1878 – 1968
Upton Sinclair
Kurzbiografie↑
Als amerikanischer Schriftsteller stellte Upton Sinclair die Kritik an sozialen Missständen in den Mittelpunkt seines Werks. Geboren 1878 in Baltimore, gestorben 1968 in Bound Brook, verband er in seinen Büchern verschiedene Gattungen mit scharfer Sozial- und Medienkritik. Bekannt wurde er vor allem durch den Enthüllungsroman The Jungle über die Zustände in der Chicagoer Fleischindustrie und durch die Presseuntersuchung The Brass Check. Sein Rang als Journalist und Sozialreformer blieb unbestritten; zeitlebens versuchte er, mit seinem Schreiben in die Gesellschaft einzugreifen und sie zu verändern. 1943 erhielt er den Pulitzer-Preis.
Biografie↑
Geboren wurde Upton Beall Sinclair am 20. September 1878 in Baltimore, Maryland. Er wuchs unter ungewöhnlichen Umständen auf. Sein Vater war Alkoholiker, der Alltag von bitterer Armut geprägt. Bei seinen Großeltern in New York lernte er zugleich das Leben vermögender Amerikaner kennen. So begegnete er früh den beiden Extremen der amerikanischen Gesellschaft.
Um sein Studium am New York City College zu finanzieren, schrieb er Witze, Groschenromane und Erzählungen für Magazine und Zeitungen. Damit war er so erfolgreich, dass er sich später das Studium an der Columbia-Universität leisten konnte.
Den Durchbruch brachte der Enthüllungsroman The Jungle, der zunächst ab Februar 1905 in der sozialistischen Zeitschrift Appeal to Reason erschien. Das Buch schildert die Arbeitsbedingungen und Hygieneverhältnisse in der Fleischkonserven-Industrie der Union Stock Yards in Chicago. Mehrere Verlage lehnten es ab oder verlangten Kürzungen der brisanten Stellen, was Sinclair verweigerte. Der Verlag Doubleday, Page & Company veröffentlichte den Roman Ende Februar 1906, nachdem die geschilderten Umstände auf ihren Wahrheitsgehalt geprüft worden waren. Das Werk wurde ein sofortiger Bestseller und machte Sinclair im ganzen Land bekannt; innerhalb weniger Monate erschienen Übersetzungen in siebzehn Sprachen. Das öffentliche Aufsehen führte zu einem Gesetz zur Inspektion der Schlachthöfe. Sinclair selbst zeigte sich enttäuscht: Er hatte, wie er schrieb, die Herzen der Menschen erreichen wollen, aber nur ihren Magen erreicht. 1914 wirkte er an der Verfilmung seines Romans mit.
Ab 1915 lebte er in Pasadena, Kalifornien, später in Buckeye, Arizona. Er war dreimal verheiratet. Einen Teil seines Honorars investierte er in die Helicon Home Colony, eine utopische Kommune in New Jersey, die jedoch schon vier Monate später niederbrannte. Der Präsident Theodore Roosevelt prägte für Sinclair und andere sozialkritische Autoren den Schimpfnamen Muckraker, also Schmutzaufwühler. Der Begriff muckraking wird in der amerikanischen Alltagssprache bis heute für sozialkritische Literatur und Enthüllungsjournalismus verwendet.
Mehrmals kandidierte Sinclair für politische Ämter. 1906 und 1920 trat er als Mitglied der Sozialistischen Partei für das Repräsentantenhaus an, 1922 für den Senat, 1926 und 1930 bei der Gouverneurswahl in Kalifornien. Zusammen mit seiner zweiten Frau, Mary Craig, finanzierte er 1930/31 Sergei Eisensteins Film ¡Qué viva México! In dem Roman Boston von 1928 schilderte er in derb satirischer Weise den Justizmord an den Anarchisten Sacco und Vanzetti. 1934 wechselte er zur Demokratischen Partei und errang deren Nominierung für die Gouverneurswahl in Kalifornien. Sein Wahlprogramm wurde als EPIC (End Poverty in California) bekannt. Der Zeitungsverleger William Randolph Hearst führte eine antikommunistische Kampagne gegen ihn; Sinclair unterlag dem republikanischen Amtsinhaber Frank Merriam mit 38 zu 49 Prozent der Stimmen.
Wegen seiner politischen Haltung fand Sinclair oft keinen Verleger und musste einen Teil seiner Dramen, Romane, Kinderbücher und Untersuchungen selbst verlegen. Diese Bücher wurden in der Presse seiner Zeit nicht besprochen. Dazu gehörte The Brass Check von 1919, eine Studie über die Beschränkungen der Presse und die Manipulationstechniken der Blätter Hearsts. Sinclair nannte es das wichtigste und gefährlichste Buch, das er je geschrieben habe.
Erst 1943 wurde ihm der Pulitzer-Preis zugesprochen, und zwar für Dragon's Teeth, den dritten Band einer mehrbändigen Serie um den Helden Lanny Budd, die durch das Zeitgeschehen von 1913 bis 1949 führt. 1944 wurde er in die American Academy of Arts and Letters gewählt. Ein Jahr vor seinem Tod, 1967, war er im Weißen Haus zugegen, als Präsident Johnson den Wholesome Meat Act unterzeichnete, eine Ergänzung zu jenem Fleischgesetz von 1906. Upton Sinclair starb am 25. November 1968 in Bound Brook, New Jersey.
Literarische Merkmale↑
Prägend für Sinclairs Schreiben war die Kritik an sozialen Missständen, die im Zentrum seiner literarischen Arbeit stand. In The Jungle schilderte er die Fleischgewinnung mit drastischen Szenen und, wie es hieß, mit „angewandter Mathematik“, um die Zustände in den Schlachthöfen greifbar zu machen. Ihm ging es dabei weniger um das Fleisch selbst als um die Ausbeutung der Arbeiter, auch wenn die Öffentlichkeit vor allem die hygienischen Details wahrnahm.
Neben dem realistischen Enthüllungsroman beherrschte er auch die Satire. In Boston zeichnete er in derb satirischer Weise die bigotte Heuchelei der bürgerlichen Gesellschaft. Seine Bandbreite reichte vom Roman über Dramen und Kinderbücher bis zu politisch-soziologischen Untersuchungen wie The Brass Check, in der er die Presse mit journalistischer Genauigkeit analysierte. Getragen wurde all dies von reformerischem Elan und großer Produktivität.
Rezeption↑
Vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts genoss Sinclair in den Vereinigten Staaten, aber auch im deutschsprachigen Raum große Popularität. Seine größte Anerkennung fand er, abgesehen von der kurzen Zeit seines amerikanischen Ruhms durch The Jungle, in Europa. In der deutschsprachigen Linken wurde er viel gelesen; seine Figur des disziplinierten Parteiaktivisten Jimmie Higgins wurde zeitweise geradezu sprichwörtlich.
Die Wirkung von The Jungle reichte bis in die Gesetzgebung: Das durch den Roman ausgelöste Fleischgesetz von 1906 verbesserte die Arbeitsbedingungen zumindest zeitweilig. Pressekritiker seiner Zeit und der Gegenwart bewerteten seine Medienanalyse in The Brass Check als zutreffend und hellsichtig, doch weigerten sich die meisten Zeitungen, das Buch überhaupt zu besprechen; einige, darunter die New York Times, lehnten sogar bezahlte Anzeigen dafür ab.
Albert Einstein widmete ihm mehrere Gedichte und bezeugte seinen Kampfesmut; die beiden schrieben sich von Anfang der 1930er bis Mitte der 1950er Jahre zahlreiche Briefe, die im Einstein-Archiv liegen. Späte offizielle Ehrungen kamen mit dem Pulitzer-Preis 1943 und der Aufnahme in die American Academy of Arts and Letters 1944.
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