1949
Der Zug war pünktlich
Überblick↑
Die Erzählung war 1949 das erste veröffentlichte Werk Heinrich Bölls. Sie enthält autobiografische Züge aus seiner eigenen Kriegserfahrung. Entstanden 1948, erschien sie zunächst unter dem Titel Zwischen Lemberg und Czernowitz. Das schmale Buch von rund 145 Seiten gilt als ein eindringliches Frühzeugnis der deutschen Nachkriegsliteratur. Es schildert die Heimkehr eines jungen Soldaten an die Ostfront im letzten Kriegsjahr.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Herbst 1943 steigt der deutsche Soldat Andreas nach einem Heimaturlaub in einen Fronturlauberzug. Dieser soll ihn von Westdeutschland aus quer durch Polen Richtung Schwarzes Meer bringen. Schon beim Einsteigen überfällt ihn die unheimliche Gewissheit, dass er nicht mehr lange zu leben hat. Während der langen Fahrt verdichtet sich diese Ahnung mehr und mehr zu einer konkreten Vorstellung von Zeit und Ort seines Todes.
Unterwegs schließt er sich zwei Soldaten an: einem trinkfesten, von der eigenen Frau betrogenen Unteroffizier namens Willi und einem stillen blonden Kameraden, der an der Front Schlimmes erlebt hat. Mit ihnen erreicht er Lemberg. Dort vertreiben sich die drei die letzten Stunden mit Karten, Alkohol und einem Besuch in einem Bordell. Hier begegnet Andreas der jungen polnischen Pianistin Olina. Unerwartet öffnet sich für einen Augenblick die Möglichkeit, dem vorausgeahnten Schicksal zu entkommen.
Die Handlung im Detail↑
Andreas, ein deutscher Soldat, tritt 1943 nach einem Urlaub in seiner Heimatstadt die Rückreise an die Ostfront an. Sein Zug fährt kurz vor Dortmund ab und soll ihn durch Polen bis ans Schwarze Meer bringen. Bereits beim Antritt der Fahrt überkommt ihn die feste Überzeugung, dass er bald sterben wird. Während der monotonen Reise verwandelt sich diese Vorahnung in ein konkretes Wissen: Er verknüpft seinen Tod mit einem genauen Zeitpunkt und einem genauen Ort, irgendwo zwischen Lemberg und Czernowitz.
Im Zug findet er sich mit zwei Männern zusammen, die seine Wegbegleiter werden. Da ist der Unrasierte, Willi, ein trinkender Unteroffizier, dem die eigene Frau untreu geworden ist. Und da ist der Blonde, ein lebensmüder Soldat, der an der Front von seinem Vorgesetzten missbraucht worden ist. Die drei reden, schweigen, trinken und nähern sich einander in der seltsamen Vertrautheit, die Männer auf dem Weg in den Tod miteinander verbindet.
In Lemberg machen sie Station. Sie spielen Karten, trinken weiter und besuchen ein Bordell. Dort lernt Andreas die Prostituierte Olina kennen, eine junge Polin, die in Wahrheit für den Widerstand arbeitet. Zwischen beiden entsteht eine ungewöhnliche Nähe. Olina will Andreas ein anderes Leben zeigen und überredet ihn, mit ihr zu fliehen und seinem vorausgeahnten Schicksal zu entkommen. Sie steigen in ein Auto, das sie aus Lemberg herausbringen soll.
Genau zu der Zeit und an dem Ort, die Andreas vorausgesehen hat, wird das Auto getroffen. Ob Andreas am Ende tatsächlich tot ist, lässt der Text nicht ausdrücklich offen aussprechen. Der Böll-Forscher Bernd Balzer deutet den Schluss eindeutig: Der Fluchtwagen werde zwischen Lemberg und Czernowitz von Partisanen beschossen, und beide kämen um. Die Vorahnung erfüllt sich auf jeden Ort und jede Stunde genau.
Stil↑
Auf rund 145 Seiten erzählt Böll in einer nüchternen und zugleich dichterischen Sprache. Die Handlung wirkt äußerlich monoton: Zugfahrt, Gespräche, Gedanken, ein Aufenthalt, eine Begegnung. Innerlich aber ist der Text hochgespannt. Denn das ahnungsvolle Wissen vom eigenen Tod zieht sich in einer Art assoziativer Logik immer dichter zusammen und benennt Zeit und Ort schließlich genau. Angst, Glaubenslosigkeit, Schulderkenntnis, Gebet und Sühne sind die Grundtöne dieser knappen Prosa.
Rezeption↑
Wolfgang Lohmeyer würdigte die Erzählung 1950 in der von Alfred Döblin herausgegebenen Literaturzeitschrift "Das Goldene Tor" ausführlich. Er nannte das schmale Buch ein "erregendes Stück Prosa", das trotz aller Monotonie der Vorgänge an Wolfgang Borchert erinnere. Er beschrieb es als "grellen Scheinwerfer, der in die makabre Düsternis des letzten Kriegsjahres fährt". In dem ernsten, gewichtigen Werk werde "in nüchterner und doch dichterischer Sprache von Angst, Glaubenslosigkeit, Schulderkenntnis, Gebet und Sühne" gehandelt. Lohmeyers Urteil endete mit der Empfehlung, das Buch auch jetzt noch zu lesen, und mit dem Lob: "Das nenne ich ein dokumentarisches Buch." Als Erstling des späteren Nobelpreisträgers Heinrich Böll markiert die Erzählung den Beginn eines der bedeutendsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →