1943
A Tree Grows In Brooklyn
Überblick↑
Der Roman A Tree Grows in Brooklyn von Betty Smith erschien 1943 und trägt stark autobiografische Züge. Er erzählt vom Aufwachsen eines Mädchens in den Armenvierteln von Brooklyn zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Begonnen hatte das Buch als Sachtext unter dem Titel They Lived in Brooklyn, den Smith ab 1940 vergeblich Verlagen anbot. Erst als sie den Text 1942 bei einem Wettbewerb des Verlags Harper & Brothers einreichte, kam er weiter: Auf Anraten der Lektoren erweiterte und überarbeitete Smith ihn, machte einen Roman daraus und gab ihm den neuen Titel. Das Sinnbild des Buches ist der zähe Götterbaum, der selbst zwischen Mietskasernen wächst und immer wieder austreibt. 2012 nahm die Library of Congress das Buch in ihre Liste jener Bücher auf, die Amerika geprägt haben.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Francie Nolan, die mit ihrem jüngeren Bruder Neeley in einem armen Viertel von Brooklyn aufwächst. Ihre Eltern Johnny und Katie sind Kinder von Einwanderern aus Irland und aus Österreich und heiraten sehr jung. Johnny ist ein liebenswerter Mann, der trinkt und die Familie nicht ernähren kann. Katie hält den Haushalt mit Putzarbeit über Wasser und hat sich vorgenommen, ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, als sie es kennt. Dazu gehört vor allem eines: eine ordentliche Schulbildung.
Der Roman ist in fünf Bücher gegliedert, die jeweils einen anderen Lebensabschnitt der Familie umfassen. Erzählt wird von Umzügen innerhalb von Williamsburg, von überfüllten Schulklassen, von Gelegenheitsarbeiten und von den kleinen Freuden, die sich trotz aller Enge finden lassen. Francie liest unersättlich, beobachtet ihre Nachbarschaft genau und beginnt selbst zu schreiben. Der Erste Weltkrieg verändert die Verhältnisse in der Stadt und greift auch in ihre Pläne ein. Über allem steht die Frage, ob ein Mädchen aus diesen Straßen sich aus eigener Kraft eine Zukunft erarbeiten kann.
Die Handlung im Detail↑
Das zweite Buch führt zurück ins Jahr 1900 und erzählt, wie Johnny und Katie einander begegnen. Beide sind halbwüchsige Kinder von Einwanderern, er aus einer irischen, sie aus einer österreichischen Familie. Als Katie erst mit Francie und dann mit Neeley schwanger wird, gerät Johnny in Panik und beginnt schwer zu trinken. Katie fasst den Entschluss, ihren Kindern ein besseres Leben zu verschaffen, und erinnert sich dabei an ihre Mutter, die auf guter Bildung bestand. Insgeheim zieht sie den kräftigeren Neeley der ständig kränkelnden Francie vor. Sie nimmt sich fest vor, dass die Tochter davon niemals erfahren darf. In den ersten sieben Ehejahren muss die Familie zweimal umziehen, erst wegen Johnnys Trunkenheit, später wegen der gut gemeinten, aber missratenen Kinderbetreuung durch Tante Sissy.
Im dritten Buch richten sich die Nolans in der neuen Wohnung ein. Die siebenjährige Francie und der sechsjährige Neeley kommen in die schmutzige, überfüllte Volksschule nebenan. Francie lernt gern, selbst in dieser trostlosen Umgebung, und erreicht mit Johnnys Hilfe die Versetzung an eine bessere Schule in einem anderen Bezirk. Johnnys Versuche, die Kinder geistig zu fördern, scheitern, doch Katie hilft ihrer Tochter beim Erwachsenwerden. Kurz vor Francies vierzehntem Geburtstag rettet sie ihr das Leben, indem sie einen Mann erschießt, der Kinder vergewaltigt und getötet hat und der sich an Francie heranmacht. Als Johnny erfährt, dass Katie erneut schwanger ist, verfällt er in Schwermut. Am Weihnachtstag 1915 stirbt er an einer Lungenentzündung, die Folge seiner Trunksucht ist. Katie gibt die gesamte Lebensversicherungssumme für ein anständiges Begräbnis aus, kündigt danach die Versicherungen der Kinder und hält die Familie 1916 mit deren Nebenverdiensten über Wasser. Francies Englischlehrerin Miss Garnder tadelt sie dafür, dass sie über hässliche Dinge wie Armut und Trunksucht schreibt, und lehnt ihr Theaterstück zur Schulentlassung ab. Im Mai kommt die kleine Annie Laurie zur Welt, im Juni beendet Francie die Volksschule. Erst die Abschlussfeier lässt sie den Tod des Vaters wirklich begreifen.
Zu Beginn des vierten Buches müssen Francie und Neeley arbeiten, weil das Geld für die höhere Schule fehlt. Francie kommt zunächst in eine Fabrik für künstliche Blumen und findet dann eine besser bezahlte Stelle in einem Zeitungsausschnittbüro, wobei sie sich älter macht, als sie ist. Sie möchte vom eigenen Lohn im Herbst die High School besuchen, doch Katie schickt stattdessen Neeley: Der lerne nur weiter, wenn man ihn dazu zwinge, während Francie sich schon selbst einen Weg suchen werde. Nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten 1917 geht das Ausschnittbüro rasch ein und Francie verliert die Arbeit. Als Fernschreiberin findet sie eine neue Stelle und fasst einen neuen Bildungsplan: Sie überspringt die High School und belegt im Sommer Kurse auf Hochschulniveau. Mit Hilfe des zielstrebigen Schülers Ben Blake besteht sie diese Kurse, an der Aufnahmeprüfung der Universität scheitert sie zunächst. Eine kurze Begegnung mit dem Soldaten Lee Rhynor, der nach Frankreich verschifft werden soll, endet bitter: Er täuscht Liebe vor, obwohl er kurz vor seiner Hochzeit steht. 1918 nimmt Katie den Heiratsantrag von Michael McShane an, einem ehemaligen Polizisten, der sie seit Langem verehrt und inzwischen zu einem wohlhabenden Geschäftsmann und Politiker geworden ist.
Das fünfte Buch setzt im Herbst desselben Jahres ein. Francie, fast siebzehn, kündigt ihre Stelle als Fernschreiberin. Mit Bens Hilfe hat sie die Aufnahmeprüfungen bestanden und steht vor dem Studienbeginn an der University of Michigan; auch eine gemeinsame Zukunft mit Ben zieht sie in Betracht. Die Familie bereitet Katies Hochzeit vor und den Umzug aus der Brooklyner Wohnung in McShanes Haus. Francie besucht ein letztes Mal ihre liebsten Orte aus der Kindheit und denkt an all die Menschen, die gekommen und gegangen sind. Sie erkennt, wie viel von Johnnys Wesen in Neeley weiterlebt, der ein begabter Jazz- und Ragtime-Pianist geworden ist. Bevor sie die Wohnung verlässt, fällt ihr Blick auf den Götterbaum im Hof, der trotz aller Versuche, ihn zu beseitigen, immer wieder ausgeschlagen ist. In ihm sieht sie ein Sinnbild dafür, dass ihre Familie das Elend übersteht und gedeiht. Im Nachbarmädchen Florry, das mit einem Buch auf der Feuerleiter sitzt und den ausgehfertigen jungen Frauen zusieht, erkennt sie ihr eigenes früheres Ich. Sie grüßt Florry mit dem eigenen Namen und verabschiedet sich damit zugleich von sich selbst, während sie das Fenster schließt.
Stil↑
Zwar behandelt das Buch viele Themen wie Armut, Trunksucht und Lüge, doch sein Hauptmotiv ist die Zähigkeit: der Wille, sich über schwierige Verhältnisse zu erheben. Naturalistische Züge sind vorhanden, prägen den Roman aber nicht durchgehend. Die Nolans sind durch ihre Armut eingeschränkt und finden dennoch Wege, das Leben zu genießen. Francie kann sich schon am bloßen Anblick von Blumen berauschen.
Idealismus und Nüchternheit werden gegeneinander abgewogen, und beides erscheint zum Überleben in Brooklyn nötig. Johnny lügt über die Wohnadresse der Familie, damit Francie eine bessere Schule besuchen kann, und eröffnet ihr damit Möglichkeiten, die sie sonst nicht gehabt hätte. Sissy hilft ihm über den Entzug hinweg, indem sie an seine Begierde appelliert, und trägt so dazu bei, dass die Ehe hält. Katie erklärt ihrer Tochter Liebe und Sexualität aus zwei Blickwinkeln, die einander widersprechen: als Mutter und als Frau. Der Roman rückt überlieferte Vorstellungen von Recht und Unrecht zurecht und legt nahe, dass äußerste Armut die Maßstäbe verändert, nach denen man urteilen darf.
Auch der Blick auf die Armut selbst gehört zum Kern des Buches. Nach außen bestätigt Johnny gängige Vorurteile über die Armen, weil er süchtig ist und seine Familie nicht ernähren kann. Nimmt man jedoch seinen Charakter und seine Absichten hinzu, stellt sich die Frage, wie viel Entscheidungsfreiheit ein Mensch in solcher Lage überhaupt hat und wie stark Rollenerwartungen an Männer und Frauen das Urteil des Lesers färben. Nahezu jede Figur zeigt eine andere Seite der Armut. So entsteht ein vielschichtiges und zugleich schonungslos ehrliches Bild der Armen von Brooklyn zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Daneben behandelt der Roman das Verhältnis des Menschen zu seiner Umgebung, Bildung, das Erwachsenwerden und den Verlust der Unschuld, Familie, Ausbeutung, Liebe und den amerikanischen Traum.
Rezeption↑
Bereits vor dem offiziellen Erscheinungstermin war das Buch so gefragt, dass eine zweite Auflage gedruckt werden musste. Der Erfolg blieb ungewöhnlich groß. Der Roman erschien auch in einer Ausgabe für die Streitkräfte, klein genug, um in die Uniformtasche zu passen. Ein Marinesoldat schrieb Betty Smith, die Lektüre habe ihm neues Zutrauen gegeben und das Gefühl, doch noch eine Chance im Leben zu haben.
Später wurde der Stoff für die Bühne als Musical bearbeitet und verfilmt. Die Verfilmung von 1945 führte Elia Kazan Regie; sie ist im deutschen Sprachraum unter dem Titel Ein Baum wächst in Brooklyn bekannt. 2012 führte die Library of Congress das Buch unter jenen Werken auf, die Amerika geprägt haben.
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