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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Heinrich Böll
Heinrich Böll
1917 – 1985
– Autorenporträt –

Heinrich Böll

1917 – 1985 · 67 Jahre

Erzähler der Trümmerjahre und moralisches Gewissen der jungen Bundesrepublik – 1972 mit dem Nobelpreis für Literatur geehrt.

Kurzbiografie↑

Heinrich Böll (1917–1985) zählt zu den bedeutendsten deutschsprachigen Autoren der Nachkriegszeit. In Kurzgeschichten, Romanen und Erzählungen schilderte er zunächst die Trümmerwelt nach 1945. Später setzte er sich kritisch mit der jungen Bundesrepublik auseinander. Werke wie Ansichten eines Clowns, Gruppenbild mit Dame und Die verlorene Ehre der Katharina Blum machten ihn weit über Deutschland hinaus bekannt. 1972 erhielt er als erster deutscher Schriftsteller der Nachkriegszeit den Nobelpreis für Literatur. Über sein literarisches Werk hinaus galt er als moralisches Gewissen der Bonner Republik. Er engagierte sich für Bürgerrechte, Friedensbewegung und osteuropäische Dissidenten.


Biografie↑

Heinrich Theodor Böll wurde am 21. Dezember 1917 in der Kölner Südstadt geboren. Sein Vater Viktor Böll war Schreiner, die Mutter Maria stammte aus der Familie Hermanns. Er war das achte Kind und der dritte Sohn seines Vaters. Die kleinbürgerliche katholische Familie lehnte den Nationalsozialismus ab. Die Inflation und der spätere Bankrott des väterlichen Geschäfts zwangen die Familie 1930 zum Umzug in eine Mietwohnung. Sein späterer Lektor Dieter Wellershoff deutete dies als "Vertreibung aus seinem Kindheitsparadies", die Böll zu seinem literarischen Lebensthema gemacht habe.

Von 1924 bis 1928 besuchte Böll die katholische Volksschule in Köln-Raderthal. Danach ging er bis zum Abitur 1937 auf das staatliche Kaiser-Wilhelm-Gymnasium in Köln. Eine anschließende Buchhändlerlehre in der Bonner Buchhandlung Lempertz brach er nach wenigen Monaten ab. 1938/39 leistete er Reichsarbeitsdienst in Wolfhagen bei Kassel. Anschließend immatrikulierte er sich an der Universität zu Köln für Germanistik und Klassische Philologie. In dieser Zeit entstand sein erster Roman Am Rande der Kirche.

Mit Kriegsbeginn im September 1939 wurde Böll zur Wehrmacht eingezogen. Er war an der West- und Ostfront, auf der Krim, in Rumänien und zuletzt im Rheinland eingesetzt und überstand schwere Verwundungen und Erkrankungen. Einen großen Teil seiner Dienstzeit war er Dolmetscher für die deutsche Besatzungsmacht. In Briefen bat er seine Eltern wiederholt um Pervitin, von dem auch nach Kriegsende eine zeitweise Abhängigkeit angenommen wird. Während eines Fronturlaubs heiratete er 1942 Annemarie Čech. Im April 1945 geriet er in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er im September entlassen wurde.

Nach der Rückkehr nahm Böll 1946 sein Studium formell wieder auf, vor allem wegen der Lebensmittelkartenzuteilung. 1947 gab er es endgültig auf. Den Lebensunterhalt sicherte in dieser Zeit vor allem seine Frau als Lehrerin und später als Übersetzerin. Böll selbst nannte sich gerne "Mann einer Beamtin". Ab 1948 lebte er als freier Schriftsteller in Köln. Erste Kurzgeschichten erschienen 1947 in Zeitschriften, 1949 die Kriegserzählung Der Zug war pünktlich als erste Buchveröffentlichung. Der Sammelband Wanderer, kommst du nach Spa… (1950) begründete seinen Ruhm als Kurzgeschichtenautor.

Der literarische Durchbruch kam 1951 mit dem Preis der Gruppe 47 für die Satire Die schwarzen Schafe, die er bei der Tagung in Bad Dürkheim vortrug. Es folgten ein Autorenvertrag bei Kiepenheuer & Witsch und die produktivsten Jahre seines Schaffens. In dieser Zeit entstanden unter anderem Wo warst du, Adam? (1951), Und sagte kein einziges Wort (1953), Haus ohne Hüter (1954), Das Brot der frühen Jahre (1955), Billard um halbzehn (1959) und Ansichten eines Clowns (1963). Ab 1954 verbrachte er regelmäßig die Sommerferien auf der Insel Achill im Westen Irlands. 1957 erschien das Irische Tagebuch. 1964 hielt er die Frankfurter Poetik-Vorlesungen unter dem Leitmotiv "Ästhetik des Humanen".

In der Adenauer-Ära positionierte sich Böll gegen den "restaurativen Zeitgeist" und galt zunehmend als Protagonist der deutschen Linksintellektuellen. Er beschäftigte sich mit den politischen Verhältnissen in Osteuropa. Die sowjetischen Dissidenten Alexander Solschenizyn (1974) und Lew Kopelew (1980) nahm er nach ihrer Ausreise in seinem Haus auf. Von 1970 bis 1972 war er Präsident des deutschen, von 1971 bis 1974 auch des internationalen PEN-Clubs. 1971 erschien Gruppenbild mit Dame, sein umfangreichster Roman und zugleich Bestseller.

1972 löste er mit dem im "Spiegel" veröffentlichten Essay über die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof einen innenpolitischen Skandal aus. Der Titel Will Ulrike Gnade oder freies Geleit? stammte gegen Bölls Willen von der Redaktion. In konservativen Kreisen galt er fortan als "geistiger Sympathisant" des Terrorismus, was ihn schwer belastete. Am 1. Juni 1972 fand in seinem Haus in Langenbroich eine Hausdurchsuchung statt, deren Umfang umstritten ist. Böll selbst sprach von bis zu 20 Polizisten. Der Einsatzleiter Helmut Conrads behauptete, nur er und ein Kollege seien dort gewesen, während Robert Spaemann als Augenzeuge mehrere schwer bewaffnete Beamte bestätigte. Im Herbst desselben Jahres erhielt Böll den Nobelpreis für Literatur. 1974 erschien Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Das Werk wurde zu seiner meistverkauften Prosaarbeit, in über 30 Sprachen übersetzt und von Volker Schlöndorff verfilmt.

Böll setzte sich kritisch mit der katholischen Kirche auseinander und trat 1976 aus ihr aus, ohne sich vom Glauben abzuwenden. Er unterstützte Rupert Neudecks Hilfsaktion für vietnamesische "boat people" und engagierte sich in der Friedensbewegung. 1983 beteiligte er sich gemeinsam mit Petra Kelly, Oskar Lafontaine und anderen an der Sitzblockade des Raketenstützpunkts auf der Mutlanger Heide. Der Roman Fürsorgliche Belagerung (1979) verarbeitete seine Erfahrungen mit dem "Deutschen Herbst". 1984 erschien Bild, Bonn, Boenisch, 1985 sein letztes Werk Frauen vor Flußlandschaft.

Böll litt an einer Gefäßerkrankung, die laut Wikipedia auf seinen starken Tabakkonsum zurückgeführt wurde. Seine letzten Jahre verbrachte er bei seinem Sohn René in Merten bei Köln. Nach einer Operation im Juli 1985 kehrte er in sein Haus nach Langenbroich in der Voreifel zurück. Dort starb er am 16. Juli 1985 einen Tag später. Beigesetzt wurde er in Merten unter großer Anteilnahme. Auch Bundespräsident Richard von Weizsäcker nahm an der Trauerfeier teil. Sein Nachlass wurde im Kölner Stadtarchiv aufbewahrt und beim Einsturz des Archivs am 3. März 2009 größtenteils stark beschädigt oder vernichtet.


Literarische Merkmale↑

Sein literarischer Rang misst sich nach verbreiteter Einschätzung weniger an den Romanen als an seinen frühen Kurzgeschichten aus der Nachkriegszeit und an der Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Als Kurzgeschichtenautor schloss er stilistisch an Ernest Hemingway an und übertrug dessen lakonische, klassizistische Prosa ins Deutsche. Den Stoizismus und die kühle Romantik des amerikanischen Vorbilds übersetzte er allerdings in einen humanistischen Blick. Angesichts des geschilderten Schreckens entzieht sich die Erzählstimme der Verurteilung der Figuren, ohne sie freizusprechen. Ähnlich verfuhr er mit John Steinbeck, dessen Vorliebe für das Bild gegenüber dem Ton er teilte – im Gegensatz zu den literarischen Modernisten seiner Zeit.

Bölls Kurzgeschichten der unmittelbaren Nachkriegszeit erzählen vor dem Hintergrund des Krieges, ohne ihn als Handlungsfolie auszubreiten. Stattdessen vermitteln einzelne Erzählstimmen, so die Deutsche Biographie, die Unmittelbarkeit katastrophischer Gegenwart und ihrer Verformungen. Ein schonungslos realistischer Zugriff unterscheidet ihn dabei laut Wikipedia von jüngeren Trümmer-Zeitgenossen wie Wolfdietrich Schnurre und Wolfgang Borchert.

In seinen Romanen verschob sich der Schwerpunkt. Werke wie Und sagte kein einziges Wort, Haus ohne Hüter, Billard um halb zehn und Ansichten eines Clowns stellten die gesellschaftliche Entwicklung der jungen Bundesrepublik in den Mittelpunkt. Böll versuchte hier, wie die Deutsche Biographie formuliert, "die sich seiner Auffassung nach in die Imperative von Besitz und Verfügung transformierte Denkform des Sozialen und Politischen" zu entlarven. In Gruppenbild mit Dame griff er stärker zu Erzählmitteln der klassischen Moderne, vor allem zur Montage. Ein als "Verf." auftretender Erzähler fügt aus Zeugenaussagen, Berichten, Dokumenten und Briefen das Lebensporträt einer Frau zusammen, die sich jeglicher gesellschaftlicher Konformität verweigert.

Eine Sonderstellung nimmt das Irische Tagebuch ein. Carl Zuckmayer lobte daran "die Einfachheit, Klarheit, Genauigkeit seiner Sprache". Die aus Impressionen dreier Irlandreisen bestehende Sammlung zeichnet sich durch eine scheinbar unverstellte, perspektivische Darstellung der Insel aus.

Übergreifend verstand Böll sein Schreiben, wie die Deutsche Biographie betont, als Versuch, eine moderne Form der Humanität zu formulieren und Freiräume des Denkens innerhalb gesellschaftlicher Normierungen zu verteidigen. Sein Schlagwort der "Ästhetik des Humanen", in der Frankfurter Poetikvorlesung 1964 entfaltet, beschreibt diese Verbindung von literarischer Form und gesellschaftlicher Verantwortung treffend.


Rezeption↑

Schon zu Lebzeiten wurde Böll von Zeitgenossen und Kritikern sehr unterschiedlich beurteilt. Nach dem Tod wichtiger Repräsentanten der deutschen Literatur und im Zuge der gesellschaftlichen Umbrüche der 1968er Jahre suchte die Öffentlichkeit, so Wikipedia, nach einer einenden Instanz. Kritiker wie Karl Heinz Bohrer riefen Böll 1967 in der FAZ zum Klassiker aus, während etwa Friedrich Sieburg den Gegenentwurf Gerd Gaiser bevorzugte. Höhepunkt seiner Rolle als öffentlicher Intellektueller war die Auseinandersetzung mit dem Springer-Verlag 1972, gefolgt zwei Jahre später von Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Günter Grass würdigte ihn als jemanden, der "vielen Lesern und Zuhörern Orientierung und einen Begriff von Freiheit" gegeben habe.

Nach seinem Tod 1985 setzte eine deutliche Neubewertung ein. Robert Gernhardt brachte sie 1994 in einem berühmten Spottvers zum Ausdruck: "Der Böll war als Typ wirklich klasse. / Da stimmten Gesinnung und Kasse. / Er wär' überhaupt erste Sahne, / wären da nicht die Romane." Sein ehemaliger Verleger Reinhold Neven DuMont sah Böll dem üblichen Schicksal verstorbener Autoren unterworfen: kurzer Auflagensprung aus Ergriffenheit, dann nachlassende Aufmerksamkeit. Marcel Reich-Ranicki urteilte, Böll habe "eine Nase für Themen" gehabt, "die den Deutschen auf den Fingern brannten". Heute seien andere Themen aktuell, der Abstand werde "unaufhaltsam immer größer". Ulla Hahn monierte, die literarische Gestaltung sei "eher bieder" gewesen. Böll habe der gesellschaftlichen Seite der Literatur mehr Gewicht beigemessen als der ästhetischen.

Gegen diese Pauschalkritik wandten sich andere Stimmen. Norbert Niemann verglich Böll mit Balzac und sah ihn auch künftig "als Spiegel einer verschwundenen Welt" gelesen. Tanja Dückers diagnostizierte 2007 eine Wiederkehr des Autors, da seine Themen nicht erledigt seien. Unbestritten blieb der Rang der frühen Kurzgeschichten – darunter Wanderer, kommst du nach Spa…, Nicht nur zur Weihnachtszeit, Doktor Murkes gesammeltes Schweigen, Die Waage der Baleks, Der Mann mit den Messern und Wiedersehen in der Allee. Den 1957 veröffentlichten Text Der Wegwerfer hielt Böll selbst für seine beste Geschichte. Das Irische Tagebuch zählt zu den wichtigsten deutschsprachigen Reisebeschreibungen des 20. Jahrhunderts und prägte das Irlandbild der Deutschen maßgeblich. Unter den Romanen wird vor allem Ansichten eines Clowns weiterhin von breiten Leserschichten gelesen.

Bölls Nachwirken zeigt sich auch institutionell. Seit 2002 erscheint die "Kölner Ausgabe" seiner Werke, abgeschlossen 2010 mit den Bänden 25 bis 27. Die 1997 gegründete, den Grünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung trägt seinen Namen, ebenso das Heinrich-Böll-Archiv, der seit 1985 von der Stadt Köln vergebene Heinrich-Böll-Preis sowie zahlreiche Schulen. Sein Ferienhaus auf Achill Island und sein Haus in Langenbroich dienen Stipendiaten als Arbeitsorte. 2017 zeigte das Museum Ludwig zum 100. Geburtstag die Ausstellung "Die humane Kamera. Heinrich Böll und die Fotografie".

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