich auf die Suche nach Trauzeugen und wollen sich kirchlich trauen lassen. Doch tröstlich gerät der Schluss nicht: Der titelgebende große Marmorengel, in den Hans am Romananfang noch mit „seltsamer Freude" geblickt hatte, obwohl er schmerzlich lächelte, wird am Ende von Dr. Fischer in den Dreck getreten.

Stil

Erzählt wird abwechselnd in zwei Strängen: dem um Hans und dem um Dr. Fischer. Die Passagen über Hans überwiegen deutlich. Hans und Regina sind Verlassene, sie haben, wie es heißt, „gerade noch das Leben". Lange Zeit beneidet Hans die Toten um ihre Ruhe. Erst im letzten Romandrittel nimmt er das Leben wieder an. Zuvor haben er und Regina einander ihre Liebe gestanden. Die beiden Frauengestalten Regina und Elisabeth sind, wie die Forschung bemerkt hat, „von einem unwirklich anmutenden Lichtkranz umgeben".

Spürbar ist der Einfluss von Léon Bloys Schriften Das Blut des Armen und Der undankbare Bettler. Das Motiv des Brotes und das des Blutes durchziehen den Roman. Hans bittet die Nonne im Krankenhaus und den Kaplan in seiner alten Pfarrkirche um Brot. Regina gibt ihr Blut für die Reichen hin. Frau Gompertz spuckt sterbend Blut. Passend zum Thema der Karitas hatte Böll ursprünglich zwei Dialoge geplant: einen über die Armut und einen über das Geld. Er verwarf sie aber wieder.

Das titelgebende Bild des großen, schweigenden Marmorengels rahmt den Roman. Es taucht am Anfang und am Ende auf und verklammert beide Pole. Am Anfang blickt der Heimkehrer mit „seltsamer Freude" in das Antlitz der Plastik. Doch der Engel lächelt schmerzlich, so als verkünde er: In dieser Geschichte gibt es keine Heimat mehr. Die Stadt, in der das alles spielt, wird kein einziges Mal beim Namen genannt und ist doch unverkennbar Köln. So entsteht ein Zeitroman, der ganz in seiner Stunde verwurzelt ist und zugleich darüber hinausweist.

Rezeption

Der Erzähler des Romans ist tief enttäuscht „über den verpaßten Neuanfang" nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches. Genau diese Schwermut dürfte ein Grund dafür sein, dass das Buch zu Lebzeiten Bölls ungedruckt blieb. W. G. Sebald hat dem Roman bescheinigt, er setze sich über „verhängte Tabus" hinweg. Zudem vermittle er eine annähernde Vorstellung von „der Tiefe des Entsetzens, das damals jeden zu erfassen drohte, der wirklich sich umsah in den Ruinen". Von daher sei es einleuchtend, dass „gerade diese anscheinend von unheilbarer Schwermut geprägte Erzählung" dem zeitgenössischen Publikum nach Kriegsende nicht habe zugemutet werden können.

Die Forschung hat den Roman als Schlüsseltext für Bölls Frühwerk gelesen. Schnepp etwa weist darauf hin: „Die Helden kommen… aus den unteren Gesellschaftsschichten… Sie besitzen nichts… und streben nicht nach Besitz". Böll solidarisiere sich „mit den nicht privilegierten Menschen". Diese Haltung sollte sein gesamtes späteres Werk prägen. Als das Buch dann 1992, zum 75. Geburtstag des bereits verstorbenen Autors, in Köln erschien, war es zugleich ein später Blick zurück auf jene Stunde Null. Diese hat Böll wie kaum ein anderer beschrieben.

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