1901
Jerusalem
Überblick↑
Der zweibändige Roman Jerusalem der schwedischen Schriftstellerin Selma Lagerlöf erschien 1901 und 1902. Er erzählt – ausgehend von einem wirklichen Ereignis – das Schicksal einiger Bauern aus der schwedischen Landschaft Dalarna. Nach einem religiösen Erweckungserlebnis wandern sie nach Jerusalem aus, um sich dort einer von amerikanischen Evangelikalen gegründeten Kolonie anzuschließen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Schauplatz ist eine namentlich nicht genannte Gemeinde in Dalarna gegen Ende des 19. Jahrhunderts sowie die Stadt Jerusalem. Der Roman verbindet zwei Erzählstränge. Der eine schildert das Schicksal der Bauern, die nach einem religiösen Erweckungserlebnis ihre Heimat verlassen und ins Heilige Land auswandern. Der andere handelt vom Geschlecht der Ingmarssöhne, der angesehensten Bauernfamilie des Ortes, die einen der größten und ältesten Höfe bewirtschaftet, den Ingmarshof.
Die beiden Stränge sind eng miteinander verknüpft. Karin Ingmarsdotter, die nach dem Tod ihres Vaters den Hof besitzt, wird zur Anführerin der Auswanderer. Ihr jüngerer Bruder Ingmar, eigentlich als Erbe vorgesehen, sieht sich um seine Zukunft betrogen, als Karin den Hof versteigern lässt, um Geld für die weite Reise zu beschaffen. Auslöser der ganzen Erweckungsbewegung ist ein Missionshaus, das der Dorflehrer Storm errichtet. So entfaltet sich die Geschichte zwischen der alten bäuerlichen Ordnung der Heimat und der Sehnsucht nach dem Heiligen Land.
Die Handlung im Detail↑
Im Mittelpunkt steht das Geschlecht der Ingmarssöhne und ihr Hof in Dalarna. Nach dem Tod des Vaters Ingmar Ingmarsson besitzt die Tochter Karin Ingmarsdotter den Ingmarshof. Als eine religiöse Erweckungsbewegung die Gemeinde erfasst, wird Karin zur Anführerin jener Bauern, die nach Jerusalem auswandern wollen, um sich einer dort von amerikanischen Evangelikalen gegründeten Kolonie anzuschließen. Um das Geld für die Reise aufzubringen, lässt sie den Hof versteigern. Damit bringt sie ihren jüngeren Bruder Ingmar Ingmarsson um sein Erbe, denn eigentlich war er als Hoferbe vorgesehen.
Ingmar gelangt dennoch wieder in den Besitz des Ingmarshofs: Er heiratet Barbro Svensdotter, die Tochter des Mannes, der den Hof ersteigert hatte. Diesen Weg kann er aber nur um einen hohen Preis gehen. Er muss seine Verlobte Gertrud Storm, die Tochter des Dorflehrers, im Stich lassen. Gertrud schließt sich daraufhin den Auswanderern an und reist mit nach Jerusalem.
In Jerusalem gerät Gertrud in geistige Verwirrung. Auf Wunsch seiner Frau Barbro reist Ingmar Ingmarsson ins Heilige Land, um sich mit Gertrud zu versöhnen. Dort findet er die schwedisch-amerikanische Kolonie in Not. Er organisiert sie nach dem Vorbild der schwedischen Heimatgemeinde neu und gibt allen Arbeit. Damit rettet er die Kolonie vor dem Untergang. Inzwischen hat Gertrud ihr Herz einem anderen Mann zugewandt. So fährt Ingmar gemeinsam mit Gertrud und deren Verlobtem zurück nach Schweden. Nach der Geburt ihres Sohnes, der wiederum den Namen Ingmar Ingmarsson trägt, finden schließlich auch Ingmar und Barbro in Liebe zueinander.
Stil↑
Kennzeichnend ist Selma Lagerlöfs Verfahren, einen umfangreichen Roman aus einzelnen Kapiteln zusammenzusetzen, von denen jedes eine in sich abgeschlossene Episode bildet. Diese Bauweise feiert hier ihre Triumphe. Das Einleitungskapitel des ersten Bandes, „Ingmarssönerna“, war ursprünglich eine eigenständige Novelle, bevor die Autorin sie an die Spitze des Romans setzte.
Die Schilderung der Großbauern ist dabei weniger realistisch als ins Mythische gesteigert: Die Ingmarssöhne wirken eher wie ein sinnbildliches Bild des schwedischen Bauerntums. Sprechende Namen verstärken diese Wirkung – nicht umsonst heißt der Dorflehrer, der mit dem Missionshaus ungewollt die ganze Erweckungsbewegung auslöst, Storm, also Sturm. Die Folgen des religiösen Eifers werden eindringlich beschrieben, ohne dass die Erzählerin selbst eindeutig Stellung bezieht. Besonders bestechen die intensive Gestaltung der menschlichen Schicksale und die farbige Beschreibung des Lebens in Dalarna wie in Jerusalem.
Rezeption↑
Als eines der besten Werke Selma Lagerlöfs gilt dieser Roman bis heute. Er schildert das althergebrachte schwedische Bauerntum und zugleich, wie die alte Ordnung mit der selbstverständlichen Autorität der lutherischen Staatskirche unter dem Ansturm der neuen Zeit ins Wanken gerät. Letztlich geht es, wie so oft bei dieser Autorin, um den Triumph der Liebe.
In das Buch sind eigene Erfahrungen der Schriftstellerin eingeflossen. Das Kapitel über die Versteigerung des Ingmarshofs verarbeitet ihre traumatische Kindheitsangst vor dem Verlust des Heims. Karins Schicksal im ersten Band, als sie plötzlich gelähmt ist und später ebenso plötzlich wieder gehen kann, geht auf eine eigene Kindheitserfahrung zurück, die sie in Mårbacka geschildert hat: Nach einer Erkrankung war sie zeitweise gelähmt. Auch die segensreiche Wirkung der Arbeit, schon in Gösta Berling von entscheidender Bedeutung, spielt hier eine wichtige Rolle, wenn Ingmar die Kolonie rettet, indem er sie das Arbeiten lehrt.
Neben dem Auswandererepos von Vilhelm Moberg zählt das Werk zu den großen Auswandererromanen der schwedischen Literatur. Bemerkenswert war für die damalige Zeit, dass die Autorin einfache Bauern zu den Helden eines Romans machte. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, unter anderem von Victor Sjöström und Gustaf Molander sowie 1996 von Bille August.
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