1924 – 2009
Johannes Mario Simmel
Kurzbiografie↑
Johannes Mario Simmel gehörte zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren des 20. Jahrhunderts. Der 1924 in Wien geborene Schriftsteller kam über den Journalismus und das Filmdrehbuch zum Roman. Mit Es muß nicht immer Kaviar sein gelang ihm 1960 der Durchbruch. Seine Bücher erreichten eine Gesamtauflage von 73 Millionen Exemplaren und wurden in über 30 Sprachen übersetzt. Von der Literaturkritik wurde er lange als Unterhaltungsschreiber abgetan; erst seit 1987 fand er breitere Anerkennung, weil er in seinen Romanen unbequeme Themen der Gegenwart aufgriff.
Biografie↑
Geboren wurde Simmel am 7. April 1924 in Wien. Seine Eltern stammten aus Preußen. Der Vater Walter Simmel, ein jüdischer Kaufmann, war in Schmiedeberg im Riesengebirge zur Welt gekommen. Die Mutter Lisa, geborene Schneider, kam aus Halle an der Saale und arbeitete als Lektorin bei der Filmgesellschaft Wien-Film. Von 1930 an besuchte der Junge Grund- und Mittelschule in Wien, ab 1937 ein Realgymnasium.
Mit dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 endete diese Kindheit. Der Vater floh vor den Nationalsozialisten nach London. Fast alle Verwandten väterlicherseits wurden im Holocaust ermordet. Vater und Sohn sahen einander nie wieder: Walter Simmel starb Anfang 1945 im Exil. Dem Sohn drohte Verfolgung als „Halbjude“. Seine Mutter bestritt daraufhin die Vaterschaft ihres jüdischen Mannes und benannte in einem sogenannten Arisierungsprozess einen „arischen“ Erzeuger. Laut der Deutschen Biographie wurde Simmel dank der enormen Anstrengungen seiner Mutter als „Mischling Ersten Grades“ vor rassistischer Verfolgung bewahrt.
Nach der Matura ließ er sich in Wien zum Chemo-Ingenieur ausbilden. Diese kriegswichtige Ausbildung bot ihm einen gewissen Schutz. Von 1943 bis 1945 arbeitete er bei Kapsch & Söhne als Betriebsingenieur und Heilmittelchemiker. Im April 1945 erlebte er, wie Wissenschaftler ermordet wurden, die ein Elektronenmikroskop vor der befohlenen Zerstörung retten wollten. In dem Roman Wir heißen euch hoffen kam er 1980 darauf zurück. Die traumatischen Kriegserfahrungen prägten sein Weltbild dauerhaft.
Seine guten Englischkenntnisse machten ihn nach Kriegsende für die US-amerikanische Besatzungsmacht nützlich. Er arbeitete als Übersetzer, Dolmetscher und Journalist, unter anderem für den Wiener Kurier. Nebenher entstanden Kurzgeschichten. 1947 erschien mit Begegnung im Nebel seine erste Sammlung von Erzählungen. Der väterliche Freund Leopold Rochowanski machte ihn mit dem Wiener Stadtrat für Kultur und Volksbildung, Viktor Matejka, bekannt. Matejka setzte sich dafür ein, dass Simmel ab 1947 im Verlag Paul Zsolnay veröffentlichen konnte. Von 1948 bis 1950 war er als angestellter Kulturredakteur tätig, unter anderem bei der Tageszeitung Welt am Abend, für die er Filmkritiken und Feuilletons schrieb.
1950 übersiedelte Simmel nach München. Dort arbeitete er für die Illustrierte Quick und unternahm in ihrem Auftrag Reporterreisen durch Europa und nach Übersee. Seine Serienromane erwiesen sich als Verkaufsmagneten. Manches veröffentlichte er unter Pseudonym. Im selben Jahr begann auch die Arbeit fürs Kino: Der Regisseur Willi Forst bat ihn um Mithilfe beim Verfassen von Drehbüchern. Zwischen 1950 und 1962 entstanden zahlreiche Drehbücher, meist gemeinsam mit anderen Autoren wie Emil Burri, Herbert Reinecker oder Günter Kaltofen. Dazu zählen Es geschehen noch Wunder (1951), Der Raub der Sabinerinnen (1954), Hotel Adlon (1955) und Robinson soll nicht sterben (1957).
Die Wende zum Bestsellerautor brachte eine Zeitschriftenserie. Ende August 1959 erschien die erste Folge von Es muß nicht immer Kaviar sein, einer ironisch erzählten Agentengeschichte, in der Kochrezepte und schöne Frauen eine wichtige Rolle spielen. 1960 kam der Stoff als Buch heraus und verkaufte sich in mehr als 30 Millionen Exemplaren. Für den Verlag Droemer Knaur wurde er zum Ausgangspunkt einer ganzen Belletristiksparte. Ab 1962 arbeitete Simmel eng mit dem Verleger Willy Droemer in München zusammen und lieferte alle zwei bis drei Jahre einen neuen Roman.
1962/63 unterzog er sich im Genesungsheim Kalksburg bei Wien einer Alkohol-Entwöhnungskur. 1976 verließ er München und zog nach Cannes, ein Jahr darauf nach Monte-Carlo. Ab 1983 lebte er kurz wieder in München und danach in der Schweizer Stadt Zug.
Simmel war dreimal verheiratet, zweimal davon mit derselben Frau, die er Lulu nannte. Bis zuletzt litt er unter der Schuld, sie verlassen zu haben. Er starb am 1. Januar 2009 in Luzern. Seine Urne wurde noch im selben Monat im engsten Freundeskreis auf dem Friedhof St. Michael in Zug beigesetzt.
Literarische Merkmale↑
Journalismus und Roman gingen bei Simmel ineinander über. Bevor er ein Buch schrieb, recherchierte er an den Schauplätzen und in dem Milieu, in dem die Handlung spielen sollte. Diese Reportergrundlage gab seinen Romanen ihre Nähe zur Gegenwart: Er griff auf, was gerade in der Zeitung stand, und machte daraus Unterhaltung mit Sprengkraft.
Erzählerisch arbeitete er mit den Mitteln der Serie, die er bei Quick gelernt hatte. Spannung, Ironie und eine gewisse Lust am Genussvollen kennzeichnen schon Es muß nicht immer Kaviar sein, wo neben der Agentenhandlung auch Kochrezepte ihren Platz haben. Als Leitmotive ziehen sich zwei Überzeugungen durch viele seiner Bücher: die Relativierung von Gut und Böse und ein leidenschaftlicher Pazifismus.
Die Themen wurden mit den Jahren schwerer. In Lieb Vaterland magst ruhig sein kritisierte er 1965 den Realsozialismus im geteilten Deutschland. Der Schlüsselroman Und Jimmy ging zum Regenbogen behandelte 1970 den Überlebenskampf von Familien, die nach nationalsozialistischer Einteilung als „gemischtrassig“ galten. Ab den achtziger Jahren rückten Umweltzerstörung, die Auswüchse des Kapitalismus, Fremdenfeindlichkeit und aufkeimender Rechtsradikalismus in den Mittelpunkt, außerdem Drogenhandel und Genmanipulation. Der Roman Doch mit den Clowns kamen die Tränen von 1987, ein Thriller über Genforschung, war ihm besonders wichtig. Sein Verfahren blieb dabei stets dasselbe: schwierige Stoffe so erzählen, dass ein sehr breites Publikum sie liest.
Rezeption↑
Lange Zeit sprachen die Literaturkritiker Simmel den Rang eines Schriftstellers ab. Sie nannten ihn einen Trivialautor, einen „Bestseller-Mechaniker“ oder Fließbandschreiber. Das Publikum hielt sich nicht daran: Von den sechziger Jahren bis zu seinem Tod zählte er zu den populärsten deutschsprachigen Autoren, seine 35 Romane erreichten eine Gesamtauflage von über 73 Millionen verkauften Exemplaren, und die Bücher erschienen in 30 Sprachen. Er gehörte zu den ersten deutschen Schriftstellern mit einem eigenen Fanclub. Marlene Dietrich bewunderte sein Werk und stand mit ihm in engem telefonischem Kontakt.
Das Kino und das Fernsehen bedienten sich reichlich bei ihm: Insgesamt 24 Verfilmungen entstanden, manche Stoffe wurden mehrfach verfilmt. Zu den Regisseuren zählten Alfred Vohrer, Robert Siodmak und Roland Klick.
In der DDR wurde Simmel zunächst gelesen. Nach dem Erscheinen von Lieb Vaterland magst ruhig sein setzten die Behörden seine Werke auf den Index.
Ein Umschwung im Urteil der Kritik kam 1987 mit Doch mit den Clowns kamen die Tränen. Nun zollten ihm auch Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki und Joachim Kaiser Respekt dafür, dass er gesellschaftliche Fehlentwicklungen kompromisslos anprangerte. Simmel war überzeugter Sozialist, ohne je einer Partei anzugehören, und tauschte sich über gesellschaftskritische und philosophische Fragen mit Gleichgesinnten aus, unter ihnen Stefan Heym, Elke Heidenreich und Iris Berben. Seine letzten Jahre waren angesichts der Weltlage von Pessimismus geprägt; er litt unter dem Gedanken, die Menschen mit seinen Büchern zwar unterhalten, aber nicht verändert zu haben.
Die Forschung hat sich vor allem literatursoziologisch mit ihm befasst, etwa in Studien zu Erzähl- und Verkaufsstrategien des Unterhaltungsromans und in Andrea Hamburgs Untersuchung Zwischen Verriss und Bestsellertum von 2012. Zum 100. Geburtstag 2024 erschienen eine Biografie von Claudia Graf-Grossmann und ein Dokumentarfilm des ORF.
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