1891
Gösta Berling
Überblick↑
Der Roman Gösta Berling ist das Erstlingswerk der schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf und erschien 1891. Er spielt im Värmland in den 1820er Jahren und erzählt vom abgesetzten Pfarrer Gösta Berling, der zum Anführer der Kavaliere auf dem Gut Ekeby wird. Diese ehemaligen Offiziere und verarmten Adligen haben auf Ekeby eine Zuflucht gefunden und verbringen ihre Tage mit Liebesabenteuern, Musik, Kartenspiel und ähnlichen Vergnügungen. Der Roman besteht aus zahlreichen recht selbständigen Kapiteln, die nur lose miteinander verknüpft sind. Bis heute zählt das Werk zu den bekanntesten und meistgelesenen schwedischen Büchern. Die deutsche Erstausgabe kam 1896 bei Haessel in Leipzig heraus.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht der junge Pfarrer Gösta Berling, der der Trunksucht verfallen ist und seine Amtspflichten vernachlässigt. Nach einer Visitation des Bischofs verlässt er bei Nacht sein Pfarrhaus und kehrt nicht mehr in sein Amt zurück. Auf dem Tiefpunkt seines Lebens nimmt ihn die Majorin auf Ekeby auf und macht ihn zu einem ihrer Kavaliere.
Auf dem Gut Ekeby leben diese Kavaliere – ehemalige Offiziere und verarmte Adlige – ein sorgloses Leben voller Feste, Musik und Spiel. In der Weihnachtsnacht schließen sie einen folgenschweren Vertrag, der ihnen ein ganzes Jahr lang die Herrschaft über die sieben Güter der Majorin verspricht. Damit beginnt eine Reihe von Abenteuern und Verstrickungen, die das ganze Värmland und seine Bewohner erfassen.
Gösta Berling, ein Mann von strahlender Erscheinung und schwankendem Charakter, gerät dabei in mehrere Liebesgeschichten. Die schöne Anna Stjärnhök, die kluge Marianne Sinclaire und die junge Gräfin Elisabet Dohna kreuzen seinen Weg. Zwischen Festen, Streichen und Schicksalsschlägen entfaltet sich das bunte Leben einer ganzen Landschaft, ihrer Gutshöfe und ihrer Menschen. Über allem liegt die Frage, ob aus dem leichtsinnigen Lebemann doch noch ein besserer Mensch werden kann.
Die Handlung im Detail↑
Der junge Pfarrer Gösta Berling ist der Trunksucht verfallen und vernachlässigt sein Amt. Bei der Visitation des Bischofs hält er zwar eine begnadete Predigt, die ihn entlastet, doch danach verlässt er das Pfarrhaus bei Nacht und Nebel und kehrt nicht zurück. Auf seinem weiteren Weg bestiehlt er ein kleines Mädchen und will sich daraufhin das Leben nehmen. Die Majorin auf Ekeby hindert ihn daran und nimmt ihn als einen ihrer Kavaliere auf.
Die Majorin erzählt ihm ihre Geschichte. Einst war sie die junge, schöne Margareta Celsing und liebte den armen Altringer. Ihre Eltern zwangen sie jedoch zur Ehe mit dem ungeliebten Major Bernt Samzelius, und sie unterhielt heimlich ein Verhältnis mit Altringer. Als ihre Mutter ihr Vorhaltungen machte, stieß Margareta sie zurück und schlug sie sogar. Die Mutter verfluchte sie. Der reich gewordene Altringer vererbte dem Major seine sieben Güter, die nun die Majorin bewirtschaftet, da verheiratete Frauen damals kein Eigentum besitzen durften.
Auf Ekeby leben die Kavaliere, ehemalige Offiziere und verarmte Adlige, ein abenteuerliches Leben. In der Weihnachtsnacht erscheint der böse Bergwerksbesitzer Sintram, der wie der Teufel auftritt. Er berichtet, die Majorin opfere ihm jedes Jahr die Seele eines Kavaliers. Daraufhin schließen die Kavaliere mit ihm einen eigenen Vertrag: Ein Jahr lang dürfen sie die sieben Güter für sich nutzen. Tun sie jedoch etwas Nützliches oder Unkavaliersmäßiges, holt der Teufel ihre Seelen. Halten sie den Vertrag ein, holt er die Seele der Majorin.
Beim Weihnachtsessen verrät einer der Kavaliere im Streit das frühere Verhältnis der Majorin mit Altringer. Der Major verbannt sie daraufhin von seinem Hof, und sie nimmt ihr Schicksal an, denn nun hat sich der Fluch der Mutter erfüllt. Der Major verlässt Ekeby.
Es folgt eine Reihe lose verknüpfter Episoden. Im verarmten Haus des Hauptmanns Uggla soll die Verlobung des Sohnes Ferdinand mit der reichen Anna Stjärnhök Rettung bringen, doch Anna hat sich dem alten, reichen Dahlberg zugewandt. Gösta will Anna zurückholen, verliebt sich aber selbst in sie. Als die beiden durchbrennen wollen und von Wölfen verfolgt werden, deutet Gösta dies als Zeichen Gottes und bittet Anna, Ferdinand zu heiraten.
Auf einem Ball auf Ekeby verliebt sich Gösta in die schöne und kluge Marianne Sinclaire. Ihr Vater, der Bergwerksbesitzer Melchior Sinclaire, setzt beim Kartenspiel seine Zustimmung zur Heirat ein, sicher, dass seine Tochter Gösta nie nehmen werde. Gösta gewinnt. Als der Vater die beiden sich küssen sieht, verlässt er wütend mit seiner Frau den Ball. Marianne wandert durch die eisige Nacht nach Hause, doch der Vater lässt sie nicht ein und schlägt sogar seine Frau, die öffnen will. Marianne legt sich in den Schnee, um zu sterben, wird aber von den Kavalieren gefunden und nach Ekeby gebracht. Sie erkennt, dass sie Gösta liebt.
Die Majorin will sich mit ihrer Mutter versöhnen, doch zuvor will sie Ekeby von den Kavalieren befreien. Marianne vereitelt diesen Anschlag. Später erkrankt Marianne an den Pocken und überlebt, doch ihre Schönheit ist dahin. Ihr Vater will das Haus versteigern, damit sie es nicht erben kann, bricht die Auktion aber im letzten Augenblick ab. Marianne kehrt zu ihren Eltern zurück und versöhnt sich mit ihnen. Gösta ist außer sich vor Wut, und es gelingt ihr nicht, ihn zurückzugewinnen, da sie zu sehr zur Selbstreflexion neigt und zu reinen, starken Gefühlen nicht fähig ist.
Eine neue Liebe tritt mit der jungen Gräfin Elisabet Dohna in Gösts Leben, die mit dem dummen und hochmütigen Grafen Henrik Dohna verheiratet ist. Auf einem Ball weigert sie sich, mit Gösta zu tanzen, weil er sich geweigert hat, die inhaftierte Majorin zu befreien. Die Kavaliere entführen sie zur Strafe, bringen sie aber wohlbehalten heim. Als der Graf verlangt, Elisabet solle Gösta zur Wiedergutmachung die Hand küssen, lässt Gösta dies nicht zu und steckt seine Hände ins Feuer. Elisabet ist überwältigt. Die beiden freunden sich an, nachdem die Kavaliere die Majorin schließlich befreien.
Nun erfährt Elisabet aus Erzählungen die Geschichte von Ebba Dohna, der verstorbenen Schwester ihres Mannes. Das fromme Mädchen hatte sich mit einem jungen Hauslehrer verlobt und gewünscht, er werde Pfarrer. Als sie erfuhr, dass er in Wahrheit ein abgesetzter Pfarrer war, zog sie sich absichtlich eine tödliche Lungenentzündung zu. Als Elisabet begreift, dass dieser Verlobte niemand anderes als Gösta Berling war, weist sie ihn aus ihrem Haus.
Weitere Schicksale verflechten sich: Die böse Gräfin Märta Dohna, Henriks Mutter, kehrt zurück und demütigt die verliebte Näherin Mamsell Marie öffentlich. Gösta will sich aus Verzweiflung mit einem armen, geistig schwachen Mädchen verloben. Um dies zu verhindern, wandert Elisabet nachts über das Eis nach Ekeby, und die beiden versöhnen sich. Doch diese nächtliche Wanderung bringt böse Gerüchte in Umlauf. Märta zwingt Elisabet mit einer List zum Geständnis ihrer Liebe. Henrik ordnet an, dass seine Frau zur Strafe wie eine Dienerin behandelt wird, und Märta quält sie grausam. Elisabet nimmt dies an, weil sie für ihre unerlaubte Liebe büßen will, flieht aber nach einem Monat, als sie ein Zeichen Gottes zu erkennen glaubt.
Die Kavaliere haben die Güter verfallen lassen und die Eisenproduktion eingestellt, wollen aber die geschuldete Menge Eisen nach Göteborg schaffen, um die Ehre Ekebys zu retten. Unterwegs treffen sie Elisabet. Gösta möchte sie mit nach Ekeby nehmen, lässt sich aber von ihrem Flehen erweichen und lässt sie ziehen. Mit Tricks täuschen die Kavaliere die geschuldete Eisenlieferung vor und retten so die Ehre des Gutes. Henrik Dohna hat unterdessen seine in Italien formunwirksam geschlossene Ehe mit Elisabet für nichtig erklären lassen. Gösta aber bleibt tief deprimiert und schwermütig, seit er Elisabet ziehen ließ.
In weiteren Episoden zeigt sich das Leben des Värmlands in seiner ganzen Buntheit: Liljecrona, einer der Kavaliere, kehrt trotz eines glücklichen Heims immer wieder nach Ekeby zurück, weil ihm dort das abenteuerliche Leben fehlt. Die unglücksbringende Hexe von Dovre verflucht die geizige Märta Dohna, sodass Elstern sie ständig verfolgen. Am Mittsommertag fährt der böse Sintram im Wolfspelz zur Kirche und lässt die Menschen frösteln.
Stil↑
Bemerkenswert an dem Roman ist die episodenhafte Erzählweise. Selma Lagerlöf reiht eher selbständige Einzelkapitel aneinander und schafft daraus dennoch eine größere Einheit. Die Geschichte Gösta Berlings, der nach mancherlei Erfahrungen zu einem besseren Menschen geläutert wird, bildet dabei den Rahmen für eine Reihe lose verknüpfter Episoden. Gerade durch diese Technik gelingt es ihr, eine ganze Landschaft mit den dort lebenden Menschen, ihrer Lebensweise, ihren Traditionen und Gebräuchen darzustellen.
Die Handlung ist phantasievoll und sprengt immer wieder die Grenzen des Realen. Teufelspakte, Hexen, Flüche und unheimliche Erscheinungen mischen sich in das Geschehen. Mit dieser locker gefügten Struktur setzte sich die Autorin über die damals üblichen Muster hinweg. In stilistischer Hinsicht blieb das Werk ein Einzelgänger in ihrem Schaffen. Schon in ihrem nächsten Roman, Die Wunder des Antichrist, pflegte sie einen schlichteren Stil, den sie im Lauf ihres Lebens immer weiter vereinfachte.
Rezeption↑
Als Selma Lagerlöfs erster Roman erhielt das Werk zunächst schlechte Kritiken und verkaufte sich nur schleppend. Dennoch wurde es zu ihrem Durchbruch. Bis heute zählt es zu den bekanntesten und meistgelesenen schwedischen Büchern und wird zu Lagerlöfs größten Meisterwerken gerechnet.
In dem Roman schlägt die Autorin viele Themen an, die sie ihr Leben lang begleiten sollten. Dieselbe Landschaft ist auch Schauplatz der Romane Liljecronas Heim und Der Kaiser von Portugallien, in denen sogar Orts- und Personennamen wiederkehren. Die segensreiche Wirkung der Arbeit spielt auch in Die Wunder des Antichrist und Jerusalem eine wichtige Rolle, und der Sieg der Liebe ist ein durchgehendes Thema in ihrem Werk. Der Stoff wurde später mehrfach adaptiert, unter anderem 1924 als Stummfilm unter der Regie von Mauritz Stiller.
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