1945
A Rosa do Povo
Überblick↑
Der Gedichtband A Rosa do Povo von Carlos Drummond de Andrade entstand zwischen 1943 und 1945 und erschien 1945. Er umfasst 55 Gedichte und ist damit der umfangreichste Band des brasilianischen Dichters. Man sieht in ihm die reife Wendung seines Werks und den stärksten Ausdruck seiner sozialen Lyrik. Der Titel bedeutet auf Deutsch „Die Rose des Volkes“: Die Rose steht für die Dichtung, für die Stimme der Menschen jener Jahre. Der Band gilt als Übertragung einer finsteren Zeit in Sprache, denn er hält nicht nur ein persönliches, sondern ein gemeinsames Erleben in Brasilien und in der Welt fest.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Sammlung versammelt 55 Gedichte, die aus einer bedrängten Gegenwart heraus sprechen. Der Dichter fängt das Gefühl, den Schmerz und die Angst seiner Zeit ein. Die Entstehungsjahre fallen in den Zweiten Weltkrieg, als die deutschen Verbände im östlichen Europa geschlagen wurden und sich das Ende des Dritten Reiches abzeichnete. Zugleich stand Brasilien unter der Diktatur von Getúlio Vargas, dem sogenannten Estado Novo. Dieses Regime modernisierte das Land wirtschaftlich und ging sozial voran, verlor aber den Rückhalt im Mittelstand und bei den Intellektuellen.
Der Titel trägt ein aufrührerisches Zeichen, und viele der Gedichte sind gesellschaftlicher Natur. Doch der Band bleibt nicht auf ein Thema festgelegt: Er ist inhaltlich wie handwerklich vielfältig. Immer wieder kehren Bilder des Alltags und konkrete Ereignisse der 1940er Jahre wieder. Wer die Gedichte liest, begegnet einer Stimme, die sich zwischen politischer Anteilnahme und nüchternem Zweifel bewegt.
Die Handlung im Detail↑
Ein durchgehender Erzählfaden fehlt dieser Sammlung, denn sie besteht aus 55 einzelnen Gedichten. Was sie zusammenhält, ist die Erfahrung einer dunklen Epoche. Der Dichter schrieb die Texte zwischen 1943 und 1945, als der Krieg die Menschheit in Not hielt. Mehrere der wichtigsten deutschen Verbände waren im Osten Europas von den Russen geschlagen worden, und die Kapitulation des Dritten Reiches zeichnete sich ab. In Brasilien selbst herrschte gleichzeitig die Diktatur von Getúlio Vargas. Der Estado Novo trieb die Wirtschaft voran und galt sozial als fortschrittlich, doch die Mittelschichten und die geistigen Eliten wandten sich ab.
Aus dieser Lage schöpfen die Gedichte ihre Spannung. Sie schwanken zwischen dem Bekenntnis zur politischen Teilnahme, also der Hinwendung zu den Hoffnungen der Linken, und einem ernüchterten, skeptischen Blick. Diese Doppelheit ist kein Widerspruch. Das ganze Werk des Dichters ist von einem vielfach gebrochenen Sehen geprägt, das mehrere Bedeutungen zugleich zulässt. Die Wirklichkeit hat für ihn viele Gesichter und wird aus wechselnden Blickwinkeln betrachtet. Daraus entsteht nie eine feste Meinung, denn der ungeordnete Strom des Lebens lässt keine Gewissheiten zu.
Die gesellschaftlichen Beunruhigungen bekommen in diesem Band eine deutlichere geschichtliche Verankerung als zuvor. Der Dichter verweist mehrfach auf den Alltag und auf greifbare Vorkommnisse der 1940er Jahre. So wird die Sammlung zum Zeugnis eines Zeitraums, in dem persönliche und gemeinsame Erfahrung ineinandergreifen.
Stil↑
Kennzeichnend für diese Gedichte ist eine dichte Bildsprache. Sie sind aus Metaphern gebaut; häufig treten Auslassungen hinzu, also Sätze, in denen ein Wort bewusst fehlt. Dazu kommen Bilder, die an den Surrealismus erinnern. Die Texte gelten als kunstvoll und verwickelt und erschließen sich am ehesten Lesern mit einiger Übung in Lyrik.
Der Dichter greift auf zwei Tonlagen zurück. Die eine ist der erhabene Stil, also die gehobene Schriftsprache. Die andere mischt diese gehobene Sprache mit der Umgangssprache. Gegenüber den kurzen Versen der frühen Bände werden die Zeilen hier länger. Es überwiegen der freie Vers ohne festes Maß und der reimlose Vers.
Im Vergleich zu den früheren Büchern verschwindet der Humor beinahe ganz. Das Umgangssprachliche tritt zurück, und ein ernster, feierlicher Ton durchzieht die Verse.
Rezeption↑
Als reifes Hauptwerk des Dichters hat sich A Rosa do Povo in der brasilianischen Literatur fest verankert. Der Band gilt als der stärkste Ausdruck der sozialen und modernistischen Lyrik seines Verfassers. Man liest ihn bis heute als Übertragung einer düsteren Epoche in Sprache, weil er das Empfinden, die Schmerzen und die Beklemmung seiner Jahre festhält. Dabei wird er nicht als Werk eines Einzelnen verstanden, sondern als Zeugnis eines gemeinsamen Erlebens in Brasilien und darüber hinaus.
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