1858 – 1940
Selma Lagerlöf
Kurzporträt↑
Selma Lagerlöf zählt zu den bekanntesten Schriftstellerinnen Schwedens. Ihre Werke gehören zur Weltliteratur. Geboren wurde sie 1858 in Värmland. Sie schuf geistliche, fantasievolle und heimatverbundene Romane sowie Kinderbücher. Zu ihren populärsten zählt das 1906/1907 erschienene Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen. Im Jahr 1909 erhielt sie als erste Frau den Nobelpreis für Literatur. 1914 wurde sie als erste Frau in die Schwedische Akademie aufgenommen. Sie starb 1940 im Alter von 81 Jahren.
Biografie↑
Geboren wurde Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf am 20. November 1858. Ihr Vater war der Gutsbesitzer Leutnant Erik Gustaf Lagerlöf. In der Forschung umstritten ist der Geburts- und Sterbeort. Wikidata gibt die Östra Ämterviks Kirchengemeinde an, die Deutsche Nationalbibliothek nennt das Gut Mårbacka. Ihre Mutter Louise, geborene Wallroth, stammte aus einer vermögenden Kaufmannsfamilie aus Filipstad. Die Großeltern väterlicherseits kamen beide aus Pfarrersfamilien. Das Gut Mårbacka war über mehrere Generationen jeweils an die Töchter der Familie weitervererbt worden. Die Geschichte ihrer Großeltern erzählte Selma Lagerlöf später in Liljecronas Heim.
Lagerlöf war das zweitjüngste von sechs Geschwistern. Ein Bruder wurde Arzt, ein anderer wanderte nach Amerika aus. Zwei Schwestern starben jung – eine bereits vor ihrem dritten Geburtstag, die andere an Tuberkulose. Diese Krankheit beschäftigte Selma Lagerlöf später in Nils Holgersson und Der Fuhrmann des Todes. Am nächsten stand ihr die vier Jahre jüngere Schwester Gerda. Die Mädchen gingen nicht zur Schule. Sie wurden zu Hause von Gouvernanten unterrichtet.
Lagerlöf wurde mit einem Hüftleiden geboren. In den Quellen wird es unterschiedlich schwer geschildert. Im Alter von drei Jahren waren ihre Beine nach einer Krankheit vollständig gelähmt. Später verschwand die Lähmung wieder. Mit neun und mit vierzehn Jahren erhielt sie in Stockholm eine Physiotherapie. Ein leichtes Hinken blieb zurück. Ihr Schicksal als Außenseiterin stilisierte sie in ihrer Autobiografie bewusst. Außenseiterfiguren spielen in ihrem Werk eine wichtige Rolle, etwa Jan i Skrolycka in Der Kaiser von Portugallien.
In den 1860er Jahren verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage in Värmland. So geriet auch das Gut der Familie in Bedrängnis. Die Angst vor dem Verlust des Heims verarbeitete Lagerlöf später in vielen Werken. 1890 musste Mårbacka wegen Schulden verkauft werden, nach dem Tod des Vaters und als Selma Lagerlöf dort schon nicht mehr lebte. Schon als junges Mädchen las sie leidenschaftlich gern. Sie interessierte sich für die Sagen ihrer Heimat, die sie von Vater und Großmutter gehört hatte.
Gegen den Wunsch ihres Vaters ging Lagerlöf 1881 nach Stockholm. Bis 1882 besuchte sie ein Mädchengymnasium. Von 1882 bis 1885 machte sie eine Ausbildung zur Volksschullehrerin am Königlichen Höheren Lehrerinnenseminar. 1885 starb der Vater. Im selben Jahr trat sie eine Stelle als Volksschullehrerin in Landskrona an, die sie bis 1895 ausübte. Während dieser Zeit schrieb sie ihren ersten Roman, Gösta Berling. Ihm lagen Geschichten über die Menschen ihrer Heimat zugrunde. 1890 gewann sie mit fünf Kapiteln daraus einen Novellenwettbewerb der Zeitschrift Idun. 1891 erschien der fertige Roman. Er erhielt jedoch zunächst überwiegend negative Kritiken und verkaufte sich schlecht. Erst nach einer sehr positiven Rezension des dänischen Literaturkritikers Georg Brandes 1893 setzte sich das Buch auch in Schweden durch. Heute zählt es zu den meistgelesenen schwedischen Büchern.
Im Jahr 1895 gab Lagerlöf den Lehrerinnenberuf auf. Bis 1896 unternahm sie eine große Reise durch Südeuropa. Ihr Ergebnis war der Roman Die Wunder des Antichrist. 1897 zog sie nach Falun in Dalarna, das als Zentrum schwedischen Brauchtums galt. Die Auswanderung einer Bauerngruppe aus der Gemeinde Nås nach Jerusalem machte sie zum Thema ihres Romans Jerusalem. Mit seinem ersten Band wurde er ein großer Erfolg und bedeutete ihren endgültigen Durchbruch. 1899 schrieb sie das Libretto zur Oper Fritiofs saga von Elfrida Andrée.
Ihr bekanntestes Buch schrieb sie 1906: Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson mit den Wildgänsen. Es entstand im Auftrag des schwedischen Volksschullehrerverbandes als Lesebuch für die Schulen. Der Roman erzählt von einem vierzehnjährigen Jungen. Zur Strafe für seine Bösartigkeit gegenüber Tieren wird er in ein Wichtelmännchen verwandelt und reist mit den Wildgänsen durch ganz Schweden. Das Buch verbindet Erziehungs- und Entwicklungsroman mit einem liebevollen Porträt Schwedens. Es wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Es war zudem das erste literarische Werk, in dem die neue schwedische Rechtschreibung angewendet wurde.
1907 erhielt Lagerlöf die Ehrendoktorwürde der Universität Uppsala. Am 10. Dezember 1909 wurde ihr als erster Frau der Literaturnobelpreis verliehen, „auf Grund des edlen Idealismus, des Phantasiereichtums und der seelenvollen Darstellung", wie es in der Begründung hieß. 1914 wurde sie als erstes weibliches Mitglied in die Schwedische Akademie gewählt. 1928 erhielt sie die Ehrendoktorwürde der Universität Greifswald.
Am Neujahrstag 1908 kaufte Lagerlöf das Gutshaus von Mårbacka zurück. 1910 erwarb sie mit dem Nobelpreisgeld auch das Land. Sie betrieb in Mårbacka Landwirtschaft und eine Fabrik zur Produktion von Hafermehl. Von 1921 bis 1923 ließ sie das bescheidene rote Holzhaus zu einem repräsentativen Herrenhaus umbauen. Seither lebte sie das ganze Jahr dort. Auch nach dem Nobelpreis veröffentlichte sie bedeutende Romane, darunter 1911 Liljecronas Heim und 1914 Der Kaiser von Portugallien. Ihr letztes großes Romanprojekt war die von 1925 bis 1928 erschienene Trilogie Die Löwenskölds. Später schrieb sie eine dreiteilige Autobiografie: Mårbacka, Aus meinen Kindertagen sowie das Tagebuch der Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf, ihr letztes vollendetes Werk.
Im Privaten verband Lagerlöf ab 1884 eine innige Freundschaft mit Sophie Elkan. Sie währte bis zu deren Tod 1921. Um 1899 lernte sie in Falun die Studienrätin Valborg Olander kennen. Daraus entwickelte sich eine lebenslange Liebesbeziehung. Aus den veröffentlichten Briefen wird eine leidenschaftliche Dreiecksbeziehung deutlich, die erst mit Elkans Tod endete.
Lagerlöf engagierte sich besonders in Frauenfragen. 1911 hielt sie auf einem internationalen Frauenkongress in Stockholm die vielbeachtete Rede Hem och stat (Heim und Staat). 1933 beteiligte sie sich an einem Komitee zur Rettung jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland. 1940 half sie der deutsch-jüdischen Schriftstellerin Nelly Sachs, nach Schweden zu fliehen, und rettete so deren Leben. Um Finnland während des Winterkrieges zu unterstützen, spendete sie ihre goldene Nobelpreis-Medaille. Inmitten dieser Hilfsbemühungen starb Selma Lagerlöf am 16. März 1940 an einem Schlaganfall. Ihre letzte Ruhestätte fand sie in Östra Ämtervik.
Literarische Merkmale↑
Die Romane und Erzählungen Selma Lagerlöfs wirken auf den ersten Blick naiv. Sie erwecken den Anschein, in einer uralten mündlichen Erzähltradition geschrieben zu sein. Ihre Romane bestehen aus einzelnen Kapiteln, die jeweils abgeschlossene Episoden bilden. Das Einleitungskapitel von Jerusalem, die Ingmarssöhne, fungierte ursprünglich sogar als selbstständige Novelle. Aufgrund dieses Stils wurde Lagerlöf häufig als „sagotant" (Märchentante) abgetan. Kritiker warfen ihr vor, zu sehr auf regionale Themen beschränkt zu bleiben.
Die Literaturwissenschaft deckte erst mit der Zeit auf, wie bewusst sie mit raffinierten erzähltechnischen Methoden arbeitete. Das zeigt sich an der anspruchsvollen Konstruktion von Jerusalem, wo sie scheinbar zusammenhanglose Einzelkapitel zu einem komplexen Bau zusammensetzt. Ebenso zeigt es sich am geschickten Wechsel der Erzählperspektive in Der Kaiser von Portugallien. Hinter der Verarbeitung von Sagenstoffen und dem Auftauchen übernatürlicher Mächte lässt sich der Versuch erkennen, die Vielschichtigkeit der menschlichen Psyche zu ergründen. In ihrem Subtext setzen sich viele Werke mit sozialen Umwälzungen auseinander und stellen das überlieferte Verhältnis der Geschlechter infrage. Deshalb wird Lagerlöf heute zu den modernen Schriftstellern gezählt.
In Gösta Berling schreibt sie in einem hochgestimmten, überschwänglichen, emphatischen Ton, häufig mit direkten Anrufen an den Leser. In späteren Werken änderte sie ihren Stil. Sie pflegte nun eine lakonische, schlichte, an die isländische Saga erinnernde Schreibart. Ein Vergleich ihrer Literatur mit ihren privaten Briefen zeigt, wie kunstvoll ihre Sprache ist; in den Briefen schreibt sie natürlich und zwanglos. „Es strengt an, einfach zu sein", schrieb sie einmal. Es gelang ihr, ohne Längen von der ersten bis zur letzten Seite Spannung zu erzeugen.
Neben Romanen schrieb sie ihr ganzes Leben lang auch Kurzgeschichten, Erzählungen und Legenden. Einmal wagte sie sich an ein Gedicht in Alexandrinern. Die dramatische Form lag ihr hingegen nicht. Ihre eigenen Theaterbearbeitungen der Erzählungen Dunungen und Herrn Arnes Schatz waren bei Publikum und Kritik ein Misserfolg.
Rezeption↑
Selma Lagerlöf gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen Schwedens. Ihre Werke zählen zur Weltliteratur. Ihr erster Roman Gösta Berling erhielt zunächst überwiegend negative Kritiken und verkaufte sich schlecht. Erst nach einer sehr positiven Rezension des dänischen Literaturkritikers Georg Brandes 1893 setzte sich das Buch durch. Heute zählt es zu den meistgelesenen schwedischen Büchern. Nils Holgersson wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt.
Lange wurde Lagerlöf als „Märchentante" abgetan und auf ihre regionalen Stoffe festgelegt. Erst die Literaturwissenschaft erkannte mit der Zeit die bewusste, kunstvolle Erzähltechnik hinter dem scheinbar naiven Ton. So wird sie heute zu den modernen Schriftstellern gezählt. Ihre Auszeichnungen unterstreichen ihren Rang. 1909 erhielt sie als erste Frau den Literaturnobelpreis. 1914 wurde sie als erste Frau in die Schwedische Akademie gewählt. Dazu kamen Ehrendoktorwürden der Universitäten Uppsala (1907) und Greifswald (1928).
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