1903 – 1989
Georges Simenon
Kurzbiografie↑
Georges Simenon zählt zu den meistgelesenen und meistübersetzten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Bekannt wurde er vor allem durch seine 75 Kriminalromane um den Pariser Kommissar Maigret. Daneben schrieb er über hundert weitere Romane, rund 150 Erzählungen sowie unter zahlreichen Pseudonymen fast 200 Groschenromane und mehr als tausend Kurzgeschichten. Simenon schrieb auf Französisch und pflegte einen bewusst einfachen Stil, der sein Werk allgemein verständlich machen sollte. Sein Thema war nach eigener Aussage der „nackte Mensch“, der hinter allen Masken zum Vorschein kommt. Trotz seines großen Erfolgs blieb die Literaturkritik in ihrem Urteil über ihn lange unschlüssig.
Biografie↑
Georges Simenon kam 1903 in Lüttich zur Welt. Um den genauen Geburtstag gibt es Unsicherheiten: Die offizielle Geburtsurkunde nennt den 12. Februar, nach Simenons eigener Darstellung wurde er jedoch erst in der Nacht zum 13. Februar geboren, und sein Vater habe das Datum auf Drängen der abergläubischen Mutter zurückdatiert. Sein Vater Désiré Simenon arbeitete als Buchhalter bei einer Versicherung. Die Mutter Henriette Brüll stammte aus ärmlichen Verhältnissen und galt in Belgien als Ausländerin. Den Gegensatz beider Milieus betonte Simenon später oft. Das schwierige Verhältnis zur Mutter durchzog sein ganzes Leben und Werk.
Von 1908 an besuchte Georges katholische Schulen und wurde zu einem begeisterten Leser, der bis zu zehn Bücher pro Woche auslieh. Zu seinen Lieblingsautoren zählten Gogol, Dostojewski und Joseph Conrad. Als sein Vater 1918 schwer erkrankte, brach der Fünfzehnjährige die Schule ab, ohne die Examen abzulegen, um zum Ernährer der Familie zu werden.
Kurz vor seinem 16. Geburtstag bewarb er sich bei der Gazette de Liège und wurde als Journalist angenommen. Er behielt das Pseudonym Georges Sim bei und übernahm bald eine eigene Kolumne. 1921 erschien sein erster Roman Pont des Arches. Im selben Jahr starb sein Vater. Zuvor hatte Simenon die Kunststudentin Régine Renchon kennengelernt, die er Tigy nannte. Ende 1922 zog er nach Paris, 1923 heiratete er Tigy.
In Paris entwickelte sich Simenon zu einem äußerst produktiven Verfasser von Trivialliteratur. Er schrieb erotische Erzählungen sowie Liebes-, Abenteuer- und Kriminalromane unter zahlreichen Pseudonymen. Die Literaturredakteurin Colette riet ihm, alles Literarische zu streichen; ihrem Rat verdankte er seinen späteren knappen Stil. Von 1924 bis 1926 veröffentlichte er jährlich zwischen 200 und 300 Erzählungen. Seine Trivialliteratur begriff er selbst vor allem als Lehrzeit im Handwerk des Schreibens.
Gegen Ende der 1920er Jahre suchte Simenon den Weg zu ernsthafterer Literatur. Als Zwischenschritt schuf er die Figur des Kommissars Maigret. Der erste Maigret-Roman Pietr-le-Letton entstand 1929/30 und erschien 1930 zunächst als Fortsetzungsroman. Die Reihe erschien erstmals unter Simenons eigenem Namen und führte zu seinem Durchbruch. Um die Bücher bekannt zu machen, inszenierte er 1931 einen aufsehenerregenden Ball. Die Romane fanden rasch Anklang und wurden bald verfilmt. Bereits nach 19 Bänden ließ Simenon die Reihe zunächst auslaufen und wandte sich ab 1932 den „romans durs“ zu, seinen ernsteren psychologischen Romanen. Wegen dieses Kurswechsels wechselte er vom Verlag Fayard zu Gallimard. In den 1930er Jahren zog er mehrfach um und unternahm lange Reisen, darunter 1935 eine Weltreise. 1939 wurde sein Sohn Marc geboren.
Nach dem deutschen Angriff 1940 wurde Simenon zum Kommissar für belgische Flüchtlinge im Raum La Rochelle ernannt. Während der Besatzung lebte die Familie auf dem Land in der Nähe der Stadt. 1942 kehrte er nach achtjähriger Pause zu Maigret zurück. Neun seiner Romane wurden in den Kriegsjahren verfilmt, einige davon von der deutsch kontrollierten Continental Films. Für diese Zusammenarbeit wurde er nach der Befreiung angegriffen und Anfang 1945 vorübergehend unter Hausarrest gestellt. Der Vorwurf der Kollaboration ließ sich jedoch entkräften.
Simenon verließ Europa und ging nach Nordamerika. Er lebte zunächst im frankophonen Kanada, später in Arizona, Kalifornien und Connecticut. In Kanada lernte er Denyse Ouimet kennen, die er Denise nannte und die 1950 nach der Scheidung von Tigy seine zweite Frau wurde. Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor. Die amerikanischen Jahre gehörten zu seinen produktivsten. Hier wurden ihm auch Ehrungen zuteil, etwa die Aufnahme in die American Academy of Arts and Letters.
1955 kehrte Simenon nach Europa zurück und ließ sich schließlich in der Schweiz nieder, zunächst bei Lausanne. Die Ehe mit Denise zerbrach im Lauf der 1960er Jahre. 1972 gab Simenon das Romanschreiben auf und ließ in seinen Pass „ohne Beruf“ eintragen. In den folgenden Jahren diktierte er zahlreiche autobiografische Bände, die jedoch nur geringes Interesse fanden. Der Suizid seiner Tochter Marie-Jo 1978 traf ihn schwer. Georges Simenon starb 1989 in Lausanne.
Literarische Merkmale↑
Auf Anraten der Redakteurin Colette pflegte Simenon einen betont einfachen und nüchternen Stil. Seinen Wortschatz beschränkte er nach eigenen Angaben auf rund 2000 Wörter. Alles „Literarische“ vermied er bewusst; stattdessen bevorzugte er Wörter, die nach seinen Worten „das Gewicht der Materie“ haben. Diesen Verzicht begründete er mit dem Wunsch nach allgemeiner Verständlichkeit und mit seiner Nähe zu den „kleinen Leuten“.
Gelobt wurde Simenon vor allem für seine Beschreibungen. Er galt als genauer Beobachter, der dichte Schauplätze zeichnen konnte, die den Leser unmittelbar ins Geschehen versetzen. Eine besondere Rolle spielt bei ihm stets das Wetter, das die Stimmung der Figuren spiegelt. Auch alltägliche Kleinigkeiten wie ein Schnupfen oder neue Schuhe schieben sich immer wieder vor das eigentliche Geschehen. Raymond Mortimer nannte ihn einen „Poet des Gewöhnlichen“, Josef Quack ein „Genie der realistischen Vergegenwärtigung“.
Kritisiert wurde die unfertige Qualität vieler Romane, die aus dem hastigen Arbeiten erwuchs. Simenon lehnte jede Überarbeitung und jedes Lektorat ab und las seine Bücher nach eigener Aussage nie wieder. So finden sich Schwächen im Aufbau, elementare Grammatikfehler und wiederkehrende stilistische Marotten wie häufige Ellipsen und rhetorische Fragen.
Die Maigret-Romane folgen meist einem festen Schema. Am Anfang steht die Routine des Kommissars, dann beginnen mit dem Verbrechen die Ermittlungen, am Ende steht ein abschließendes Verhör. Im Mittelpunkt steht weniger die äußere Handlung als der innere Prozess, mit dem Maigret die Tat zu verstehen sucht. Nicht die Suche nach dem Täter zählt, sondern das Motiv. Kommissar und Täter erscheinen dabei als gewöhnliche Menschen, deren Tat aus einer Krisensituation entsteht.
In den „romans durs“, den Nicht-Maigret-Romanen, steht dagegen fast immer eine einzige, meist männliche Figur im Zentrum. Häufig sind es schwache oder gescheiterte Gestalten, die ein Ereignis aus der Bahn wirft. Ihre Krise endet oft im Untergang oder in stiller Resignation, weshalb diese Romane meist düster schließen.
Rezeption↑
Die Maigret-Romane wurden 1931 rasch zum Erfolg und von der Presse überwiegend zustimmend aufgenommen. Manche Kritiker sahen in Simenon einen Autor, der den Detektivroman auf ein literarisch höheres Niveau hob. Innerhalb weniger Monate erschienen Übersetzungen in acht Sprachen. Im deutschsprachigen Raum setzte sich Simenon erst nach dem Zweiten Weltkrieg durch, als der Verlag Kiepenheuer & Witsch ab 1954 die Maigret-Reihe herausbrachte.
Zeitlebens blieb das Urteil über ihn gespalten. Früh bürgerte sich dafür das Schlagwort vom „Fall Simenon“ ein: Beobachtungsgabe und Gespür für Atmosphäre standen einer nachlässigen Ausführung gegenüber. Trotz seiner höheren literarischen Ambitionen in den „romans durs“ überwand Simenon nie ganz den Ruf eines Unterhaltungsautors. Auch der Verlagswechsel zu den kommerziell orientierten Presses de la Cité schadete laut Patrick Marnham seinem Ansehen in Frankreich.
Auffällig ist, dass viele Schriftstellerkollegen ihn hoch schätzten. André Gide hielt ihn für einen der bedeutendsten französischen Romanciers seiner Zeit. William Faulkner, Ernest Hemingway und Henry Miller äußerten sich bewundernd, und zahlreiche Kriminalschriftsteller von Dashiell Hammett bis Patricia Highsmith zählten zu seinen Verehrern. Diese Bewunderung rief allerdings auch Spott hervor: Julian Barnes sprach von einer „bisweilen etwas peinlichen Bewunderung“.
Zu den höchsten literarischen Weihen kam Simenon nie. Den von ihm selbstbewusst erhofften Nobelpreis erhielt er nicht. Sein Werk wurde in mehr als 60 Sprachen übersetzt, und er zählt zu den meistgelesenen Autoren des 20. Jahrhunderts.
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