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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Ansichten eines Clowns
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Ansichten eines Clowns
1963
– Werkseintrag –

Ansichten eines Clowns

1963 · Roman

Ein junger Clown sitzt betrunken in seiner Bonner Wohnung, telefoniert sich durch die Nacht und rechnet mit einer Republik ab, die zu schnell vergessen hat.

Überblick

Heinrich Bölls Roman erschien im Januar 1963 bei Kiepenheuer & Witsch. Er gehört zu den meistdiskutierten Werken der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Schon der Vorabdruck in der Süddeutschen Zeitung löste heftige Auseinandersetzungen aus, vor allem mit der katholischen Kirche. Der Roman erzählt von einem jungen Mann, der sich der Anpassung seiner Umwelt verweigert und daran zerbricht. Böll selbst räumte später ein, das Buch sei sehr konstruiert. Gegen den Vorwurf, es sei antikatholisch, wehrte er sich aber.

Inhalt (ohne Spoiler)

Hans Schnier, ein junger Komiker aus reichem Hause, kehrt nach einem missglückten Auftritt in seine Bonner Wohnung zurück. Er ist verletzt, betrunken und am Ende seiner Kräfte. Marie, die Frau, mit der er sechs Jahre lang zusammengelebt hat, ist nicht mehr da. Sie ist streng katholisch erzogen. Er hingegen lehnt jede Religion ab, hält aber an strengen moralischen Vorstellungen fest. Zwischen den beiden ist ein Streit um Heirat und Kindererziehung entbrannt. Dieser Streit hat ihre Beziehung erschüttert.

Über einige Stunden hinweg sitzt Schnier in seiner Wohnung und greift nacheinander zum Telefon. Er ruft Eltern, Verwandte und alte Bekannte an, um Geld, um Trost, um eine Spur von Marie. In den Gesprächen, in seinen Erinnerungen und Gedanken entsteht das Bild einer Gesellschaft. Diese Gesellschaft hat ihre Vergangenheit im Nationalsozialismus rasch und bequem hinter sich gelassen. Schnier hat sich gegen die Karrieren seiner Familie entschieden. Dieser Welt hält er seine eigene Bilanz entgegen. Wie er aus dieser Nacht herauskommt, bleibt offen.

Die Handlung im Detail

Der Roman umfasst nur wenige Stunden. Er beginnt mit der Ankunft des Clowns Hans Schnier in Bonn. Schnier stammt aus einer wohlhabenden rheinischen Familie, die vom Wirtschaftswunder profitiert. Er hat sich früh bewusst gegen eine Karriere als Politiker oder Unternehmer entschieden und ist Komiker geworden. Seine Werte sind hoch, aber er glaubt nicht an Gott.

Sechs Jahre lang hat er mit Marie Derkum zusammengelebt, einem streng katholischen Mädchen. Als die beiden heiraten wollen, gerät die Beziehung in eine Diskussion um die Art der kirchlichen Trauung und die Erziehung der gemeinsamen Kinder. Obwohl Hans in allen Punkten nachgibt, zerreißt das Band zwischen ihnen schon während dieser Auseinandersetzung. Am nächsten Morgen findet er nur einen Zettel: „Ich muss den Weg gehen, den ich gehen muss.“ Marie hat ihn verlassen und sich später dem katholischen Funktionär Züpfner zugewandt. Von diesem Tag an geht es mit dem zuvor erfolgreichen Komiker steil bergab. Er trinkt, vergeigt seine Auftritte und verletzt sich beim letzten Auftritt am Knie.

In dieser Verfassung kommt er in Bonn an, setzt sich in seine Wohnung und beginnt zu telefonieren. Nacheinander spricht er mit Eltern, Verwandten, kirchlichen Bekannten und Freunden, um Geld zu erbitten, um Halt zu finden, um etwas über Marie zu erfahren. Nirgendwo fühlt er sich verstanden.

In den Gesprächen und in seinen Erinnerungen entfaltet sich das Bild einer Familie und einer Gesellschaft, die sich nach 1945 mühelos umgestellt haben. Seine Mutter, einst überzeugte Nationalsozialistin, arbeitet inzwischen für das „Zentralkomitee zur Versöhnung rassischer Gegensätze“. Sein Vater, ein erfolgreicher Unternehmer, war ebenfalls überzeugter Nationalsozialist. Hans erinnert sich an einen Vorfall aus seiner Kindheit: Als eine Gruppe der Hitlerjugend wegen eines defätistischen Scherzes über den Zehnjährigen herfiel und er dem HJ-Führer in seiner Angst ein „Nazischwein“ entgegenschleuderte, verteidigte ihn der Vater nur halbherzig.

Hans erzählt von seinem alten Lehrer, der den Schülern nationalsozialistisches Gedankengut beigebracht hatte, formal jedoch nie Parteimitglied war und nach dem Krieg eine glänzende Ämterkarriere als Mann mit „weißer Weste“ machte. Er spricht über einen Schriftsteller, einen überzeugten Nazi, der einen Roman über eine deutsch-französische Liebe geschrieben hatte. Weil die Protagonisten am Ende heirateten, bekam er zehn Monate Schreibverbot. Nach dem Krieg ließ er sich als Widerstandskämpfer feiern und verwies stets auf dieses Schreibverbot. Immer wieder kreisen Hans’ Gedanken um Marie, die einzige Frau, die er je geliebt hat, und um seine Schwester Henriette, die im Krieg als Flakhelferin starb, nachdem die Mutter sie dorthin geschickt hatte.

Je weiter die Telefonate fortschreiten, desto schärfer wird die Kritik an den unreflektierten Wertewechseln der Deutschen nach dem „Dritten Reich“, an der ausgebliebenen Aufarbeitung der Vergangenheit und an der katholischen Kirche, die ihren Anhängern Anpassung und Gehorsam abverlange.

Am Ende setzt sich Hans Schnier, geschminkt und mit seiner Gitarre, auf die Treppe des Bonner Bahnhofs. Er hatte vorgehabt, die Lauretanische Litanei zu singen, beginnt aber ein spontan gedichtetes Lied mit den Zeilen: „Der arme Papst Johannes, hört nicht die CDU, er ist nicht Müllers Esel, er will nicht Müllers Kuh.“ Neben sich legt er den Hut, den er bei seinen Chaplin-Parodien getragen hat. Die Passanten halten ihn für einen Bettler, was er, wie er selbst zugibt, vielleicht auch ist, und werfen Geld hinein. So wartet er auf die Rückkehr seiner Geliebten. In den beiden Vorfassungen des Romans gab es jeweils ein Schlusskapitel, in dem Marie tatsächlich zu ihm zurückkehrte; in der Druckfassung fehlt dieses Kapitel.

Stil

Der Roman ist als innerer Monolog angelegt und umfasst nur wenige Stunden. Hans Schnier sitzt in seiner Bonner Wohnung, telefoniert, erinnert sich und kommentiert. Aus dieser Ich-Perspektive entsteht ein dichter Strom aus Beobachtungen, Erinnerungen und scharfen Urteilen. Die kurze erzählte Zeit und die weit zurückreichenden Rückblenden geben dem Buch seine charakteristische Spannung.

Bölls Sprache ist nüchtern und genau, oft bitter, immer wieder ironisch. Die Komikerrolle des Protagonisten färbt den Ton. Vieles wird grotesk überspitzt, manches in beißender Pointe zusammengezogen. Böll selbst hielt den Roman im Rückblick für „sehr konstruiert“. Die strenge Bauform aus Telefonaten und Erinnerungssträngen ist tatsächlich auffällig kunstvoll.

Rezeption

Schon der Vorabdruck in der Süddeutschen Zeitung im Herbst 1962 löste heftige Kritik aus, vor allem aus dem Umfeld der katholischen Kirche. Der Roman wurde als Angriff auf den deutschen Katholizismus und auf die Lebenslügen der jungen Bundesrepublik gelesen. Böll wies den Vorwurf des Antikatholizismus zurück.

Trotz oder gerade wegen dieser Auseinandersetzungen wurde Ansichten eines Clowns zu einem der meistgelesenen Romane Bölls und zu einem Schlüsselbuch der Adenauerzeit. 1976 verfilmte Vojtěch Jasný den Stoff fürs Kino. Heute zählt das Buch zum festen Bestand der westdeutschen Nachkriegsliteratur. Es wird als frühes, scharfes Zeugnis der bundesdeutschen Vergangenheitsverdrängung gelesen.

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