1804 – 1875
Eduard Mörike
Kurzbiografie↑
Eduard Mörike (1804–1875) zählt zu den bedeutendsten deutschen Lyrikern des 19. Jahrhunderts. Er gilt als literarischer Hauptvertreter der schwäbischen Spätromantik und des Biedermeier. Sein Leben verlief in der bescheidenen Spur eines württembergischen Landpfarrers. Mit dem geistlichen Brotberuf haderte er zeitlebens und zog sich schon mit 39 Jahren in den Ruhestand zurück. Aus dieser stillen Existenz ging ein dichterisches Werk hervor, das Lyrik, Erzählungen und den Roman Maler Nolten umfasst. Es wirkt besonders durch die Verbindung von empfindsamer Naturwahrnehmung und magisch-dämonischen Stoffen. Die Universität Tübingen verlieh ihm 1852 die Ehrendoktorwürde. 1862 erhielt er den Bayerischen Maximiliansorden, 1864 das Ritterkreuz des württembergischen Friedrichsordens.
Biografie↑
Eduard Friedrich Mörike kam am 8. September 1804 in Ludwigsburg zur Welt. Er war das siebte von dreizehn Kindern des Medizinalrates Karl Friedrich Mörike und der Pfarrerstochter Charlotte Dorothea, geborene Bayer. Ab 1811 besuchte er die Lateinschule seiner Geburtsstadt. Als der Vater 1817 starb, kam der Halbwaise zu seinem Onkel Eberhard Friedrich von Georgii nach Stuttgart. Dieser war württembergischer Obertribunalpräsident und sah für den Neffen die geistliche Laufbahn vor.
Nach einem Jahr am Stuttgarter Gymnasium illustre wechselte Mörike 1818 in das niedere theologische Seminar Urach. Das Landexamen hatte er nicht bestanden und wurde nur „auf dem Gnadenwege“ aufgenommen. Von 1822 bis 1826 studierte er Theologie am Tübinger Stift. Die antiken Klassiker auf dem Lehrplan prägten ihn nachhaltig. Aus dieser Zeit stammen lebenslange Freundschaften. Wilhelm Hartlaub und Johannes Mährlen lernte er schon in Urach kennen. In Tübingen kam der poetisch begabte Ludwig Amandus Bauer hinzu, mit dem er das Fantasieland Orplid ersann. Wilhelm Waiblinger verschaffte ihm Kontakt zum alten Hölderlin. 1825 traten Friedrich Theodor Vischer und David Friedrich Strauß hinzu.
In den Osterferien 1823 begegnete Mörike in einem Ludwigsburger Gasthaus der Bedienung Maria Meyer. Sie war eine Schweizerin aus dem Umfeld der Sektengründerin Juliane von Krüdener. Er verliebte sich heftig in sie, brach den Kontakt nach näheren Einsichten jedoch ab. Aus dieser Lebenskrise entstand der Zyklus der Peregrina-Gedichte. Von ihm liegen aus den Jahren 1824 bis 1867 zehn unterschiedliche Fassungen vor.
Nach dem theologischen Examen 1826 durchlebte Mörike eine achtjährige „Vikariatsknechtschaft“. Zu den Stationen zählten Oberboihingen, Möhringen, Köngen, Pflummern, Plattenhardt, Owen, Eltingen, Ochsenwang, Weilheim an der Teck und Ötlingen. In Plattenhardt verlobte er sich 1829 mit Luise Rau, der Tochter des verstorbenen Pfarrers. Die Verbindung wurde 1833 gelöst. Von Dezember 1827 bis Februar 1829 unterbrach er den Dienst aus gesundheitlichen Gründen. 1828 schloss er einen Vertrag mit dem Verleger Friedrich Gottlob Franckh, der ihm für 600 Gulden Jahreshonorar regelmäßige Beiträge in dessen „Damen-Zeitung“ abverlangte. Diesen Vertrag löste er nach wenigen Monaten wieder. Den Schritt in die freie Schriftstellerei wagte er nicht.
1834 wurde Mörike Pfarrer in Cleversulzbach. Dort wohnten seine Mutter und seine jüngste Schwester Klara bei ihm. Seine Predigten waren auf die Gemeinde zugeschnitten und ließen sein Hadern mit der zeitgenössischen Theologie nicht erkennen. 1838 erschien seine erste Gedichtsammlung, 1839 ein Sammelband erzählender und dramatischer Dichtungen. Im September 1840 unternahm er mit seinem Bruder Louis eine erste große Reise an den Bodensee und in die Schweiz. Als die Mutter 1841 starb, bestattete er sie neben dem Grab von Schillers Mutter. Dieses Grab hatte er zu Beginn seines Pfarramts entdeckt und gekennzeichnet.
1843 beantragte Mörike mit 39 Jahren die Versetzung in den Ruhestand. Gnadenhalber bekam er eine Pension von jährlich 280 Gulden. Nach einem kurzen Aufenthalt in Schwäbisch Hall ließ er sich 1844 mit seiner Schwester Klara in Bad Mergentheim nieder. Seine Pension und gelegentliche Honorare reichten nicht zur Tilgung von Schulden aus Bürgschaften für seine Brüder. Deshalb blieb die wirtschaftliche Lage angespannt. Auf Wanderungen sammelte er Versteinerungen und schrieb die Studien eines angehenden Petrefaktensammlers (1844/45).
1845 mietete Mörike in Mergentheim eine Wohnung im Haus des katholischen Oberstleutnants von Speeth. Aus der Nachbarschaft zur Tochter Margarethe wurde eine Verlobung. Sein Freund Hartlaub und der Bruder Margarethes erhoben konfessionelle Einwände, doch Mörike hielt an der Verbindung fest. Vom September bis Dezember 1850 reisten Mörike, seine Verlobte und Schwester Klara nach Regensburg. Dort lebte sein Bruder Louis als Verwalter des Thurn-und-Taxis-Pürkelgutes. Mörike besuchte mehrfach den Regensburger Dom und eine Don Giovanni-Aufführung. Zudem wurde er Augenzeuge eines Hausbrandes. Diese Eindrücke flossen in Der Feuerreiter und Mozart auf der Reise nach Prag ein. 1851 heiratete er Margarethe von Speeth in der Mergentheimer Schlosskirche. Das Paar zog nach Stuttgart und bekam die Töchter Fanny (1855–1930) und Marie (1857–1876).
Ab 1856 unterrichtete Mörike zehn Jahre lang Literatur am Königin-Katharina-Stift in Stuttgart und wurde zum Professor ernannt. In dieser Zeit empfing er auch Besuche von Theodor Storm, Friedrich Hebbel und Iwan Turgenjew. Ab 1864 verband ihn eine tiefere Freundschaft mit dem Maler Moritz von Schwind. 1866 wurde er pensioniert. Spannungen zwischen Klara und Margarethe übertrugen sich auf die Ehe. 1873 kam es zum Streit anlässlich der Verlobung der Tochter Fanny. Mörike trennte sich vorübergehend von seiner Frau und zog mit Klara und Marie kurzzeitig nach Fellbach, kehrte aber nach Stuttgart zurück. Am 4. Juni 1875 starb er nach langem Leiden an Rheuma und einer Herzerkrankung an einer Lungenentzündung. Kurz vor seinem Tod söhnte er sich mit seiner Frau aus. Beigesetzt wurde er auf dem Stuttgarter Pragfriedhof. Vischer hielt die Grabrede.
Literarische Merkmale↑
Mörikes Lyrik zeigt nach Einschätzung der Deutschen Biographie schon früh ein hohes sprachliches und formales Können. Bereits als Neunzehnjähriger war er sich seines poetischen Auftrags gewiss. Das Gedicht Der junge Dichter von 1823 hält dieses Selbstverständnis fest. Charakteristisch ist die innige Wechselbeziehung zwischen Dichtung und Naturerlebnis. In An einem Wintermorgen, vor Sonnenaufgang (1825) erfährt der Sprecher den Übergang von der Nacht zum Tag als Augenblick der Intuition. In ihm überwältigen ihn „Bilder und Gedanken“, und er weiß sich als Berufenen: „Der Genius jauchzt in mir!“
Diesem tiefen Ergriffensein steht das Bewusstsein eines entschiedenen Getrenntseins von der Natur gegenüber. So drückt es das Gedicht Besuch in Urach (1827) aus. Eine zweite Schicht seines Werks öffnet sich zum Magisch-Dämonischen. Die Krise um Maria Meyer 1823/24 setzte eine Reihe visionärer Traumgedichte frei. Schon in Nächtliche Fahrt (ursprünglich Ein Traum, 1823) gewinnen die Bilder ihren Reichtum aus der Offenheit für das Dunkle. In dieselbe Linie gehört die 1824 entstandene Ballade Der Feuerreiter. Sie erschien ursprünglich als Romanze vom wahnsinnigen Feuerreiter und wurde 1841 umgearbeitet. Die Gedichte Aufgeschmückt ist der Freudensaal (Die Hochzeit, wohl 1824) und Ein Irrsal kam in die Mondscheingärten (Scheiden von Ihr, 1824) versteht Mörike laut der Deutschen Biographie selbst als Gebilde von „mythischer Konzeption“. In ihnen verwandelt sich die reale Maria Meyer in das „Zauber-Mädchen“, die unsterbliche Geliebte „Peregrina“. Damit war zugleich die Ursubstanz für den Roman Maler Nolten geschaffen.
Die Deutsche Biographie verweist auch auf die seelische Spannweite, aus der dieses Werk hervorging. Eine ausgeprägte Empfindsamkeit und ein früh erkennbarer Hang zur Hypochondrie ließen Mörikes Befinden zwischen Schwermut und ausgelassenem Humor schwanken. Innere Sicherheit gewann er durch enge Freundschaften. Ihr poetischer Niederschlag reicht bis zum Orplid-Mythos, den er gemeinsam mit Ludwig Amandus Bauer ersann. Im Gedicht Gesang Weylas (Du bist Orplid) von 1831 gestaltete er ihn im Rückblick. Auch sein religiöses Denken fließt in den Ton seiner Dichtung ein. Glaube bestand für ihn nicht im Fürwahrhalten der Evangelienberichte, sondern in den Empfindungen, die dem Poeten beim Deuten seines Lebens eingegeben wurden.
Rezeption↑
Schon zu Lebzeiten wurde Mörike als Dichter anerkannt und mit Ehrungen bedacht. 1852 verlieh ihm die Universität Tübingen den Ehrendoktortitel. 1856 wurde er zum Professor am Königin-Katharina-Stift ernannt. 1862 erhielt er den Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst, 1864 das Ritterkreuz 1. Klasse des württembergischen Friedrichsordens. Auch der Titel eines Hofrats wird in der Deutschen Biographie aufgeführt.
Bedeutsam war die Wertschätzung durch zeitgenössische Schriftsteller. Theodor Storm, Friedrich Hebbel und Iwan Turgenjew besuchten ihn in Stuttgart. Storm wunderte sich dabei über Mörikes Gewohnheit des Tischgebets. Ab 1864 verband ihn eine tiefere Freundschaft mit dem Maler Moritz von Schwind. Wichtige Weggefährten wie Friedrich Theodor Vischer begleiteten ihn bis zum Schluss. Vischer hielt die Grabrede auf dem Stuttgarter Pragfriedhof.
Die Nachwirkung lässt sich auch an den biographischen Standardwerken ablesen, in denen Mörike behandelt wird. 1885 erschien der Eintrag von Jakob Baechtold in der Allgemeinen Deutschen Biographie, 1994 der Artikel von Rüdiger Frommholz in der Neuen Deutschen Biographie. Sein Name ist eng mit dem literarischen Umfeld Württembergs verknüpft. Im NDB-Netzwerk erscheint er in Artikeln zu Vischer, Storm, Hebbel, Hermann Kurz, Friedrich Notter, Friedrich Silcher, Hugo Wolf und weiteren. Mörikes Aufzeichnungen über die spukhaften Erscheinungen im Pfarrhaus Cleversulzbach veröffentlichte später Justinus Kerner im Magikon (1842). Seine Fossiliensammlung ging an Carl Beck. Im Mörikehaus in Ochsenwang werden bis heute Briefe, Zeichnungen und Pfarrberichte gezeigt.
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