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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Gullivers Reisen
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Gullivers Reisen
1726
– Werkseintrag –

Gullivers Reisen

1726 · Roman

Vier Reisen eines englischen Schiffsarztes zu Zwergen, Riesen, fliegenden Inselbewohnern und vernünftigen Pferden – und unter dem heiteren Abenteuer eine bittere Abrechnung mit der eigenen Welt.

Überblick↑

Mit Gullivers Reisen legte Jonathan Swift 1726 einen satirischen Roman vor. Der irische Schriftsteller war zugleich anglikanischer Priester und Politiker. Sein Buch zählt bis heute zu den großen Werken der Weltliteratur. In vier Reiseberichten lässt Swift seinen Helden in fremde Länder verschlagen werden. Dieser Held ist der Schiffsarzt Lemuel Gulliver. Er gerät zu Zwergen, Riesen, fliegenden Inselbewohnern und vernünftigen Pferden. Hinter der abenteuerlichen Fassade verbirgt sich eine bittere Abrechnung mit den Missständen der eigenen Zeit. Zugleich ist das Buch ein nachdrückliches Plädoyer für die Relativität aller menschlichen Maßstäbe. Nach Tommaso Campanellas Civitas solis und Francis Bacons Nova Atlantis gilt es als Höhepunkt jener Gattung, die jenseits religiöser Heilsentwürfe das Bild einer idealen Gesellschaft sucht. Bei Swift geschieht das freilich in Form einer schonungslosen Gegenrechnung mit der wirklichen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Der Schiffsarzt Lemuel Gulliver berichtet in vier Teilen von vier Seereisen. Jede davon läuft aus dem Ruder. Ein Sturm, eine Meuterei, ein Piratenüberfall, ein Verlassenwerden auf hoher See: Immer wieder verschlägt es ihn an Küsten, die auf keiner Karte zu finden sind.

Im ersten Teil landet Gulliver nach einem Schiffbruch in Liliput. Das ist ein Reich winziger Menschen, die ihm gerade bis zum Knöchel reichen. Er muss sich in diese Welt einfügen. Die Bewohner nennen ihn ehrfürchtig „Menschenberg“ und beäugen ihn zugleich misstrauisch. Im zweiten Teil kehren sich die Verhältnisse um. In Brobdingnag ist Gulliver der Winzling unter Riesen. Er wird zur Schaustellung herumgereicht, bevor er an den dortigen Hof gelangt. Im dritten Teil verschlägt es ihn auf die fliegende Insel Laputa und in das darunterliegende Land Balnibarbi. Dort besucht er eine Akademie, deren Gelehrte sich mit den absonderlichsten Projekten beschäftigen. Auch nach Glubbdubdrib, Luggnagg und Japan führt ihn diese Reise. Im vierten Teil erreicht Gulliver schließlich das Land der Houyhnhnms, eines Volkes vernünftiger Pferde. Neben ihnen lebt eine andere, höchst abstoßende Kreatur: die Yahoos.

Aus jeder dieser Begegnungen entwickelt sich ein Gespräch über Sitten, Gesetz, Religion und Regierung. Und je weiter Gulliver reist, desto eigenartiger erscheint ihm das, was er aus England zu berichten hat.

Die Handlung im Detail↑

Auf seiner ersten Reise heuert Gulliver als Wundarzt an. Das Schiff gerät in einen Sturm; mit fünf Männern flieht er ins Ruderboot, das kentert. Allein erreicht er einen Strand und schläft erschöpft ein. Als er erwacht, ist er an Armen, Beinen und Haaren mit Schnüren am Boden festgebunden. Sechs Zoll kleine Wesen klettern über ihn. Gulliver bekommt einen Arm frei, wird mit einer Salve Pfeile beschossen und hält still. Die Liliputaner geben ihm zu essen und zu trinken und ziehen ihn auf einem Holzrahmen in ihre Stadt, wo sie ihn an einem alten Tempelgebäude anketten. Sein Gesuch um Freilassung lehnt der Kaiser ab; stattdessen wird sein Gepäck verzeichnet und ihm werden die Waffen abgenommen. Zur Unterhaltung lässt der Kaiser Seiltänzer auftreten und seine Truppen unter dem breitbeinig stehenden „Menschenberg“ hindurchmarschieren. Schließlich legt man Gulliver Bedingungen vor, unter denen er den Liliputanern in Kriegszeiten beizustehen hat; er schwört sie zu beachten und wird losgekettet.

Zwei Wochen später besucht ihn der Regierungssekretär Reldresal und erklärt die Lage des Reiches. Im Inneren stehen sich die Trackmesan mit hohen Absätzen und die Slackmesan mit niedrigen Absätzen unversöhnlich gegenüber; der Kaiser hat sich für die Niederabsätzigen entschieden, weshalb die Lager nicht einmal mehr miteinander reden. Von außen droht das Inselreich Blefuscu. Der Streit geht auf den Großvater des Kaisers zurück: Der hatte sich einst beim Aufschlagen eines Eies am breiten Ende geschnitten und verordnet, künftig sei das spitze Ende zu öffnen. Aus den Aufständen flohen die Unterdrückten nach Blefuscu, das den Liliputanern vorwirft, gegen den Propheten Lustrog verstoßen zu haben, der gelehrt hatte: „Alle wahren Gläubigen schlagen ihr Ei am bequemen Ende auf.“ Gulliver erklärt sich bereit, Liliput zu verteidigen. Er biegt Eisenstangen zu Haken, befestigt sie an Tauen, watet hinüber und zieht die Flotte von Blefuscu in den Hafen von Liliput. Drei Wochen später kommt eine Gesandtschaft Blefuscus mit einem Friedensangebot und lädt Gulliver zu sich ein. Eines Nachts brennt das Apartment der Kaiserin; Gulliver löscht den Brand mit dem Strahl seines Urins.

Es folgen Beobachtungen über die liliputanischen Sitten – ihre schräge Schrift, ihr Begräbnis mit dem Kopf nach unten, weil sich die scheibenförmige Erde am Tag der Auferstehung umwenden werde. Dann erfährt Gulliver, dass gegen ihn Anklage erhoben worden ist, unter anderem wegen öffentlichen Urinierens. Statt der Todesstrafe planen die Liliputaner, ihn zu blenden und allmählich verhungern zu lassen; sein Skelett soll als Denkmal erhalten bleiben. Gulliver kommt dem zuvor und setzt nach Blefuscu über. Drei Tage später entdeckt er ein Boot, macht es seetüchtig und tritt die Rückreise an. Ein englischer Kaufmann nimmt ihn auf; als Beweis seiner Geschichte zeigt er das mitgeführte Zwergvieh.

Zwei Monate nach seiner Rückkehr drängt es Gulliver erneut zur See. Unter dem Kommando von Kapitän John Nicholas fährt das Schiff zum Kap der Guten Hoffnung und durch die Meerenge von Madagaskar, gerät in einen gewaltigen Monsun und stößt auf unbekanntes Land. Gulliver geht mit einigen Männern an Land und entfernt sich ein Stück; die anderen rudern entsetzt zurück, weil sie von einem Riesen verfolgt werden. Gulliver flieht in ein Feld, dessen Gerste vierzig Fuß hoch steht. Riesen mit Sensen sind bei der Arbeit; um nicht zertreten zu werden, schreit er, so laut er kann. Ein Riese hebt ihn auf und übergibt ihn dem Farmer, der ihn mit nach Hause nimmt. Nach dem Essen darf er im Bett der Farmersfrau schlafen; nachts klettern zwei Ratten herauf, eine tötet er mit dem Säbel. Mit der neunjährigen Tochter des Farmers, Glumdalclitch, schließt er Freundschaft; sie näht ihm Kleider und bringt ihm die Sprache von Brobdingnag bei. Der Farmer führt Gulliver auf dem Markt als Kunststück vor und wird damit bekannt. Schließlich muss er Gulliver an die Königin abgeben; immerhin erreicht er, dass Glumdalclitch bei ihm bleibt. Am Hof unterrichtet Gulliver den König über Sitten und Religion, Gesetz und Regierung in Europa.

Der Hofzwerg, bislang der Kleinste am Hof, sieht Gulliver mit Missgunst und wirft ihn in eine Schüssel Crème; schwimmend hält er sich an der Oberfläche, bis Glumdalclitch ihn herausholt. Beim Frühstück fallen zwanzig Wespen, vom süßen Geruch des Kuchens angelockt, durchs Fenster ein; vier durchbohrt er mit dem Säbel. Als Hofdamen sich in seiner Gegenwart entkleiden, bemerkt er, wie hässlich die Riesenhaut aus der Nähe wirkt – und schließt, dass auch seine eigene, von einem Zwerg gesehen, eine Mondlandschaft sein müsse. Am schlimmsten ergeht es ihm, als ein Affe ihn packt, aufs Dach trägt und dort fallen lässt; ein Diener klettert hinauf und rettet ihn. In den weiteren Gesprächen schildert Gulliver dem König die englischen Verhältnisse so vollständig, wie er kann. Der König kommt am Ende zu einem vernichtenden Urteil: Ein Großteil der englischen Eingeborenen sei „die verderblichste Rasse von widerlichem kleinem Gewürm, die die Natur je auf der Oberfläche der Erde erleiden musste“. Eines Tages wird Gulliver in seiner Reiseschachtel an die Küste gebracht; ein Adler ergreift die Schachtel und lässt sie über dem Meer fallen. Die Besatzung eines Schiffes entdeckt das treibende Behältnis und befreit ihn; er gelangt nach Hause.

Auf der dritten Reise nimmt ein Bekannter Gulliver an Bord. Piraten überfallen das Schiff; ein christlicher holländischer Pirat will ihn ins Meer werfen lassen, doch ein japanischer Hauptmann verhindert es. Mehr Gnade, sagt Gulliver, habe er bei einem Heiden gefunden als bei einem Mitchristen. In einem Boot mit Vorräten ausgesetzt, geht er an einer Insel an Land. Über sich bemerkt er, dass die Sonne seltsam verdunkelt ist: Eine fliegende Insel schwebt am Himmel. Auf seinen Ruf wird eine Kette herabgelassen, und er wird hinaufgezogen. Oben empfangen ihn Leute, die den Kopf zur Seite neigen und mit einem Auge nach innen, mit dem anderen nach oben blicken. Ihr Geist ist so in Spekulationen versunken, dass sie weder hören noch sprechen können, ohne dass ihnen Diener mit Klatschen auf Mund und Ohr nachhelfen. Vor dem König fehlt zunächst die gemeinsame Sprache; ein Lehrer wird angestellt. Gulliver erfährt, dass die kreisförmige Insel Laputa heißt, rund vierhundert Quadratkilometer groß ist und in ihrer Mitte einen Magneten birgt, durch den sie bewegt wird. Will der König eine Gegend des darunter liegenden Landes Balnibarbi bestrafen, lässt er die Insel über sie schweben und nimmt ihr so Sonne und Regen. Die Laputaner interessieren sich nur für Mathematik und Musik; Gulliver fühlt sich vernachlässigt und ersucht um Abreise. Er wird auf einem Berg in Balnibarbi abgesetzt.

In der Hauptstadt Lagado besucht er den Lord Munodi. Der erzählt, vor vierzig Jahren seien einige Leute auf Laputa gewesen und hätten nach ihrer Rückkehr alles, was es an Künsten, Wissenschaften, Sprachen und Handwerken gab, auf neue Grundlagen stellen wollen; sie hätten eine Akademie gegründet, in der Professoren ständig neue Regeln und Methoden ersönnen. Da keines der Projekte je zur Vollendung gelange, liege das Land in Elend. Gulliver besichtigt diese Akademie. Ein Mann versucht, Sonnenlicht aus Gurken zu gewinnen; ein zweiter, menschlichen Kot in Nahrung zurückzuverwandeln. Ein Architekt baut Häuser vom Dach abwärts, ein Arzt heilt Patienten, indem er Luft durch sie hindurchbläst. In einem Sprachprojekt sollen Verben und Partizipien abgeschafft werden, in einem anderen alle Wörter überhaupt. Ein Professor lehrt, Frauen seien nach Schönheit und Geschick im Anziehen zu besteuern. Im weiteren Verlauf reist Gulliver auch nach Glubbdubdrib und Luggnagg und gelangt schließlich nach Japan.

Auch die vierte Reise führt ihn in ein fremdes Land: das Reich der Houyhnhnms, vernünftiger, friedlicher Pferde, neben denen eine zweite Kreatur lebt – die Yahoos, denen Gulliver auf erschreckende Weise ähnelt.

Stil↑

Swift wählt die Form des nüchternen Reiseberichts. Er legt sie einem Ich-Erzähler in den Mund, der treuherzig, sachlich und scheinbar ohne Hintergedanken berichtet. Gerade dieser Ton ist die Pointe. Je trockener Lemuel Gulliver Maße, Sitten und Zahlen verzeichnet, desto schärfer sticht das Absurde hervor, von dem er erzählt. Der Roman gliedert sich in vier Teile, die einander wie ein Spiegelkabinett gegenüberstehen: winzige und riesige Menschen, schwebende Insel und vernünftige Pferde. Jedes Mal werden die Maßstäbe vertauscht.

Swifts Mittel ist die Satire: erfundene Völker, ausgedachte Sprachen, ferne Inseln mit unaussprechlichen Namen, dazu detailgenaue Beschreibungen von Hofzeremoniell, Religion und Recht. Dahinter scheinen jedoch immer wieder die englischen Verhältnisse durch. Der Streit zwischen Hoch- und Niederabsätzigen oder zwischen Spitz- und Breitenden-Eieröffnern führt politische und konfessionelle Auseinandersetzungen ad absurdum. Die Akademie von Lagado ist eine beißende Karikatur der zeitgenössischen Wissenschaftsbegeisterung. In anschaulicher Erzählweise verschmilzt Swift Abenteuer und Belehrung, Komik und Bitterkeit. Eingestreute lateinisch-anmutende Kunstwörter und kleine Originalzitate des Erzählers geben dem Bericht den Anstrich der Authentizität. Zugleich treiben sie den satirischen Witz auf die Spitze.

Rezeption↑

Der Roman Gullivers Reisen ist von Anfang an als mehr gelesen worden denn als Reise-Phantasie. Nach Campanellas Civitas solis und Bacons Nova Atlantis gilt er als Höhepunkt einer Gattung, die jenseits religiöser Heilsentwürfe das Bild einer Gesellschaft entwirft. Bei Swift geschieht das jedoch als bittere Gegenrechnung mit der wirklichen. In ihm tritt die Verbitterung des Autors über die Missstände seiner Zeit zutage. Ebenso zeigt sich die Überzeugung, dass alle menschlichen Werte und Maßstäbe nur relativ gelten.

Über die Jahrhunderte hat das Buch unzählige Bearbeitungen erlebt. Vielfach bis zur Kinder- und Jugendliteratur verkürzt, ist es in den allgemeinen Bilderschatz übergegangen. Schon das frühe Kino griff zu. Georges Méliès drehte 1902 den Kurzfilm Gulliver's Travels Among the Lilliputians and the Giants. Segundo de Chomón folgte 1903 mit Gulliver in the Land of Giants. Weitere Verfilmungen kamen von Géza von Cziffra 1924 und von Alexander Lukitsch Ptuschko mit Der neue Gulliver 1935. Hinzu kamen der Zeichentrickfilm von Roland Crandall 1939 und später eine Animationsserie von Bruno Bianchi. Bilder wie der gefesselte Riese am Strand, die zwergenhaften Liliputaner oder die fliegende Insel Laputa sind aus der literarischen und visuellen Erinnerungskultur nicht mehr wegzudenken.

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