1832
Maler Nolten
Überblick↑
Mit dem 1832 erschienenen Maler Nolten legte Eduard Mörike sein einziges großes Erzählwerk vor. Es ist ein romantischer Künstlerroman in zwei Teilen. Mörike selbst nannte ihn eine "Novelle". Erzählt wird die tragische Liebesgeschichte des jungen Malers Theobald Nolten und seiner Verlobten Agnes. Beide geraten in ein dichtes Netz aus Schicksal, Zufall und alten Familiengeheimnissen. Das Werk steht an einem Wendepunkt der deutschen Literaturgeschichte: zwischen klassischem Bildungsroman, später Romantik und beginnendem Realismus. Ab 1853 arbeitete Mörike bis zu seinem Tod an einer zweiten Fassung. Sie erschien 1877 als Fragment postum.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Der junge Maler Theobald Nolten kommt in die Residenzstadt eines kleinen Herzogtums, um Karriere zu machen. Sein Talent wird rasch entdeckt. Der etablierte Historienmaler Tillsen nimmt sich seiner an. Der Hofmaler-Anwärter wird in die Adelsgesellschaft eingeführt. Dort begegnet er Constanze, der jungen Witwe eines Generals. Er verliebt sich in sie.
Doch Theobald ist bereits verlobt. Seine Verlobte ist Agnes, die Tochter eines Försters. Er kennt und liebt sie aus seiner Jugend. Die Verlobte lebt fern auf dem Land. Die Briefe werden seltener, und beide werden unsicher. In dieser Lage taucht das geheimnisvolle Zigeunermädchen Elsbeth auf. Es hat schon Theobalds Kindheit auf rätselhafte Weise berührt. Elsbeths Weissagungen, alte Familiengeheimnisse, ein gestohlenes Bild und der wohlmeinende Schauspieler Larkens verstricken die Figuren in eine "sonderbare Verkettung von Umständen". Larkens will dem Freund heimlich helfen.
Mörike entfaltet das Geschehen auf mehreren Schauplätzen, in unterschiedlichen Milieus, mit Rückblenden, eingeschobenen Briefen und Erzählungen. Hinter der Gegenwart wird eine düstere Vorgeschichte sichtbar. Sie reicht bis zu Theobalds Onkel und einer fremden Frau namens Loskine zurück.
Die Handlung im Detail↑
Die Vorgeschichte führt weit in Theobalds Familie zurück. Sein Onkel Friedrich Nolten, ein begabter, "überspannter" Maler, schließt sich auf einer Wanderung im mährischen Bergland einer Gruppe ziehender Zigeuner an. Er verliebt sich in Loskine, die schöne Nichte des Hauptmanns, die einem anderen Mann versprochen ist. Das Paar flieht. In der Heimat gibt Friedrich die Frau aus Furcht vor Vorurteilen als osteuropäische Adlige aus. Loskine wird heimwehkrank und stirbt bei der Geburt ihrer Tochter Elsbeth. Sieben Jahre später entführen die Zigeuner das Kind aus Rache. Friedrich sucht jahrelang erfolglos nach der Tochter, der Kontakt zur Familie reißt ab. Im Pfarrhaus seines Bruders bleibt nur ein Porträt der Loskine zurück, das der Pfarrer auf dem Dachboden versteckt.
Theobald wächst als Pfarrerssohn mit drei Schwestern auf, zuerst in Rißthal, später in Wolfsbühl. Der Vater bestimmt ihn zum Gelehrten, doch der Junge zeichnet und malt heimlich. Mit fünfzehn Jahren erlebt er bei einer Wanderung mit seiner Schwester Adelheid eine Schlüsselszene: An der Ruine des Rehstocks treffen sie das Zigeunermädchen Elsbeth, das ihn an das Porträt vom Dachboden erinnert. Elsbeth nennt sie "Bruder" und "Schwester", erzählt von einer Vision, in der sie sie gesehen habe, und sei aus dem Zigeunerlager geflohen. Theobald wird ohnmächtig und gelobt dem Mädchen in einer traumartigen Szene mit einem Kuss "Treu' um Treue, Seel' um Seele". Am nächsten Morgen ist Elsbeth verschwunden.
Nach dem plötzlichen Tod des Vaters setzt Theobald die Ausbildung lustlos fort. Über seinen Paten, den Förster einer adligen Herrschaft, und Baron Neuburg erhält er Zeichenunterricht, dann den Besuch einer Kunstakademie und Reisen nach Rom und Florenz. Im Forsthaus verliebt er sich in Agnes, die Tochter des Försters. Er malt sie in einem Genrebild beim Abendbrot in der Gartenlaube, und beide verloben sich, bevor er in die Residenzstadt aufbricht.
Die Trennung zerrüttet die Verlobung. Die Briefe kommen unregelmäßig, Agnes zweifelt, ob sie Theobalds Bildung gewachsen ist, und wird nervenkrank. Ihr Vater bittet den entfernten Verwandten Otto Lienhard, einen Vermessungsingenieur, sie im Gesang zu unterrichten. Auf einem Spaziergang trifft Agnes auf die als Hausiererin umherziehende Elsbeth, die ihr weissagt, nicht Theobald, sondern Otto sei der für sie bestimmte Mann. Agnes schwankt zwischen Angst und Hoffnung, lässt sich von Otto zerstreuen, wird kokett, glaubt sich vorübergehend in den Cousin verliebt. Als der Förster das Gerede der Leute bemerkt, bricht er den Umgang ab und reist mit der Tochter zu einem Bekannten.
In der Residenzstadt erreichen Theobald Nachrichten über die angebliche Untreue der Verlobten. Otto schreibt ihm einen Brief, in dem er von seiner Liebe zu Agnes spricht, ein Einverständnis des Mädchens suggeriert und bittet, auf sie zu verzichten. Tief gekränkt bricht Theobald den Kontakt ab, ohne Agnes seine Entscheidung mitzuteilen.
Mit diesem Bruch beginnt die Haupthandlung. Theobalds Diener Sigismund Wispel stiehlt Zeichnungen seines Herrn, verkauft zwei davon an den anerkannten Historienmaler Tillsen und verschwindet. Tillsen erkennt das überlegene Talent, sucht den unbekannten Künstler vergebens und nutzt die Entwürfe für zwei Ölgemälde: ein Faun-Nymphe-Knabenraub-Motiv und ein schauriges nächtliches Geisterkonzert um eine Orgelspielerin, deren Gesichtszüge denen Elsbeths gleichen werden. Tillsen will die Bilder als Werke eines Unbekannten dem Kunstverein vorstellen. Nolten erfährt zufällig davon, gibt sich als Urheber zu erkennen, erzählt seine Lebensgeschichte und vereinbart mit Tillsen eine Zusammenarbeit und Unterricht in der Ölmalerei. Das Nymphenbild schenken sie der Königin; Theobald erhält einen kostbaren Ring und wird zur Audienz eingeladen. Tillsen führt ihn in die Hofgesellschaft ein. Im Haus des Grafen Zarlin lernt er Herzog Adolf, den Halbbruder des Königs, sowie den gebildeten Hofrat Jaßfeld kennen – jenen Mann, der, wie der Leser am Schluss erfährt, niemand anders ist als sein verschollener Onkel Friedrich, der seine Identität aus Angst vor den eigenen verdrängten Erinnerungen verschweigt. Jaßfeld hat seine "wahnsinnige Tochter" Elsbeth gefunden und versucht, sie unterzubringen, doch sie verweigert sich aus ihrem Freiheitsgefühl.
In Constanze, der jungen Schwester des Grafen Zarlin, Witwe des verstorbenen Generals von Armond, findet Theobald die zweite Liebe seines Lebens. Er besucht das Geschwisterpaar oft auf dem Landsitz, verliebt sich in die feine, herzliche Frau, und sie erwidert seine Gefühle. Sie will ihre einflussreiche Freundin Fernanda dafür gewinnen, dass die Königin dem bürgerlichen Maler "Titel und Rang" verleiht, damit eine Heirat möglich wird.
Parallel dazu kehrt der Schauspieler Larkens, Theobalds Freund, von einer Reise zurück. Er erfährt von der angeblichen Untreue Agnes' und beschließt, dem Freund zu helfen. Larkens hat eine depressive Anlage, und Theobald hatte ihm einst aus einer schweren Phase geholfen. Aus den begeisterten Schilderungen Theobalds hat sich Larkens, ohne Agnes je gesehen zu haben, selbst in das Mädchen verliebt. Er drängt den Freund, das direkte Gespräch zu suchen. Als Theobald sich beleidigt weigert, übernimmt der geübte Schauspieler heimlich, unter Theobalds Namen und in dessen Stil, die Korrespondenz mit Agnes und dem Förster. Mit Geschenken, Liebesbekundungen und der Hoffnung auf eine Hofmaler-Karriere beruhigt er die Verlobte. Es entsteht ein lebhafter, vertraulicher Briefwechsel, von dem Theobald nichts weiß – und Larkens genießt ein doppeltes Vergnügen: Er erfüllt eine selbst gewählte Freundespflicht und ist zugleich verliebter Empfänger zärtlicher Botschaften.
Die Handlung führt damit in jenes Geflecht aus Verwechslungen, Maskeraden, Weissagungen und psychischen Krisen, das Mörike als "Nachtseite" des Lebens entfaltet. Der Roman steuert auf eine düstere Auflösung zu, in der Wahnsinn und Tod über die Figuren kommen und sich die geheimen Verbindungen der Vorgeschichte enthüllen: Hofrat Jaßfeld ist der verschollene Onkel, Elsbeth seine Tochter, das Geisterbild trägt die Züge der toten Loskine.
Stil↑
Mörike erzählt aus auktorialer Perspektive. Er schiebt Rückblenden, Briefe und Berichte beteiligter Personen ein. So legt er die verzweigte Vorgeschichte und die rätselhaften Zusammenhänge nach und nach offen. Die Handlung spielt in deutlich unterschiedenen Milieus: Pfarrhaus, Forsthaus, Kunstakademie, Residenzstadt, Adelsgesellschaft. Sie wechselt zwischen ländlicher Idylle und höfischer Sphäre.
Charakteristisch ist eine Doppelung der Deutungsebenen. Dieselben Ereignisse werden von den Figuren unterschiedlich gelesen. Einmal gelten sie als Hinweis auf eine dämonische "Nachtseite der Welt". Einmal erscheinen sie als bloßes Rätsel des Lebens (so durch den Schauspieler Larkens). Einmal gelten sie als Zufallskette, die abergläubische Menschen als Prophezeiung deuten (so durch Tillsen und den Präsidenten). Diese Mehrdeutigkeit hält das Geschehen in einem Schwebezustand zwischen psychologischer Erklärung und mythisch-schicksalhafter Aufladung.
Zu Mörikes Mitteln gehören Motive der späten Romantik: die verfallene Burgruine, der verwunschene Brunnen, die abgelegene Kapelle mit den Geistern der Toten, das Sagenland Orplid mit dem Mummelsee im Mondschein. Eingelagert sind lyrische Passagen und Lieder. Der Literaturkritiker Engel hob die "glockenklare, edelschöne Sprache" hervor, die dem Leser "tiefen poetischen Genuss" bereite. Dieser Zug weist bereits auf den Realismus voraus. Die "geheimnisvolle Zigeunerei" dagegen ist ganz im Geschmack der Spätromantik gehalten.
Rezeption↑
Mörikes Freunde und Bewunderer reagierten begeistert und besprachen den Roman positiv. Zu ihnen gehörte Theodor Storm. Friedrich Theodor Vischer sprach 1839 von einer "doppelten Mischung": "zur Hälfte ein Bildungsroman, ein psychologischer Roman … zur Hälfte ein Schicksalsroman, ein mystischer Roman". Beide Hälften gingen aber nicht ineinander auf. Beim breiteren Publikum blieb die Wirkung verhalten. Nach dem Vergriff der ersten Auflage verweigerte Mörike einen Nachdruck. Ab 1853 begann er mit der Umarbeitung. Storm riet ihm in einem Brief ausdrücklich davon ab. Das Buch sei ihm "seit Jahren eine liebe Tatsache". Gerade die von Heyse gerügten Schwächen hingen eng "mit der Tiefe und eigentümlichen Schönheit des Werkes" zusammen. Die zweite Fassung blieb Fragment und erschien 1877 postum.
Die Literaturwissenschaft beschäftigt sich bis heute mit der Gattungsfrage – Novelle oder Roman – sowie mit der Stellung des Werks zwischen Bildungsroman, Romantik und Realismus. Die zentrale Rolle der Tragik wird auf Goethes Wahlverwandtschaften zurückbezogen. Die "Nachtseiten der menschlichen Existenz" gehen auf E.T.A. Hoffmanns Die Elixiere des Teufels zurück. Die genaue Beobachtung des Alltags bereitet dagegen bereits den Realismus vor.
Neuere Deutungen lesen die dämonischen Einbrüche psychoanalytisch. Benno von Wiese sieht in den schicksalhaften, zu Wahnsinn und Tod führenden Verschränkungen Hinweise auf innere Vorgänge. Rötzer deutet die Zigeunerin als "Verkörperung des verdrängten Unbewussten des Künstlers, als dunkle Dämonie des Künstlertums". Autobiographische Interpretationen verbinden den Roman mit Mörikes Krisen vor und während der Arbeit (November 1828 bis November 1830). Dazu zählen sein Unbehagen am Pfarrerberuf und das Ende der Jugendliebe zu Cousine Klärchen Neuffer. Vor allem aber gehört die verstörende Leidenschaft für die belesene, ekstatisch-pietistische Maria Meyer dazu. Sie lebt in den Peregrina-Gedichten und in der Figur der Elsbeth weiter.
Friedrich Nietzsche urteilte 1875 kühl. Mörike habe "gar nicht" Gedanken. Er halte nur Dichter aus, "die unter anderm auch Gedanken haben, wie Pindar und Leopardi." Hermann Hesse dagegen war einer der größten Verehrer Mörikes. Er nannte das Buch ein "Wunderbuch". 1911 rühmte er "das sauber wiedergegebene Kolorit sowie den dauerhaft gegenwärtigen Schwebezustand von Vorgefühl und Schicksalsschwüle". 1916 widmete er ihm den Essay Beim Wiederlesen des Maler Nolten.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →