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Werkseintrag · A Modest Proposal
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Cover A Modest Proposal
A Modest Proposal
1729
– Werkseintrag –

A Modest Proposal

1729 · Essay

Eine eiskalt vorgetragene Rechnung des Jahres 1729, die der englischen Politik gegenüber dem hungernden Irland einen Spiegel vorhält, wie ihn die Weltliteratur kein zweites Mal kennt.

Überblick

Eine der berühmtesten Satiren der Weltliteratur erschien 1729 in Dublin: Jonathan Swifts Flugschrift mit dem englischen Titel A Modest Proposal, auf Deutsch Ein bescheidener Vorschlag. Der vollständige Titel kündigt an, was der Text vorgibt zu bieten. Er nennt ein Mittel, damit die Kinder armer Leute ihren Eltern und dem Staat nicht länger zur Last fallen, sondern der Allgemeinheit nützlich werden. Das schmale Pamphlet rechnet mit der englischen Politik gegenüber dem verarmten Irland ab. Bis heute ist es das Musterbeispiel einer Satire, die ihre Wirkung allein durch eisige Sachlichkeit entfaltet.

Inhalt (ohne Spoiler)

Ein anonymer Sprecher wendet sich an die irische Öffentlichkeit. Er beginnt mit einem Bild, das jeder Dubliner kennt: Bettlerinnen mit drei, vier oder sechs Kindern, die in den Gassen jeden Vorübergehenden um Almosen angehen. Das Land leide unter Überbevölkerung, Armut und Kriminalität, klagt der Sprecher. Und niemand habe bisher einen wirklich praktikablen Weg gefunden, diese Lasten loszuwerden.

Genau diesen Weg wolle er nun vorschlagen. Mit der nüchternen Miene eines Wirtschaftsfachmanns kündigt er eine Lösung an. Sie lindere zugleich die Armut, entlaste die Eltern und diene dem Staatshaushalt. Was der bescheidene Vorschlag konkret beinhaltet, gehört zu den berühmtesten Pointen der Literaturgeschichte. Er sollte beim ersten Lesen die volle Wucht entfalten.

Die Handlung im Detail

Swift lässt einen namenlosen Projektemacher auftreten, der den Ton eines wohlmeinenden Sachverständigen anschlägt. Zunächst schildert er die Lage aus der Sicht der Reisenden in Dublin: "Es ist ein melancholischer Anblick für alle, die in dieser großen Stadt umhergehn oder im Lande reisen, wenn sie die Gassen, Straßen und Türen der Hütten voller Bettlerinnen sehn, hinter denen sich drei, vier oder sechs Kinder drängen, alle in Lumpen, die jeden Vorübergehenden um ein Almosen belästigen." Auch die Alten, Kranken und Verkrüppelten würden als Last empfunden, und man habe ihn oft gebeten, sich Gedanken zu machen, wie das Land von dieser Bürde zu befreien sei.

Dann kommt der Vorschlag. Der Sprecher empfiehlt allen Ernstes, irische Babys als Nahrungsmittel zu verwenden. Säuglinge armer Eltern sollten gemästet und im richtigen Alter geschlachtet werden, um auf den Tafeln wohlhabender Herrschaften zu landen. Den Eltern brächte das ein willkommenes Einkommen, dem Land weniger hungrige Mäuler, der Wirtschaft einen neuen Geschäftszweig. Mit kaufmännischer Genauigkeit rechnet der Sprecher Stückzahlen, Preise und Gewinne durch, erörtert Zubereitungsarten und überlegt, ob sich das Fleisch auch exportieren lasse. Er kommt zu dem Schluss, dass es dafür leider nicht geeignet sei, weil es zu zart sei, um sich selbst in Salz lange zu halten – wobei er beiläufig anmerkt, er könne durchaus ein Land nennen, "das mit Freude unsre ganze Nation auch ohne Salz aufessen würde". Gemeint ist England.

Der Sprecher zählt anschließend die Vorteile seines Plans auf: weniger Katholiken im Land, ein zusätzliches Einkommen für arme Familien, neue Speisen für die Tafeln der Reichen, eine Belebung der Wirtschaft, eine Stärkung der Ehe, da Mütter ihre Kinder nun als wertvolle Ware schätzen würden. Andere, gewöhnliche Vorschläge – Besteuerung abwesender Grundbesitzer, Sparsamkeit, Förderung heimischer Waren, Mitleid der Reichen mit den Armen – verwirft er als unpraktisch und vergeblich. Am Ende versichert er, persönlich kein Interesse an seinem Projekt zu haben: Seine eigenen Kinder seien zu alt, seine Frau über das gebärfähige Alter hinaus.

Swift überzeichnet damit gezielt die ökonomischen Reformvorschläge seiner Zeit, etwa die Idee, die Armen nach dem Muster einer Aktiengesellschaft zu organisieren, oder die verbreitete Praxis, Menschen schlicht als wirtschaftliche Ressource zu betrachten. Der Titel selbst spielt vermutlich auf Bernard de Mandevilles Schrift Eine Bescheidene Streitschrift für Öffentliche Freudenhäuser von 1724 an.

Stil

Swifts Text ist eine Satire, die ihre Sprengkraft aus der konsequenten Maske bezieht. Der Sprecher äußert nirgends Empörung, nirgends Trauer, nirgends Hohn. Er argumentiert in der Sprache der politischen Arithmetik seiner Zeit, mit Zahlen, Tabellen, Kosten-Nutzen-Erwägungen und sachlichen Aufzählungen. Gerade diese kühle, beinahe freundliche Vernünftigkeit lässt das Ungeheuerliche des Vorschlags um so härter wirken. Swift parodiert die Gattung des wirtschaftlichen Projekt-Pamphlets so genau, dass die Form selbst zur Anklage wird. Wer Menschen wie Vieh berechnet, landet am Ende beim Kannibalismus.

Rezeption

Der Text gilt heute als Klassiker der englischsprachigen Satire. Er wird in vielen Sprachen immer wieder neu übersetzt und gelesen. Wo immer mit kalter ökonomischer Logik über Menschen verfügt wird, taucht A Modest Proposal als Bezugspunkt auf – als das früheste und schärfste Modell einer Satire, die nicht witzig sein will, sondern entlarvend. Bis heute dient Swifts Pamphlet als Maßstab dafür, wie weit politische Schriftstellerei gehen darf und wie viel Wahrheit eine erfundene Stimme aussprechen kann.

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