1866 – 1944
Romain Rolland
Kurzporträt↑
Romain Rolland zählt zu den französischen Schriftstellern, die ihren literarischen Ruhm in den Dienst einer politischen Überzeugung stellten. Geboren 1866 in Clamecy, wurde er zunächst als Romancier, Dramatiker und Musikhistoriker bekannt. Berühmt machte ihn dann sein zehnbändiger Roman Jean-Christophe. 1915 erhielt er als dritter Franzose den Nobelpreis für Literatur. Mitten im Ersten Weltkrieg trat er von der Schweiz aus für einen Verständigungsfrieden zwischen Deutschland und Frankreich ein. So wurde er zu einer Symbolfigur der Friedensbewegung. Er starb 1944 in Vézelay.
Biografie↑
Aufgewachsen ist Rolland als Sohn eines Notars in der Kleinstadt Clamecy im Département Nièvre. Dort erhielt er eine bürgerliche Erziehung und Bildung. Schon mit elf Jahren begann er zu schreiben. Zugleich weckte seine sehr musikalische Mutter früh seine Begeisterung für die Musik. 1880 verkaufte der Vater seine Kanzlei, und die Familie zog nach Paris. So sollte der Junge sich auf die Aufnahmeprüfung der École normale supérieure (ENS) vorbereiten können. Rolland wechselte an das Lycée Saint-Louis und 1882 an das Gymnasium Louis-le-Grand, wo er sich unter anderem mit Paul Claudel befreundete. 1886 wurde er in die ENS aufgenommen und studierte dort bis 1889 Literatur und Geschichte.
Nach dem Schlussexamen bestand er auch die Einstellungsprüfung für das Amt eines Gymnasialprofessors für Geschichte. Dann ließ er sich beurlauben und ging als Stipendiat für zwei Jahre (1889–1891) an die École française de Rome. Dort sammelte er Material für eine musikhistorische Doktorarbeit über die Geschichte der Oper vor Lully und Scarlatti. In Rom verkehrte der Wagner-Verehrer im Salon Malwida von Meysenbugs, die ihn zu einem Besuch in Bayreuth mitnahm. Zurück in Paris übernahm er 1892 eine Teilzeitstelle am Lycée Henri IV und heiratete. 1895 schloss er seine Doktorarbeit ab. Fortan lehrte er als Dozent für Kunstgeschichte an der ENS, später (1904) für Musikgeschichte an der Sorbonne. Seine kinderlos gebliebene Ehe wurde 1901 geschieden.
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg unternahm Rolland zahlreiche Bildungsreisen durch West- und Mitteleuropa. Er schrieb Erzählungen, Essays, musik- und kunsthistorische Schriften sowie Biografien, darunter über Beethoven (1903), Michelangelo, Händel und Tolstoi. Seine zahlreichen Dramen blieben lange unpubliziert oder ungespielt. Die ersten aufgeführten Stücke waren 1898 Aërt und Les Loups. Letzteres eröffnete einen über vierzig Jahre fortgesetzten, achtteiligen Dramenzyklus. Dieser gilt als eine Art Epos der Französischen Revolution und reicht bis zu Robespierre (1939). 1903 begann Rolland das Werk, das ihn bekannt machen sollte: den zehnbändigen Roman Jean-Christophe (gedruckt 1904–1912). Dessen Titelheld ist der fiktive deutsche Komponist Johann-Christoph Krafft, der in Frankreich deutsche und französische Wesensart in seiner Musik vereint. Der Roman wurde ein großer Erfolg. Ein Verkehrsunfall im Oktober 1910 machte ihn für Monate dienstunfähig. 1912 gab Rolland seine Professur auf und wurde freier Schriftsteller. 1913/14 entstand der kürzere historische Roman Colas Breugnon, der erst 1919 gedruckt wurde.
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs überraschte Rolland in der Schweiz. Bestürzt sah er dort den Untergang Europas heraufziehen. Er blieb dort und lebte in Villeneuve. Von Oktober 1914 bis Juli 1915 engagierte er sich als Freiwilliger bei der Internationalen Zentralstelle für Kriegsgefangene des Roten Kreuzes in Genf. Daneben veröffentlichte er im Journal de Genève die kriegskritische Artikelserie Au-dessus de la mêlée (deutsch: Über den Schlachten). Darin kritisierte er beide kriegsführenden Lager scharf. In Frankreich galt er deshalb manchen als „innerer Feind“. 1916 wurde ihm rückwirkend der Literaturnobelpreis für 1915 zugesprochen. Die Hälfte des Preisgeldes stiftete er der Kriegsgefangenen-Zentralstelle. Rolland wurde zu einer Symbolfigur der Antikriegsbewegung. Lenin ließ 1917 über einen Mittelsmann eine Einladung in das revolutionäre Russland an ihn richten. Rolland lehnte sie unter Berufung auf seine Unabhängigkeit ab. Stefan Zweig, den er in der Schweiz traf, war von ihm überwältigt.
Nach dem Krieg gründete Rolland 1919 mit Henri Barbusse die Friedensbewegung Clarté und 1923 die Zeitschrift Europe, die sich für eine deutsch-französische Verständigung einsetzte. Seit der Oktoberrevolution sympathisierte er mit dem Kommunismus. 1935 reiste er auf Einladung Maxim Gorkis nach Moskau, wo ihn Josef Stalin empfing. Wegen der Moskauer Schauprozesse ging er ab 1936 auf Distanz zum sowjetischen System. 1939 brach er endgültig mit der Sowjetunion, als diese den Nichtangriffspakt mit dem nationalsozialistischen Deutschland schloss. In den 1920er Jahren beschäftigte er sich zudem mit Indien und schrieb eine Artikelserie über Mahatma Gandhi (1924). Sein zweites großes Romanprojekt, L’Âme enchantée (deutsch: Die verzauberte Seele), erschien zwischen 1922 und 1933. 1934 heiratete er die russische Übersetzerin seiner Werke, Maria Kudaschewa. 1937 zog er sich in den burgundischen Wallfahrtsort Vézelay zurück. Dort arbeitete er an seinen Memoiren und vollendete unter anderem ein Buch über den Autor Charles Péguy (1943). Anfang November 1944 reiste er trotz Krankheit ein letztes Mal nach Paris. Nach Vézelay zurückgekehrt, erlebte er zum Jahresende noch die fast vollständige Befreiung Frankreichs. Er starb am 30. Dezember 1944.
Literarische Merkmale↑
Charakteristisch für Rollands Erzählen ist die große, weit ausgreifende Form. Sein bekanntestes Werk, Jean-Christophe, gilt als „roman-fleuve“ – ein über zehn Bände fließender Roman, der das Leben seines Helden in voller Breite entfaltet. Auch sein zweites großes Romanwerk, L’Âme enchantée, spannt einen Bogen über Jahrzehnte. Es begleitet seine Heldin durch eine lange innere Entwicklung von der gesellschaftlichen über die politische bis zur religiösen Emanzipation.
Eng verbunden mit dieser epischen Anlage ist ein moralischer und idealistischer Grundzug. Die Nobelpreis-Begründung von 1915 würdigte den „hohen Idealismus seines dichterischen Werkes“ sowie „die Wärme und Wahrhaftigkeit, mit der er die Menschen in ihrer Verschiedenartigkeit dargestellt hat“. In Jean-Christophe verkörpert sich dieser Anspruch im Versuch, deutsche und französische Wesensart über die nationale Feindschaft hinweg miteinander zu versöhnen.
Aus Rollands Doppelbegabung als Schriftsteller und Musikhistoriker erklärt sich, dass Musik und musikalische Stoffe sein Werk durchziehen – vom Komponisten als Romanhelden bis zu seinen Biografien über Beethoven, Händel und andere. Sein Schaffen umfasst neben den Romanen einen umfangreichen Dramenzyklus zur Französischen Revolution, Biografien, Essays, Tagebücher und eine ausgedehnte Korrespondenz.
Rezeption↑
Zur Zeit seines Wirkens genoss Rolland großen Ruhm. Jean-Christophe war ein weithin gelesener Erfolg. Seine kriegskritische Schrift Au-dessus de la mêlée verbreitete sich in der zweiten Kriegshälfte rasch in mehreren europäischen Sprachen. Beides trug dazu bei, dass ihm 1916 rückwirkend der Nobelpreis für 1915 zugesprochen wurde. Nach 1918 wurde er auch von frankophilen Deutschen geschätzt, die auf eine Verständigung zwischen beiden Völkern setzten.
Der Schriftsteller Stefan Zweig traf ihn während des Krieges in der Schweiz. Er war von Rollands Person und Arbeit überwältigt und widmete ihm 1921 die Studie Romain Rolland. Der Mann und das Werk. 1925 widmete ihm der Komponist Richard Strauss ein Lied und nannte ihn darin einen „heroischen Kämpfer“ gegen die an Europas Untergang arbeitenden Mächte. Rollands Maxime „Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens“ wurde vom italienischen Marxisten Antonio Gramsci schon ab 1919 zum Leitsatz erhoben. Heute wird sie oft irrtümlich Gramsci selbst zugeschrieben.
Nach ihm sind mehrere Schulen benannt, darunter Gymnasien in Dresden und Berlin. In der Sowjetunion erschien 1966 zu seinem hundertsten Geburtstag eine Briefmarke. Trotz seines Ruhms in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird Rolland heute kaum noch gelesen.
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