1905
Der Dschungel
Überblick↑
Der sozialkritische Roman Der Dschungel von Upton Sinclair erschien 1905 zunächst in Fortsetzungen und 1906 als Buch. Am Beispiel einer Einwandererfamilie aus Litauen zeigt Sinclair, wohin ein von Profitgier und Bestechlichkeit bestimmter Kapitalismus führt. Schauplatz sind die Schlachthöfe und Konservenfabriken der Union Stock Yards in Chicago. Der Autor schildert die Ausbeutung der Arbeiter ebenso wie die hygienischen Zustände in den Betrieben. Das Buch löste einen öffentlichen Skandal aus und führte am Ende sogar zu neuen Gesetzen.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt steht Jurgis Rudkus, ein Einwanderer aus Litauen. Er verkörpert den gutmütigen, unerfahrenen „kleinen Mann“, der in Chicago sein Glück sucht und Arbeit in einem Schlachthof findet. Ein Betriebsunfall kostet ihn die Stelle. Damit beginnt eine Kette von Ereignissen, die seine Familie und ihn selbst immer tiefer hinabziehen. Rundherum entfaltet Sinclair ein Bild der Union Stock Yards: die Schufterei an den Schlachtbändern, die Wohnverhältnisse der Arbeiterfamilien, die Verflechtung von Geschäft und Korruption. Gegen Ende nimmt der Roman eine Wendung, die dem Buch einen ganz anderen Ton gibt.
Die Handlung im Detail↑
Erzählt wird der Weg des litauischen Einwanderers Jurgis Rudkus, der in einem Schlachthof der Union Stock Yards arbeitet. Nach einem Betriebsunfall verliert er seine Stelle. Von da an löst ein Unglück das nächste aus: Seine Frau stirbt, die Familie zerfällt, und Jurgis stürzt sozial wie körperlich immer weiter ab. Er kommt ins Gefängnis. Nach der Haft schlägt er sich als Landstreicher durch und lässt sich eine Zeit lang von den Verbrechern der Stadt und ihren Versprechungen einfangen.
Gegen Schluss nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung. Rein zufällig gerät Jurgis in eine Versammlung von Sozialisten und erlebt dort so etwas wie eine Erleuchtung. Von diesem Punkt an verlässt der Roman weitgehend die Erzählung und wird zu einer Streitschrift, die sozialpolitische Forderungen und Thesen vorträgt.
Stil↑
Auffällig ist die Mischung aus zwei Schreibweisen. Weite Teile lesen sich wie eine drastische Reportage über die Zustände in den Schlachthöfen, mit genau beobachteten Einzelheiten aus der Arbeitswelt. Die eigentliche Handlung wirkt daneben schlichter; manche Leser empfanden sie als eindimensional. Grundlage der genauen Schilderungen war eigene Anschauung. Sinclair ging 1904 nach Chicago und mischte sich unter die rund 20.000 Arbeiter der Union Stock Yards. Er beschrieb es später so: „Ich saß abends in den Wohnungen der Arbeiter, der ausländischen wie der einheimischen; sie berichteten und ich notierte alles.“ Im letzten Teil kippt der Ton vollends: Aus dem Roman wird eine Werbeschrift für sozialistische Ideen.
Rezeption↑
Angestoßen hatte das Buch Fred Warren, der Herausgeber der sozialistischen Zeitschrift Appeal to Reason, der Sinclair 1904 damit beauftragte. Dort erschien 1905 die Fortsetzungsfassung. Für die Buchausgabe fand sich zunächst kein Verlag: Mehrere lehnten ab oder verlangten Streichungen, was der Autor zurückwies. 1906 kam das Buch bei Doubleday heraus und machte Sinclair im ganzen Land bekannt. Die Presse griff die Schilderungen aus den Schlachthöfen auf. Innerhalb weniger Monate erschienen Übersetzungen in siebzehn Sprachen. Noch im selben Jahr legte Hermynia Zur Mühlen eine erste deutsche Fassung unter dem Titel Der Sumpf vor; 1974 folgte die Übersetzung von Ingeborg Gronke unter dem heute gebräuchlichen Titel.
Eines der ersten Exemplare schickte Sinclair an Präsident Theodore Roosevelt, der ihn nach Washington einlud. Das Weiße Haus entsandte daraufhin zwei Referenten nach Chicago. Ihr Bericht bestätigte Sinclairs Darstellung. Es folgte eine neue Bundesgesetzgebung über hygienische Fleischverarbeitung.
Der Autor selbst war mit dieser Wirkung nicht zufrieden. Als Vegetarier zielte er auch auf eine grundsätzliche Kritik am Schlachten, und als Sozialist wollte er für seine politische Sache werben. Beim Publikum kam das Buch vor allem als Anklage gegen die Zustände in der Fleischindustrie an. „Auf die Herzen der Menschen hatte ich es abgesehen, ihre Mägen habe ich getroffen“, kommentierte Sinclair das Ergebnis. Der Roman gilt als Musterbeispiel der sogenannten muckraking novels, auf die sich etwa Michael Moore beruft, und als Zeugnis für die amerikanische Sozialreformbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 2018 erschien im Carlsen Verlag eine Adaption als Graphic Novel von Kristina Gehrmann.
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