1931
Maigret und Pietr der Lette
Überblick↑
Der Kriminalroman Maigret und Pietr der Lette von Georges Simenon bildet den Auftakt einer umfangreichen Reihe um den Pariser Kommissar Maigret, die insgesamt 75 Romane und 28 Erzählungen umfasst. Nach Simenons eigener Angabe entstand das Buch 1929 im niederländischen Delfzijl; andere Quellen nennen den Zeitraum zwischen September 1929 und Mai 1930. Der Roman erschien im Mai 1931 beim französischen Verlag Fayard unter dem Originaltitel Pietr le Letton. Ins Deutsche wurde er mehrfach und unter wechselnden Titeln übertragen – erst als Nordexpress (1935), später als Maigret und die Zwillinge (1959), bevor sich mit den Übersetzungen von 1978 und 2019 der heute geläufige Titel durchsetzte. Mit diesem Fall betrat eine der bekanntesten Ermittlerfiguren der europäischen Kriminalliteratur die Bühne.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein Telegramm kündigt dem Pariser Kommissar Maigret die Ankunft eines gefährlichen Verbrechers an: „Pietr der Lette“ nennt sich der Anführer einer Betrügerbande, die in ganz Europa ihr Unwesen treibt. Maigret will den Mann bei seiner Ankunft im Nordexpress an der Gare du Nord in Empfang nehmen. Doch die Sache verwickelt sich sofort, denn im Zug befinden sich gleich zwei Menschen, auf welche die Beschreibung des Letten zu passen scheint. Der eine steigt in einem Luxushotel an den Champs-Élysées ab und knüpft Kontakt zu einem reichen amerikanischen Geschäftsmann. Der andere liegt erschossen in der Zugtoilette.
Maigret nimmt beide Fährten auf. Die Spur des Toten führt ihn in ein kleines Fischerdorf in der Normandie, wo eine geheimnisvolle Frau und ihr abwesender Mann eine Rolle spielen. Zugleich beschattet der Kommissar den eleganten Fremden im Hotel und dessen zwielichtigen amerikanischen Bekannten. Je näher Maigret kommt, desto rätselhafter wird, wie viele Gesichter dieser eine Mann eigentlich besitzt – und wer hinter den Morden steht, die den Ermittlungen folgen. Der Fall verlangt Maigret nicht nur kriminalistischen Spürsinn ab, sondern rührt auch an seine eigenen Gefühle.
Die Handlung im Detail↑
Im November erreicht Maigret ein Telegramm von Interpol: Pietr der Lette, Kopf einer international tätigen Betrügerbande, werde mit dem Nordexpress in Paris eintreffen. Der Kommissar erwartet ihn an der Gare du Nord. Tatsächlich steigt ein Mann aus dem Zug, auf den die Beschreibung passt, und wird von Bediensteten des Hotel Majestic abgeholt. Maigret kann die Verfolgung nicht aufnehmen, weil Bahnbeamte ihn zu Hilfe rufen: In der Zugtoilette liegt ein aus kurzer Distanz erschossener Toter, der Pietr dem Letten ebenfalls gleicht. In dessen Tasche findet sich nur ein Fotoumschlag mit einer Haarlocke.
Der andere Pietr steigt im Hotel Majestic als Bremer Reeder Oswald Oppenheim ab. Er speist mit dem amerikanischen Milliardär Mortimer-Levingston, dem Verbindungen zur Unterwelt nachgesagt werden, und taucht danach spurlos unter. Maigret verfolgt die Spur des Toten, die ihn über den Fotoumschlag in die Normandie führt. Im Fischerort Fécamp lebt eine Frau namens Berthe Swaan. Ihr Mann, der geheimnisvolle Seemann Olaf Swaan, ist abwesend. Die gemeinsame Tochter erinnert Maigret ebenso an Pietr wie der Russe Fédor Yurovich, den er aus dem Haus der Swaans treten sieht. Doch der schäbig gekleidete, dem Trunk ergebene Yurovich benimmt sich völlig anders als der elegante, feinsinnige Lette. Yurovich führt Maigret zurück nach Paris, wo er mit seiner Freundin Anna Gorskin in einer Absteige im Judenviertel wohnt.
Maigret heftet sich nun an Mortimer-Levingston und folgt ihm in ein Nachtlokal, während sein Assistent Torrence das Hotel Majestic überwachen soll. Vor dem Nachtlokal wird Maigret angeschossen, aber nur leicht verletzt. Als er zum Hotel zurückeilt, ist Torrence ermordet worden. Die Tat lässt sich bald als Werk des Profikillers Pepito Moretto aufklären, doch in wessen Auftrag er handelte, bleibt unklar. Der Tod des jungen Assistenten lastet schwer auf Maigrets Gewissen.
Überraschend taucht Oswald Oppenheim wieder im Hotel Majestic auf, als sei nichts geschehen. Maigret weicht ihm nicht mehr von der Seite und beschattet ihn so lange, bis der Verfolgte unter dem Druck der Observation zusammenbricht. In seinem Verhalten beginnen sich die beiden Identitäten – der elegante Pietr und der Trinker Yurovich – zu vermischen; unter der Anspannung gelingt es ihm nicht länger, die Rollen auseinanderzuhalten. Maigret verhört den entlarvten Betrüger in dessen Hotelzimmer, bis Mortimer-Levingston hereinplatzt und von Anna Gorskin erschossen wird. Im Chaos entkommt Pietr erneut. Doch Maigret ahnt, wohin er flüchtet, und reist nach Fécamp zu Frau Swaan.
Dort kommt die Wahrheit ans Licht: Pietr und Hans Johannson sind Zwillingsbrüder. Sein Leben lang stand Hans im Schatten des Bruders. Dieser war der echte Pietr der Lette, der erfolgreiche Betrüger und Partner Mortimer-Levingstons; er bediente sich auch der vielen Tarnidentitäten, mit denen Maigret während des Falls zu tun bekam. Unter anderem lebte er als Olaf Swaan eine Scheinexistenz an der Seite Berthes – jener Frau, die ursprünglich Hans geliebt hatte. Als Hans die Überlegenheit des Bruders nicht länger ertrug, brachte er ihn im Nordexpress um und nahm dessen Rolle ein. Mortimer-Levingston durchschaute den Zwillingsbruder sofort und zwang ihn, in der Maske Pietrs die betrügerischen Geschäfte fortzuführen. Anna Gorskin erschoss den Amerikaner, um ihren Geliebten aus dessen Fängen zu befreien. Nach Hans' Geständnis nimmt Maigret ihn nicht fest, sondern lässt ihm die Gelegenheit, sich selbst zu richten.
Stil↑
Bemerkenswert an diesem frühen Roman ist das dichte, atmosphärische Bild, das Simenon von seinen Schauplätzen zeichnet. Neben dem winterlichen Paris prägen vor allem die stimmungsvollen Regenbilder aus der Provinz und das Fischerdorf an der normannischen Küste die Erzählung. Der Kommissar selbst wird über kleine, sinnliche Details fassbar gemacht – etwa in seiner fast liebevollen Beziehung zum wärmenden Ofen seines Büros. Auffällig ist, dass Maigret hier noch weniger als methodischer Ermittler auftritt denn als draufgängerischer, körperlich einsatzbereiter Mann, der sich beschatten und anschießen lässt und über weite Strecken beharrlich einer Spur folgt, statt sie kühl zu durchdenken. Diese noch tastende Anlage der Figur verrät, dass Simenon seinen Kommissar mit dem ersten Fall gerade erst erfindet.
Rezeption↑
Von Anfang an fanden die Maigret-Romane in der französischen Presse großes Interesse. Die Nouvelle Revue critique nannte Pietr le Letton 1931 „eine geschickt konstruierte Geschichte von einem Schriftsteller mit überquellender Phantasie“. Die internationalen Kritiken fielen zurückhaltender aus: Die New York Herald Tribune bezeichnete die englische Übersetzung 1933 als „etwas dünne Geschichte“. Dennoch wurde der Roman 1999 bei einer Umfrage von Le Monde in Frankreich unter die 100 Bücher des Jahrhunderts gewählt.
Im Rückblick gilt der Roman vielen als kein herausragendes Werk innerhalb der Maigret-Serie oder Simenons Gesamtwerk. Peter Luedi erkannte „noch viele Ungereimtheiten“, und Maigrets Darstellung als Draufgänger und Held wirke „ein bisschen deplatziert und übertrieben“. Ähnlich urteilte die Seite maigret.de, in diesem ersten Roman fehle nicht nur Maigret, sondern auch Simenon selbst noch die Methode. Frank Böhmert empfahl das Buch „nur für Maigret-Historiker“ und verwies auf die viel besseren Romane des Autors. Tilmann Spreckelsen freute sich dagegen über „die schönen Regenbilder aus der Provinz“ und den „Kommissar, der eine Affäre mit seinem Ofen zu haben scheint“.
Der Stoff wurde mehrfach adaptiert. Verfilmt wurde er in den Fernsehserien mit Rupert Davies (1963) und Jean Richard (1972). 2002 entstand ein Hörspiel unter der Regie von Susanne Feldmann, in dem Friedhelm Ptok den Maigret und Jens Wachholz den Pietr sprach. Als Hörbuch lasen Gert Heidenreich (2006, Diogenes) und Walter Kreye (2019, Audio Verlag) den Roman ein.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →