1899 – 1950
Elisabeth Langgässer
Kurzporträt↑
Zu den christlich geprägten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts zählt Elisabeth Langgässer, die 1899 in Alzey geboren wurde und 1950 in Karlsruhe starb. Bekannt wurde sie vor allem durch ihre Lyrik sowie durch ihre Erzählungen und Kurzgeschichten. Ein Hauptthema ihres Werkes war der Widerstreit zwischen dem triebhaften Naturleben und dem Göttlichen; damit stand sie in der Tradition der christlichen Mystikerinnen. Während der NS-Diktatur galt sie als „Halbjüdin“, wurde mit einem Publikationsverbot belegt und musste Zwangsarbeit leisten. Ihren bekanntesten Roman, Das unauslöschliche Siegel, schrieb sie über weite Strecken heimlich unter diesen bedrängenden Bedingungen.
Biografie↑
Am 23. Februar 1899 kam Elisabeth Langgässer in Alzey zur Welt. Sie war die Tochter des katholischen Baurats und Architekten Eduard Langgässer, der jüdischer Herkunft war, und seiner Frau Eugenie, geborene Dienst. Nach dem Tod des Vaters zog die Familie 1909 nach Darmstadt. Dort besuchte Elisabeth die Viktoriaschule, eine höhere Mädchenschule mit angeschlossenem Lehrerinnenseminar, und legte das Abitur ab.
Nach einer pädagogischen Ausbildung arbeitete sie von 1919 bis 1928 als Volksschullehrerin, unter anderem in Steinheim am Main, Seligenstadt und Griesheim. 1924 erschien ihr erster Gedichtband Der Wendekreis des Lammes. Am 1. Januar 1929 brachte sie als ledige Mutter ihre Tochter Cordelia zur Welt; deren Vater war der Staatsrechtler Hermann Heller. Im Frühjahr übersiedelte sie nach Berlin und war dort zunächst erneut im Lehrberuf tätig, unter anderem als Dozentin an der Sozialen Frauenschule.
Ab 1931 arbeitete Langgässer als freie Schriftstellerin und verfasste unter anderem Hörspiele für die Funk-Stunde Berlin. Bei der letzten freien Wahl im März 1933 wählte sie Adolf Hitler. Im selben Jahr gab sie zusammen mit Ina Seidel Frauengedichte der Gegenwart heraus. 1935 konnte sie noch ihre Tierkreisgedichte veröffentlichen, 1936 den Roman Der Gang durch das Ried. Im Juli 1935 heiratete sie den Redakteur Wilhelm Hoffmann, der wegen dieser Heirat mit einer nach den Nürnberger Gesetzen als „Halbjüdin“ eingestuften Frau seine Stellung verlor. Das Paar bekam drei Töchter: Annette, Barbara und Franziska.
1936 wurde Langgässer als „Halbjüdin“ aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen und mit einem Publikationsverbot belegt, an das sie sich jedoch nicht hielt. 1938 brachte der Salzburger Verleger Otto Müller kurz vor dem „Anschluss“ Österreichs ihren Text Rettung am Rhein heraus. Danach begann sie heimlich mit der Arbeit an ihrem bekanntesten Roman, Das unauslöschliche Siegel.
Ab 1942 musste sie Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik leisten; im selben Jahr zeigten sich erste Anzeichen einer Multiplen Sklerose. Ihre Tochter Cordelia, die nach den Nürnberger Gesetzen als „Volljüdin“ galt, wurde 1944 als Fünfzehnjährige nach Theresienstadt und anschließend nach Auschwitz deportiert. Sie überlebte und wurde 1945 mit einem „Weißen Bus“ nach Schweden gebracht. 1946 erhielt Langgässer erstmals wieder Nachricht von ihrer Tochter.
Nach Kriegsende konnte Langgässer 1945 den Roman Das unauslöschliche Siegel abschließen. 1947 sprach sie auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress. 1948 übersiedelte sie nach Rheinzabern und veröffentlichte die Kurzgeschichtensammlung Der Torso. Im März 1950 wurde sie in die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur aufgenommen. Von einem neuen Schub der Multiplen Sklerose ans Bett gefesselt, starb sie am 25. Juli 1950 nach zehntägigem Koma im Karlsruher St. Vinzenz-Krankenhaus. Sie wurde auf dem Alten Friedhof in Darmstadt bestattet. Ihr letzter Roman Märkische Argonautenfahrt erschien erst einige Monate nach ihrem Tod.
Literarische Merkmale↑
Aus einer Spannung vielfältiger Kräfte lebt das Werk Langgässers: aus ihrer rheinhessischen Herkunft, dem jüdischen Familienerbe und einem lebenslangen Bekenntnis zum katholischen Glauben. Bestimmendes Thema war die den Menschen verwandelnde Macht der Gnade, die ihn aus dem ewigen Kreislauf der Natur befreit und zu einem christlichen Ziel führt. Anregungen empfing sie dabei von den Künstlern des „Renouveau Catholique“, vor allem von Claudel und Bernanos.
In der Lyrik fand Langgässer nach dem Urteil der Neuen Deutschen Biographie ihre eigenste dichterische Ausdrucksweise. Sogar von ihren großen Romanen bekannte sie in einem Brief an ihr Vorbild Wilhelm Lehmann, sie seien „überhaupt nicht in Prosa geschrieben, sondern angehaltener Rhythmus“. Ihr Werk lässt sich in Schaffensperioden gliedern, die jeweils von einem lyrischen Zyklus ausgehen, um den sich Romane und Erzählungen gruppieren. Am Anfang steht der Zyklus Der Wendekreis des Lammes von 1924, in dem sie der widersprüchlichen Schöpfung das Bekenntnis zur christlichen Botschaft entgegensetzt. Das Zentrum der zweiten Periode bilden die Tierkreisgedichte, in denen alle Wesen dem Untergang geweiht nach Erlösung verlangen.
Eng damit verbunden ist das Prosawerk Proserpina, eine „Kindheitsmythe“, die das eigene kindliche Sein mit der mythischen Gestalt der Proserpina verwebt. In der Sammlung Triptychon des Teufels und besonders in der Novelle Mars gibt sich der Mensch den dämonischen Naturmächten hin und geht in orgiastischem Taumel unter. In Der Gang durch das Ried deutet sich dann ein Wandel an: Die Figur Aladin, die ihr Gedächtnis verloren hat und unter einer dunklen Schuld leidet, findet durch die Zuwendung zu hilfsbedürftigen Geschöpfen zu tätiger Liebe und neuem Sinn. In ihrer dritten Schaffensperiode, die mit dem Jahreskreis Der Laubmann und die Rose einsetzt, entwickelte sie eine eigene Gattungsform, die sie das „christliche Mysteriengedicht als christliches Naturgedicht“ nannte. Auch ihren Roman Das unauslöschliche Siegel verstand sie als etwas „vollkommen Neuartiges in Form und Inhalt“. Folgerichtig verzichtete sie dabei auf rationale Begründungen und psychologische Entwicklungen, sodass ihre Personen eher Archetypisches verkörpern.
Rezeption↑
Anerkennung und Nähe fand Langgässer früh im literarischen Leben ihrer Zeit. Sie gehörte zu den Mitarbeitern der Zeitschrift „Die Kolonne“, gemeinsam mit Peter Huchel, Günter Eich sowie dem Ehepaar Oda Schäfer und Horst Lange, mit dem sie bis zu ihrem Tod eine tiefe Freundschaft verband. Als Vorbild blieb ihr zeitlebens Wilhelm Lehmann, mit dem sie in brieflichem Austausch stand.
Trotz Verfolgung und Publikationsverbot während der NS-Zeit setzte sich ihr Werk nach dem Krieg durch. 1947 sprach sie auf dem Ersten Deutschen Schriftstellerkongress, im März 1950 wurde sie in die Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur aufgenommen. Ihr Roman Das unauslöschliche Siegel trug ihr laut der Neuen Deutschen Biographie den Ruf einer der bedeutendsten deutschen christlichen Dichterinnen ein. Die NDB deutet ihr Werk insgesamt als Ausdruck einer christlichen Mystik, in der der Leser über das „bloße Begreifen“ hinaus in den Kampf zwischen Gott und Satan hineingezogen und zum Mitvollzug des Heilsgeschehens veranlasst werde.
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