1790 – 1869
Alphonse de Lamartine
Kurzporträt↑
Alphonse de Lamartine (1790–1869) war französischer Dichter und Politiker. Er verband zwei Welten, die selten zusammenfinden. In der Literaturgeschichte gilt er vor allem als Lyriker. Mit dem Gedichtband Méditations poétiques gelang ihm 1820 ein schlagartiger Erfolg. Dieser bedeutete zugleich den Durchbruch der romantischen Lyrik in Frankreich. Daneben verlief eine lange politische Laufbahn. Sie führte ihn 1848 für kurze Zeit an die Spitze der provisorischen Regierung Frankreichs. In Frankreich zählt er zu den großen Namen der Romantik. Im deutschsprachigen Raum blieb er weithin unbekannt.
Biografie↑
Lamartine wurde am 21. Oktober 1790 in Mâcon geboren. Er war das älteste Kind und der einzige Sohn einer Familie aus dem niederen Landadel. Erzogen wurde er vor allem von seiner gläubigen katholischen Mutter. Seine Kindheit verlebte er in Mâcon und auf dem Landgut der Familie in Milly. Seine Schulzeit verbrachte er in einem Internat in Lyon, aus dem er zwölfjährig ausriss. Später besuchte er ein ehemaliges Jesuitenkolleg in Belley. Seine Eltern wollten nicht, dass er in den Armeen Napoleons diente. Sie bezahlten einen Stellvertreter, was damals offiziell erlaubt war, und hielten ihn auch von einer Beamtenlaufbahn fern. So blieb er zunächst als junger Landedelmann im Elternhaus. 1811/12 reiste er mit einem Freund nach Italien und hielt sich länger in Rom und Neapel auf. Eine Liebesromanze mit einem Mädchen namens Antoniella verarbeitete er später in seinem Roman Graziella.
Im Jahr 1812 wurde er Bürgermeister von Milly und reiste erstmals nach Paris. 1814 dankte Napoleon ab und die Bourbonen kehrten zurück. Nun diente Lamartine Ludwig XVIII. als Gardeoffizier in Beauvais und Paris. Die Herrschaft der Hundert Tage 1815 verbrachte er in der Schweiz und in Savoyen. Im Herbst desselben Jahres gab er die militärische Laufbahn endgültig auf. Fortan lebte er als Privatier in Milly.
Im Oktober 1816 verliebte er sich in Aix-les-Bains in die tuberkulosekranke Madame Julie Charles. Er folgte ihr nach Paris und verkehrte in ihrem literarischen Salon. Madame Charles starb wenig später. Die Erinnerung an „Elvire“, wie er sie nun nannte, besang er in wehmütigen Versen. Dazu zählen die oft in Schulbüchern abgedruckten Gedichte L’Isolement, Le Lac und Le Temple. Zurück in Milly stellte er 1818 die Tragödie Saül fertig. Sie wurde jedoch von keinem Theater angenommen. Anfang 1819 wurde ihm die reiche protestantische Engländerin Mary-Anne Birch vorgestellt. Ein Jahr später heiratete er sie. Anfang 1820 erkrankte er schwer und näherte sich wieder der Frömmigkeit seiner Kindheit an, nun im Sinne eines katholisierten Pantheismus. Im März 1820 erschien der Sammelband Méditations poétiques. Darin sind Einflüsse der englischen Empfindsamkeit, der frühromantischen Naturdichtung und Rousseaus unverkennbar. Die Gedichte fanden großen Anklang und machten ihn schlagartig bekannt. Der Band erlebte neun Auflagen in zweieinhalb Jahren und bedeutete den Durchbruch der romantischen Lyrik in Frankreich.
Im Sommer 1820 ging Lamartine als Botschaftsattaché nach Neapel. Auf der Rückreise kam 1821 in Rom sein Sohn Alphonse zur Welt. Dieser starb 1822, kurz nachdem seine Tochter Julie geboren war. 1823 versuchte er mit Nouvelles méditations an den ersten Erfolg anzuknüpfen. Das Jahr 1824 war dunkel für ihn. Seine beiden Schwestern starben kurz nacheinander, und seine Kandidatur für die Académie française scheiterte. 1825 trat er wieder in den diplomatischen Dienst ein und war zweieinhalb Jahre Legationssekretär in Florenz. 1829 lernte er François-René de Chateaubriand kennen und kam in Kontakt mit dem jungen Victor Hugo und dessen Kreis. Ende 1829 wurde er in die Académie française gewählt und Anfang 1830 aufgenommen. Im Frühsommer 1830 erschien der Gedichtband Harmonies poétiques et religieuses. Nach der Julirevolution und der Abdankung Karls X. quittierte er den diplomatischen Dienst. Den „Bürgerkönig“ Louis-Philippe betrachtete er nämlich nicht als rechtmäßigen Herrscher. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung 1831 scheiterte er, obwohl er in drei Wahlkreisen zugleich kandidierte.
Enttäuscht unternahm er 1832/33 auf einem eigenen Schiff mit Familie und Freunden eine prägende Orientreise. 1832 durchstreifte er Palästina. In Beirut erkrankte und starb seine zehnjährige Tochter. Seine Eindrücke verarbeitete er in der umfangreichen Reportage Voyage en Orient, die 1835 erschien. Noch vor seiner Heimkehr wurde er 1833 in einer Nachwahl zum Abgeordneten gewählt. Von 1838 bis 1848 vertrat er, mehrmals wiedergewählt, seinen heimatlichen Wahlkreis um Mâcon. Trotz konservativer Grundeinstellung zeigte er sich offen für humanitäre und soziale Fragen, besonders für die Armut und die Proletarisierung der wachsenden Städte.
Seit 1831 arbeitete er an einem Epos in Alexandrinern. 1836 und 1838 veröffentlichte er daraus die längeren Stücke Jocelyn und La Chute d’un ange. Jocelyn hatte beachtlichen Erfolg. La Chute d’un ange blieb ein Ladenhüter, sodass er auf den Abschluss des Werks verzichtete. 1839 erschien der Gedichtband Recueillements poétiques. 1843 brach er mit dem Regime Louis-Philippes und wurde ein oppositioneller Republikaner und gefürchteter Redner. Er begann seine monumentale Histoire des Girondins (gedruckt 1847). Der Historiker Walter Grab beurteilte sie als „romantisierende Verklärung der Revolution mit zahlreichen Irrtümern und Erfindungen“.
Zum Ausbruch der Februarrevolution 1848 hatten seine Reden beigetragen. Danach wurde Lamartine Außenminister und Kopf der provisorischen Regierung. Die politische Praxis lag ihm jedoch nicht. Machtbewusstere Kollegen wie General Cavaignac drängten sich in den Vordergrund. Bei der Wahl zum Staatspräsidenten Ende 1848 unterlag er Louis Napoléon Bonaparte, dem späteren Napoléon III. 1849 wurde er nochmals zum Abgeordneten gewählt. Doch mit dem Staatsstreich Bonapartes Ende 1851 war seine politische Rolle beendet. Durch seine Wahlkampagnen verarmte er und musste 1860 das Landgut der Familie in Milly verkaufen. Er lebte mühsam von seiner Schriftstellerei, unter anderem von den autobiografischen Confidences (1849–1851), von historischen Sachbüchern, sozial engagierten Romanen und dem von 1856 bis 1869 monatlich erscheinenden Cours familier de littérature. Lamartine war seit 1863 verwitwet und krank. 1867 söhnte er sich mit dem Regime des Zweiten Kaiserreichs aus und nahm eine staatliche Pension sowie eine kostenlose Wohnung der Stadt Paris an. Er starb am 28. Februar 1869 in Paris. Sein autobiografischer Liebesroman Graziella wurde erst nach seinem Tod erfolgreich und vielfach neu aufgelegt.
Literarische Merkmale↑
Seinen Platz in der Literaturgeschichte verdankt Lamartine vor allem seiner Lyrik. Mit den Méditations poétiques brachte er eine Dichtung hervor, die sich nicht mehr vorwiegend an den gebildeten Intellekt und Schönheitssinn richtete. Sie machte Leidenschaften und Stimmungen, erotische und religiöse Sehnsüchte, Träumerei und Natureindrücke zum Gegenstand und wollte vor allem das Gefühl ansprechen. Darin wirken Einflüsse der englischen Empfindsamkeit, der frühromantischen Naturdichtung und Rousseaus nach. Wehmut und Erinnerung prägen viele seiner bekanntesten Verse, etwa die Gedichte auf die früh verstorbene „Elvire“. Neben der Lyrik arbeitete Lamartine in weiteren Formen: an einem Epos in Alexandrinern, an Reiseliteratur, an Geschichtswerken und autobiografischen Romanen. Religiöse Empfindung und ein katholisierter Pantheismus durchziehen sein dichterisches Werk. Diesem Pantheismus wandte er sich nach 1820 zu.
Rezeption↑
In Frankreich zählt der Lyriker Lamartine unbestritten zu den Großen der Romantik. Der Erfolg seiner Méditations poétiques zeigte sich in neun Auflagen in zweieinhalb Jahren. Er verband über Jahrzehnte literarische und politische Tätigkeit. Das hat dazu beigetragen, dass in Frankreich der Typ des auch praktisch politisch engagierten Autors geschätzt wird und häufig in Erscheinung tritt. Im deutschsprachigen Raum dagegen scheint Lamartine kaum bekannt. Dabei erschienen im 19. Jahrhundert zahlreiche Übersetzungen, unter anderem durch Gustav Schwab und Georg Herwegh. Sein Roman Graziella entfaltete seine Wirkung erst nach dem Tod des Autors. Er wurde immer wieder neu aufgelegt und zu einem Theaterstück, drei Opern und schließlich zwei Filmen verarbeitet.
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