Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Johann Christof
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Johann Christof
1904
– Werkseintrag –

Johann Christof

1904 · Roman

Der Lebensweg eines genialen deutschen Musikers, erzählt in zehn Bänden – ein Werk der Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland, das Romain Rolland den Weg zum Nobelpreis ebnete.

Überblick↑

Der zehnbändige Roman Jean-Christophe von Romain Rolland erzählt das Leben eines genialen deutschen Musikers. Er erschien zunächst als Fortsetzungsroman zwischen 1904 und 1912 in der Literaturzeitschrift Cahiers de la Quinzaine, ab 1905 dann im Verlag Ollendorff. Den Ruhm des Werks begründeten vor allem die Leser; die Literaturkritik nahm es erst spät und nur vereinzelt wahr. Schon 1905 erhielt Romain Rolland dafür als zweiter Preisträger den Prix Vie heureuse, den Vorläufer des Prix Femina. Und der Roman trug wesentlich dazu bei, dass ihm 1915 der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde. Sein Held Jean-Christophe Krafft steht für die Hoffnung auf eine versöhnte Menschheit und für das Zusammenwirken Frankreichs und Deutschlands.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Jean-Christophe Krafft, ein hochbegabtes Kind aus einer deutschen Musikerfamilie am Rhein. Schon früh zeigt sich seine außergewöhnliche Gabe: Er ist ein Wunderkind am Klavier und komponiert wie von selbst. Der Roman begleitet ihn durch Kindheit und Jugend, durch erste Freundschaften und Verliebtheiten, durch Not und Auflehnung. Später führt ihn sein Weg nach Paris, wo er als Komponist Fuß zu fassen versucht und mit der französischen Gesellschaft, dem Kunstbetrieb und dem Zeitungswesen aneinandergerät. Sein leidenschaftliches Temperament treibt ihn von einer Bewährungsprobe zur nächsten. So wird sein Leben zur Suche nach innerer Harmonie und zugleich zum Bild einer möglichen Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland.

Die Handlung im Detail↑

Der erste Band L'Aube (Die Morgenröte) schildert die frühen Jahre des Helden, von seiner Geburt in einer kleinen deutschen Stadt am Rhein bis zu seinem siebten Lebensjahr. Rolland zeichnet das Erwachen von Jean-Christophes Empfindsamkeit und sein Verhältnis zu den Menschen um ihn her. Rasch zeigt sich der Junge als Wunderkind, als genialer Pianist mit einem angeborenen Sinn für das Komponieren. Der Band endet am Abend seines ersten Konzerts, das er vor dem Hof des Fürsten seiner Stadt gibt.

Im zweiten Band Le Matin (Der Morgen) ist Jean-Christophe elf Jahre alt. Nun als Pianist im Dienst des Fürsten setzt er seine musikalische Ausbildung fort. Bald verliert er seinen Großvater Jean-Michel, seinen größten Rückhalt. Er schließt Freundschaft mit dem gleichaltrigen Otto Diener und erlebt eine zarte Liebe zu Minna von Keirich, einer jungen Adligen. Am Ende des Bandes wird sein Vater Melchior ertrunken im Mühlbach gefunden.

Der dritte Band L'Adolescent (Der Heranwachsende) zeigt Jean-Christophe und seine Mutter Louisa nach dem Tod des Vaters in bedrängter Lage. Freunde, die Familie Euler, nehmen die beiden auf. Der junge Mann ist fasziniert von seiner geheimnisvollen Nachbarin Sabine und verliebt sich dann in Ada, ein Mädchen aus der Stadt.

Der vierte Band trägt den Titel La Révolte (Die Revolte). Rolland fasst den ganzen Lebensweg seines Helden als eine Folge von Prüfungen, als „Kreise der Hölle“: Jean-Christophe muss seine Leidenschaften bändigen, ehe er sein Leben zu meistern und jene Harmonie zu erreichen vermag, die für Rolland dem Rhythmus des großen, allumfassenden Lebens entspricht.

Im fünften Band La Foire sur la place (Der Jahrmarkt auf dem Platz) beginnt Jean-Christophes Zeit als Komponist in Paris. Hier übt Rolland scharfe Kritik an der französischen Gesellschaft seiner Zeit, besonders an der vornehmen Pariser Welt, am Kunstbetrieb und am Journalismus. Der Held gibt Musikstunden und müht sich, seine Werke zur Aufführung zu bringen.

Die weiteren Bände – Antoinette, Dans la maison (Im Haus), Les Amies (Die Freundinnen), Le Buisson ardent (Der brennende Dornbusch) und La Nouvelle Journée (Der neue Tag) – begleiten ihn durch das weitere Leben. In Paris findet er in dem französischen Schriftsteller Olivier Jeannin einen engen Freund; auch dessen Schwester Antoinette und die Gestalt der Grazia Buontempi treten in sein Leben. Am Ende steht der Tod des Helden, der nach vielen Kämpfen die ersehnte Harmonie findet – als Sinnbild einer versöhnten Menschheit und des Zusammenklangs von Frankreich und Deutschland.

Stil↑

Über zehn Bände hinweg entfaltet Rolland ein einziges Menschenleben, vom Kind bis zum reifen Künstler. Diese breit angelegte Form macht Jean-Christophe zu einem groß angelegten Bildungsroman, der das Werden einer Persönlichkeit Schritt für Schritt verfolgt. Im Zentrum steht ein Musiker, und die Musik durchdringt das ganze Werk; im Hintergrund schimmert das Bild Beethovens. Zugleich ist der Held eine romantische Gestalt in der Nachfolge von Goethes Werther. Rolland formt sein Leben zu einer Suche nach Weisheit: Der Held muss die „Kreise der Hölle“ durchschreiten und seine Leidenschaften bezwingen, um schließlich zur Harmonie zu finden. Neben diesem inneren Weg steht die scharfe Beobachtung der Gesellschaft, wie sie sich besonders in den Pariser Kapiteln zeigt. Und über allem liegt der Gedanke der Versöhnung: Der deutsche Held und seine französischen Freunde stehen für das Zusammenwirken beider Nationen.

Rezeption↑

Seinen Ruhm verdankt der Roman vor allem den Lesern. Das Publikum nahm Jean-Christophe begeistert auf, lange bevor sich die Literaturkritik – von wenigen Ausnahmen abgesehen – für das Werk zu interessieren begann. Schon 1905 erhielt Romain Rolland dafür als zweiter Preisträger den Prix Vie heureuse, den Vorläufer des Prix Femina. Im selben Jahr besprach Louis Gillet den Roman, den er als Geschichte eines Wunderkindes las. Vor allem aber trug das Werk wesentlich dazu bei, dass Rolland 1915 der Nobelpreis für Literatur zuerkannt wurde. Stefan Zweig widmete dem Autor 1921 ein eigenes Buch. Und als der Roman 1949 neu aufgelegt wurde, begleitete Louis Aragon die Wiederveröffentlichung mit einer Reihe von Artikeln.

Auch Musik und Film griffen den Stoff auf. 1945 schuf Charles Koechlin nach dem gleichnamigen Abschnitt des Romans die sinfonische Dichtung Le Buisson ardent. 1978 brachte François Villiers den Roman als Fernsehfilm auf den Bildschirm.

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