1524 – 1585
Pierre de Ronsard
Kurzporträt↑
Pierre de Ronsard gilt heute als einer der bedeutendsten französischen Lyriker der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Er wurde 1524 geboren und starb 1585. Zu Lebzeiten schätzten ihn seine Zeitgenossen hoch. In den folgenden Jahrhunderten geriet er weitgehend in Vergessenheit, ehe ihn die Romantiker im 19. Jahrhundert wiederentdeckten. Ronsard war die führende Gestalt des Dichterkreises, der als La Pléiade in die Literaturgeschichte einging. Er wollte die französische Sprache nach dem Vorbild der antiken Griechen und Römer zu einer ebenbürtigen Dichtersprache erheben. Seine Sonette an Cassandre, Marie und Hélène sowie sein unvollendetes Versepos über die Anfänge Frankreichs zählen zu seinen bekanntesten Werken.
Biografie↑
Ronsard wurde im September 1524 als jüngerer Sohn eines gebildeten und literarisch interessierten Adeligen geboren. Der Vater hatte sich als Offizier in den Italienkriegen der Könige Ludwig XII. und Franz I. hervorgetan. Über seinen Geburtsort gehen die Quellen auseinander: Wikidata nennt das Schloss La Possonnière, die Deutsche Biographie spricht von „Schloß Posonnière bei Coctoure-sur-Loir", nach der Wikipedia lag es bei Couture-sur-Loir. Während Ronsards früher Kindheit war der Vater von 1526 bis 1530 längere Zeit von der Familie getrennt. Er diente den beiden ältesten Söhnen des Königs als Haushofmeister, die nach der Schlacht bei Pavia von Kaiser Karl V. in Madrid als Geiseln festgehalten wurden.
Zunächst unterrichtete ihn der Vater selbst. Mit neun Jahren kam Ronsard als Internatsschüler an das Pariser Collège de Navarre, wurde aber schon nach sechs Monaten wieder heimgeholt. Mit zwölf Jahren ging er an den Hof. Dank der Nähe seines Vaters zum König wurde er dort Page beim Dauphin François. Nach dessen Tod wurde er dem dritten Königssohn Charles zugeordnet. Im Sommer 1537 kam er in das Gefolge der Königstochter Madeleine, die mit dem schottischen König James Stuart verheiratet worden war. Er reiste mit ihr nach Schottland, wo er bis zu ihrem frühen Tod 1538 blieb. Die Heimreise führte über England und Flandern. 1539 reiste er erneut nach Schottland, diesmal im Gefolge der neuen Braut des Schottenkönigs, Marie de Guise.
Im Jahr 1540 begleitete er den mit ihm verwandten Diplomaten Lazare de Baïf auf einer dreimonatigen Reise ins westliche Deutschland und ins Elsass. Dort sollte dieser protestantische Fürsten als Bundesgenossen gegen Karl V. gewinnen. Durch den hochgebildeten Baïf kam Ronsard mit humanistischem Gedankengut in Berührung. Bald darauf erlitt er eine Krankheit, die ihn schwerhörig werden ließ. Er gab deshalb die für ihn vorgesehene Offiziers- und Diplomatenlaufbahn auf und kehrte heim. Dort las er vor allem lateinische Literatur und übte sich an Versen und an Nachdichtungen römischer Dichter wie Vergil und besonders Horaz. 1543 ließ er sich die niederen Weihen erteilen, um später eine der gut dotierten Kirchenpfründen besetzen zu können, über die die Könige verfügten.
Nach dem Tod des Vaters ging Ronsard 1545 zurück nach Paris. Er nahm am Unterricht teil, den der junge Gräzist Jean Dorat erteilte, und folgte ihm 1547 an das Collège de Coqueret. Dort begann er, Oden des griechischen Dichters Pindar nachzudichten. Mit Joachim du Bellay, den er einige Jahre zuvor kennengelernt hatte, und weiteren Literaten schloss er sich 1549 zu einem Kreis zusammen. Die Mitglieder nannten ihn zunächst „La Brigade". Später grenzte Ronsard ihn auf sieben Mitglieder ein, und der Kreis wurde als „La Pléiade" bekannt. An Du Bellays programmatischer Schrift La Défence et illustration de la langue française war Ronsard als Diskussionspartner beteiligt.
Im Jahr 1550 veröffentlichte er seine Oden in dem Sammelband Les quatre premiers livres des Odes, dem er 1552 eine Fortsetzung folgen ließ. Der Erfolg blieb hinter seinen Erwartungen zurück. Die gelehrten pindarischen Oden zielten mehr auf den Beifall der Freunde als auf ein breites Publikum, und auch der Hof reagierte kühl. Ronsard nahm sich die Lektion zu Herzen. Noch 1552 ließ er mit Les Amours de Cassandre einen Band von Liebessonetten im Stil des Petrarkismus erscheinen, die den Geschmack am Hof besser trafen. Sie besingen eine gewisse Cassandra Salviati, die er als junges Mädchen bei einem Hoffest in Blois erblickt haben will. Es folgten gemischte Sammelbände wie Le Bocage und Mélanges (beide 1554). 1555 und 1556 erschienen die Continuation des Amours und die Nouvelle continuation des Amours, in denen er ein einfaches Mädchen namens Marie besingt, sowie zwei Bände Hymnes zum Lobpreis bedeutender Personen und mythologischer Figuren.
König Heinrich II. wies ihm 1553 einige Pfründen zu, womit er finanziell unabhängig wurde. 1558 erhielt Ronsard das Amt eines königlichen Rates und Almoseniers und damit die Rolle des Hofdichters. Auch nach dem Tod Heinrichs II. 1559 blieb seine Stellung intakt. 1560 erschien eine erste Gesamtausgabe seiner Werke in vier Abteilungen. 1561 überreichte er dem jungen König Karl IX. ein in Versen verfasstes Lehrbuch für Monarchen.
Als 1562 der offene Bürgerkrieg zwischen Katholiken und Reformierten ausbrach, konnte Ronsard die Politik nicht länger umgehen. Zunächst wirkte er mit gereimten „Reden" ausgleichend. Dann aber engagierte er sich entschieden auf Seiten der katholischen Krone und wurde zum gefürchteten Pamphletisten. Von der Gegenseite wurde er angegriffen, worauf er 1563 ironisch antwortete. Ab 1566 zog er sich aus der Politik zurück und weilte zunehmend in seinem Priorat Saint-Cosme nahe Tours. 1569 begann er das große Projekt seines Lebens, das Versepos La Franciade. Damit wollte er dem zerrissenen Frankreich ein nationales Epos nach dem Vorbild von Vergils Äneis geben. Er vollendete jedoch nur 4 der 24 geplanten Gesänge, die wenige Tage vor der Bartholomäusnacht im August 1572 erschienen. Danach brach er die Arbeit ab.
In den folgenden Jahren überarbeitete Ronsard, zunehmend von Gicht geplagt, immer wieder seine Werke. Die Gesamtausgabe von 1578 enthielt neben melancholischen Gedichten über den Tod Maries die rund 130 Sonnets pour Hélène. Mit ihnen feierte er ein spätes und vielbeachtetes Comeback als Liebeslyriker. 1584 erschien die sechste und letzte Gesamtausgabe. Ronsard starb im Dezember 1585. Auch beim Sterbeort gehen die Quellen auseinander: Wikidata nennt La Riche, die Deutsche Biographie „Sain Cosme-en-l'Isle bei Tours", nach der Wikipedia starb er im Priorat Saint-Cosme bei La Riche in der Touraine. Seine letzten Gedichte erschienen postum 1586 unter dem Titel Les derniers vers.
Literarische Merkmale↑
Ronsards Dichtung ist vom Programm der Pléiade geprägt. Er wollte die französische Sprache nach dem Vorbild der antiken Griechen und Römer zu einer vollwertigen Dichtersprache erheben. In seinen frühen Oden orientierte er sich an Pindar und Horaz und führte damit eine neue Gattung in die französische Literatur ein. Diese pindarischen Oden waren allerdings mit Gelehrsamkeit überfrachtet und fanden beim breiteren Publikum wenig Anklang.
Nach diesem mäßigen Erfolg wandte sich Ronsard einem zugänglicheren Stil zu. In seinen Liebessonetten griff er den kunstvollen Petrarkismus seiner Zeit auf. Er näherte sich aber auch dem gefälligeren Ton Clément Marots an, von dem er sich zuvor noch herablassend abgesetzt hatte. Neben Horaz nahm er sich nun auch die – damals fälschlich Anakreon zugeschriebenen – Lieder von Liebe, Wein und Lebenslust zum Vorbild. Seine Sammelbände vereinen in bunter Mischung längere Oden, kürzere „Ödchen", Sonette, Chansons, Elegien, Epigramme und Versepisteln zu den verschiedensten Themen.
Wiederkehrende Motive sind das Lob der schönen Natur und das Glück eines einfachen, den Augenblick genießenden Lebens in ländlicher Idylle. In den späteren Liebesgedichten an Marie verwendete er einen natürlicher wirkenden, „niederen" Stil. Für das Versepos La Franciade wählte er den Zehnsilbler als Versmaß. Dieses erwies sich für ein Epos jedoch als wenig geeignet – ein Grund neben anderen, warum das Werk Fragment blieb.
Rezeption↑
Zu seinen Lebzeiten war Ronsard ein hochanerkannter und maßstabsetzender Autor. Selbstbewusst beanspruchte er bereits den bedeutenden Platz für sich, den ihm die spätere Literaturgeschichte tatsächlich zuwies. Im 17. und 18. Jahrhundert jedoch geriet er weitgehend in Vergessenheit. Dazu trugen nicht zuletzt die abwertenden Urteile bei, die ein bis zwei Generationen nach ihm François de Malherbe und Nicolas Boileau-Despréaux über ihn fällten.
Erst die Romantiker entdeckten im 19. Jahrhundert den im engeren Sinne lyrischen Teil seines Schaffens wieder. Die Literarhistoriker des 19. und 20. Jahrhunderts wiesen ihm schließlich jenen sehr bedeutenden Rang zu, der ihm gebührt. Heute gilt er als einer der wichtigsten französischen Lyriker des 16. Jahrhunderts. Sein Werk wurde auch mehrfach ins Deutsche übertragen, etwa die Sonette für Hélène und die Amoren für Cassandre. Als später Nachhall seines Ruhms wurde 1999 ein Asteroid nach ihm benannt.
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