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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Gruppenbild mit Dame
1971
– Werkseintrag –

Gruppenbild mit Dame

1971 · Roman

Das Lebensbild einer einfachen Kölner Frau, die sich allen Anfeindungen zum Trotz nie vom Hass auf andere anstecken lässt – und dabei ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte spiegelt.

Überblick↑

Der Roman Gruppenbild mit Dame von Heinrich Böll erschien 1971. Er gilt als das Werk, das den Ausschlag dafür gab, dass Böll 1972 der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde. Im Mittelpunkt steht das Leben einer einfachen Kölner Frau, deren Schicksal zugleich ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte spiegelt – von den frühen 1920er Jahren bis um 1970. Böll selbst beschrieb sein Vorhaben so: Er habe versucht, das Schicksal einer deutschen Frau von etwa Ende vierzig zu beschreiben, „die die ganze Last dieser Geschichte zwischen 1922 und 1970 mit und auf sich genommen hat.“

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Zentrum des Romans steht Leni Pfeiffer, geborene Gruyten, eine kluge und gutherzige, aber ungebildete Frau aus Köln. Ein Erzähler, der sich schlicht „Verf.“ nennt, setzt ihr Leben Stück für Stück zusammen. Dazu befragt er Zeitzeugen und wertet hinterlassene Zeugnisse aus, so dass nach und nach das Bild einer ganzen Epoche entsteht.

Lenis Familie gehört zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft zu den Gewinnern dieser Zeit. Mit dem Zweiten Weltkrieg jedoch häufen sich die Schicksalsschläge, und Leni ist bald fast ganz auf sich allein gestellt. Gegen Kriegsende arbeitet sie in einer Kranz- und Blumenbinderei. Dort lernt sie den sowjetischen Kriegsgefangenen Boris Lvovitich Koltovskij kennen. Obwohl eine solche Beziehung streng verboten und höchst gefährlich ist, fühlen die beiden sich zueinander hingezogen.

Der Roman verfolgt Lenis Weg über den Krieg hinaus bis in die Nachkriegszeit. Stets bleibt sie unbeeindruckt von dem gesellschaftlichen Hang, bestimmte Menschen auszugrenzen und abfällig zu behandeln – eine Haltung, die ihr das Leben schwer macht.

Die Handlung im Detail↑

Der als „Verf.“ bezeichnete Erzähler rekonstruiert anhand von Gesprächen mit Zeitzeugen und hinterlassenen Zeugnissen das Leben der Leni Pfeiffer, geborene Gruyten. Sie ist eine intelligente und gutherzige, aber ungebildete Frau. Ihre Familie zählt zu Beginn der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten zu den Gewinnern dieser Zeit.

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wird die Familie von mehreren Schicksalsschlägen getroffen, und Leni ist schließlich fast ganz auf sich allein gestellt. Gegen Ende des Krieges arbeitet sie in einer Kranz- und Blumenbinderei und lernt dort den sowjetischen Kriegsgefangenen Boris Lvovitich Koltovskij kennen. Die beiden beginnen, obwohl dies verboten und außerordentlich gefährlich ist, eine Liebesbeziehung. Kurz vor Ende des Krieges bekommt Leni ein Kind von Boris. Dieser gerät durch unglückliche Umstände in ein alliiertes Kriegsgefangenenlager, weil man ihn für einen deutschen Kriegsgefangenen hält. Er stirbt in einem französischen Bergwerk.

Die Schlusspartien des Romans spielen in der Nachkriegszeit. Sie erzählen unter anderem von Lenis Beziehung zu dem türkischen Gastarbeiter Mehmet. Diese Beziehung spiegelt die zentrale Episode des Romans: Lenis Liebe zu dem russischen Kriegsgefangenen Boris, die ihr die Verunglimpfung als „blonde Sowjet-Hure“ eingetragen hatte. Bis zuletzt zeigt sich Leni unberührt von gesellschaftlichen Tendenzen, bestimmte Personengruppen auszugrenzen und abfällig zu behandeln. Die Eroberung der Stadt durch die Amerikaner am Ende des Krieges und der Luftkrieg gegen die Städte bilden einen wichtigen Hintergrund der zentralen Kapitel, die unschwer erkennbar in Bölls Heimatstadt Köln spielen.

Stil↑

Eine Art poetische Dokumentation prägt den Aufbau des Romans; man spricht auch von einer pseudodokumentarischen Konstruktion. Der Erzähler tritt als nüchterner „Verf.“ auf, der sein Material aus Interviews und Schriftstücken zusammenträgt. Die meisten dieser Dokumente sind erfunden, doch verarbeitet Böll auch zahlreiche echte Zeugnisse, unter anderem aus den Akten der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse. So mischen sich Erfundenes und Belegtes zu einem dichten Geflecht aus Erinnerungssplittern, Berichten und Visionen.

Die Figur der Nonne Rahel, genannt Haruspika, ist deutlich an Edith Stein angelehnt. Den Titel des Romans erdachten Annemarie Böll und Dieter Wellershoff.

Über die Form gingen die Meinungen früh auseinander. Joachim Kaiser verglich das Buch mit einem langen Güterzug, bei dem jeder Wagen mit ironischen, fiktiven und dokumentarischen Erinnerungspartikeln beladen sei. Marcel Reich-Ranicki dagegen vermisste jedes erkennbare Formprinzip und tadelte die nachlässige Sprache. Reinhard Baumgart wiederum lobte Bölls unbemühte, von keinem Formzwang zurechtgehämmerte Sätze, die sich „sorglos, entspannt, fast glücklich“ lesen ließen.

Rezeption↑

Großen Erfolg hatte der Roman gleich nach seinem Erscheinen: 1971 stand er sieben Wochen lang auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste. Zugleich entzündete sich an ihm eine lebhafte Debatte unter den Kritikern.

Joachim Kaiser sprach in der Süddeutschen Zeitung von „mitleidigem Naturalismus und mystischer Vision“ und beschrieb das Buch als Folge interviewartiger Erkundungen mit einem happening-ähnlichen Schluss. Scharf fiel das Urteil Marcel Reich-Ranickis in der Zeit aus: Er sah Böll sich von seinen Einfällen treiben lassen und urteilte zugespitzt, noch nie habe ein deutscher Klassiker so schlampig geschrieben. Reinhard Baumgart hingegen verteidigte im Spiegel gerade die entspannte, unangestrengte Sprache des Romans.

Das Erscheinen des Buches gab den Ausschlag für die Verleihung des Nobelpreises für Literatur an Böll im Jahr 1972. Nach der Auszeichnung urteilte Michael Ratcliffe in der Londoner Times, dies sei ein Nobelpreis-Roman, wie er im Buche stehe.

Auch verfilmt wurde der Stoff: 1976/77 entstand eine Verfilmung mit Romy Schneider als Leni und Brad Dourif als Boris, Regie führte der jugoslawische Regisseur Aleksandar Petrović. Böll hatte zunächst am Drehbuch mitgearbeitet, sich dann aber nicht mehr um das Projekt gekümmert, was vor allem die Hauptdarstellerin heftig kritisierte. Die Uraufführung fand am 25. Mai 1977 bei den Filmfestspielen in Cannes statt.

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