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Autoreneintrag · Erich Mühsam
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Porträt Erich Mühsam
Erich Mühsam
1878 – 1934
– Autorenporträt –

Erich Mühsam

1878 – 1934 · 56 Jahre

Anarchistischer Dichter und Publizist der Schwabinger Bohème und Mitbegründer der Münchner Räterepublik, 1934 im KZ Oranienburg von der SS ermordet.

Kurzporträt

Anarchistischer Schriftsteller, Publizist und Antimilitarist – so lässt sich Erich Mühsam am ehesten beschreiben. Geboren wurde er 1878 in Berlin, aufgewachsen ist er in Lübeck. Als politischer Aktivist war er 1919 maßgeblich an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt und wurde dafür zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt, aus der er nach fünf Jahren durch eine Amnestie freikam. Zugleich zählte er zu den frühen und eindringlichen Warnern vor dem Nationalsozialismus. In der Nacht des Reichstagsbrandes 1933 wurde er verhaftet; am 10. Juli 1934 ermordeten ihn SS-Angehörige im KZ Oranienburg.


Biografie

Als Kind jüdischer Eltern kam Erich Kurt Mühsam am 6. April 1878 in Berlin zur Welt und wuchs in Lübeck auf. Sein Vater Siegfried Mühsam war Apotheker und von 1887 bis 1915 Abgeordneter der Lübecker Bürgerschaft. Er und seine Frau Rosalie, geborene Cohn, schickten den Sohn auf das humanistische Gymnasium Katharineum zu Lübeck. Erich hatte zwei Schwestern und einen Bruder. Seine schriftstellerische Neigung fiel früh auf: Mit elf Jahren verfasste er Tierfabeln, mit fünfzehn steuerte er satirische Beiträge für die Clowns des örtlichen Zirkus bei.

Im Januar 1896 wurde er wegen „sozialdemokratischer Umtriebe“ der Schule verwiesen, weil er Berichte über schulinterne Vorgänge an den Lübecker Volksboten weitergegeben hatte. Er verließ das Friedrich-Franz-Gymnasium in Parchim mit der Mittleren Reife und absolvierte in Lübeck eine Apothekerlehre. Um 1900 arbeitete er als Apothekengehilfe in Lübeck, Blomberg und Berlin.

1901 zog Mühsam nach Berlin und ließ sich dort als freier Schriftsteller nieder. Er fand Anschluss an die Bohème und befreundete sich mit Gustav Landauer. Laut der Neuen Deutschen Biographie entwickelte er sich rasch zum literarisch fruchtbarsten Vertreter des deutschen Anarchismus. 1902 wurde er Redakteur bei der anarchistischen Zeitschrift Der arme Teufel, 1905 bei Der Weckruf. Von 1904 bis 1908 folgten Wanderjahre mit Aufenthalten in Zürich, Ascona, Norditalien, München, Wien und Paris. Auf dem Monte Verità bei Ascona knüpfte er Verbindungen zu Aussteigern und Siedlern.

Seit 1909 lebte Mühsam in München-Schwabing und wurde zu einer Zentralfigur der dortigen Bohème. Er war befreundet mit Heinrich Mann, Frank Wedekind und Lion Feuchtwanger. Im selben Jahr gründete er die Gruppe „Tat“, um das Lumpenproletariat für den Anarchismus zu gewinnen. 1910 wurde er wegen Geheimbündelei angeklagt, aber freigesprochen. Er arbeitete für das Münchner Kabarett und für satirische Zeitschriften wie den Simplicissimus und die Jugend. Von 1911 bis 1919 gab er in München die Zeitschrift Kain – Zeitschrift für Menschlichkeit heraus, allerdings nicht während des Ersten Weltkriegs. 1915 heiratete er Kreszentia Elfinger, genannt Zenzl, die ihren Sohn Siegfried mit in die Ehe brachte. 1918 wurde er wegen Verweigerung des „Vaterländischen Hilfsdienstes“ zu sechs Monaten Festungshaft in Traunstein verurteilt.

Im Zuge der Novemberrevolution wurde Mühsam Ende 1918 in München Mitglied des Revolutionären Arbeiterrats. Nach der Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner gehörte er mit Ernst Toller und Gustav Landauer zu den Anführern der ersten Phase der Münchner Räterepublik ab dem 7. April 1919. Beim sogenannten Palmsonntagsputsch am 13. April 1919 wurde er festgenommen und blieb in Haft. Die Räterepublik wurde am 2. Mai 1919 durch Reichswehr und Freikorps niedergeschlagen; dabei wurde auch sein Freund Gustav Landauer ermordet. Am 12. Juli 1919 verurteilte man Mühsam zu 15 Jahren Festungshaft als „treibendes Element“, wobei ihm mildernde Umstände und ehrenhafte Gesinnung zugebilligt wurden.

Die Haft verbrachte er in Ebrach, Ansbach und ab Oktober 1920 vor allem in Niederschönenfeld. 1919 trat er kurzzeitig der KPD bei, verließ sie aber schon 1920 wieder. Aus dem Gefängnis heraus warb er für ein gemeinsames revolutionäres Vorgehen von Anarchisten und Kommunisten. Nach fünf Jahren Haft wurde er 1924 amnestiert und zog als fast ertaubter Mann nach Berlin. Dort gab er die anarchistische Zeitschrift Fanal heraus und wirkte als unermüdlicher Aktivist gegen die Kriegsgefahr. Von 1925 bis 1929 engagierte er sich in der KPD-nahen Roten Hilfe, weil er die Weimarer Justiz für Klassenjustiz hielt. 1926 trat er förmlich aus dem Judentum aus. Anfang der 1930er Jahre gehörte er der anarcho-syndikalistischen FAUD an und war führend in der „Anarchistischen Vereinigung“ tätig. 1932 erschien seine programmatische Schrift Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat.

In der Nacht auf den 28. Februar 1933 wurde Mühsam von der SA verhaftet. Nach über sechzehn Monaten in verschiedenen Gefängnissen und Lagern – zuletzt im KZ Oranienburg – wurde er in der Nacht zum 10. Juli 1934 von SS-Angehörigen ermordet. Die nationalsozialistische Presse verbreitete die Darstellung, er habe sich erhängt. Seine Mithäftlinge widersprachen dieser Version und berichteten von einem Mord; auch die internationale Presse meldete seinen Tod als Verbrechen des Regimes.


Literarische Merkmale

Aus der Bohème heraus versuchte Mühsam, seiner Lebensform einen politischen Inhalt zu geben und eine betont antibürgerliche, lebenszugewandte Haltung mit seiner anarchistischen Sendung zu verbinden. Laut der Neuen Deutschen Biographie verschmolz er dabei Gedanken anarchistischer Theoretiker wie Proudhon, Bakunin, Kropotkin und Landauer mit Elementen des bürgerlichen Individualismus – etwa Stirner und Nietzsche – zu einem theoretisch kaum reflektierten „Gefühlsanarchismus“, der vor allem vom Hass auf Autorität und von tiefer Verbundenheit mit den sozial Benachteiligten lebte.

Sein Ausdruck war vielgestaltig: Er trat als Dichter, Dramatiker, Kritiker, Redner, Kabarettist und Zeichner hervor. Seine zahlreichen Aufsätze und Gedichte seit 1898 erschienen vorwiegend in linken Zeitschriften. Die NDB notiert, dass seine frühe Lyrik Einsamkeit und Weltekel in krassen, wenngleich konventionellen Bildern artikulierte. Neben der politischen Publizistik stehen dramatische Arbeiten wie Die Hochstapler von 1906 und Die Freivermählten von 1914 sowie Gedichtbände wie Die Wüste von 1904.


Rezeption

Bereits zu Lebzeiten galt Mühsam als eine der markantesten Figuren des deutschen Anarchismus und als einer der frühesten Warner vor dem Nationalsozialismus. Der Schriftsteller Ernst Jünger, der ihn Ende der 1920er Jahre kennengelernt hatte, charakterisierte ihn 1945 rückblickend in einem Tagebucheintrag.

Sein Andenken wird bis heute gepflegt. Seit 1989 arbeitet und forscht die Erich-Mühsam-Gesellschaft in Lübeck, die zwei Publikationsreihen herausgibt, das Mühsam-Magazin und die Schriften der Erich-Mühsam-Gesellschaft. Der Berliner Verbrecher Verlag brachte 2011 eine dreibändige Ausgabe von Mühsams Tagebüchern heraus. Die Gesellschaft verleiht zudem den Erich-Mühsam-Preis, mit dem Personen und Initiativen ausgezeichnet werden, die sein Andenken fördern oder in seinem Sinne wirken; zu den Preisträgern zählen unter anderen der Kabarettist Dietrich Kittner, Gunter Demnig für das Projekt Stolpersteine und Konstantin Wecker.

Auch in Literatur und Bühne wirkt Mühsam nach. Günter Grass schildert in seiner Erzählungssammlung Mein Jahrhundert im Kapitel 1934 die Ermordung Mühsams aus der Sicht eines beteiligten SS-Manns. Die DDR-Autorin Irina Liebmann schrieb 1982 das Hörspiel Sie müssen jetzt gehen, Frau Mühsam. An vielen Orten erinnern Gedenksteine, Gedenktafeln und Stolpersteine an ihn, unter anderem am ehemaligen KZ Oranienburg und vor dem Buddenbrookhaus in Lübeck. In Deutschland waren 2018 rund 32 Straßen nach ihm benannt, vor allem in den neuen Bundesländern.

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