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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Porträt Heiner Müller
Heiner Müller
1929 – 1995
– Autorenporträt –

Heiner Müller

1929 – 1995 · 66 Jahre

Heiner Müller zählt zu den bedeutendsten Dramatikern der DDR, wo viele seiner Stücke verboten oder erst mit großer Verspätung aufgeführt wurden – zuerst fand er Anerkennung im Westen. Sein Werk zeigt immer wieder Geschichte als Krieg und Gewalt als Tragödie.

Kurzporträt

Zu den bedeutendsten deutschsprachigen Dramatikern der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zählt Heiner Müller, geboren 1929 in Eppendorf in Sachsen, gestorben 1995 in Berlin. Er gilt als eine der wichtigsten Schriftstellerpersönlichkeiten der DDR, in der er zeitlebens blieb, obwohl viele seiner Stücke dort verboten oder erst mit großer Verspätung aufgeführt wurden. Bekannt wurde er vor allem durch Dramen wie Philoktet und Die Hamletmaschine, mit denen er zunächst im Westen Anerkennung fand. Neben seiner Arbeit als Dramatiker trat er auch als Lyriker, Prosa-Autor, Essayist und Regisseur hervor. In seinen letzten Jahren leitete er das Berliner Ensemble und war Präsident der Akademie der Künste Berlin (Ost).


Biografie

Am 9. Januar 1929 kam Heiner Müller in Eppendorf in Sachsen zur Welt. Sein Vater Kurt Müller war Sozialdemokrat und wurde 1933 zeitweilig im KZ Sachsenburg inhaftiert. Weil ihm danach die Rückkehr nach Eppendorf untersagt war, zog die Familie nach Bräunsdorf, wo der junge Müller eingeschult wurde. Von 1939 bis 1947 lebte die Familie in Waren an der Müritz. Dort besuchte Müller die Mittelschule und erhielt wegen guter Noten eine Freistelle an der Oberschule. Nach eigener Aussage gehörte er ab 1940 der Hitlerjugend an. Kurz vor Kriegsende wurde er zum Reichsarbeitsdienst und zum Volkssturm eingezogen.

Nach dem Krieg holte Müller in Frankenberg, wo sein Vater ab 1947 Bürgermeister war, das Abitur nach. Er arbeitete in einer Bibliothek und am Landratsamt. Laut der Neuen Deutschen Biographie bestand seine Aufgabe darin, die Bibliotheken des Landkreises von „rechtslastigen“ Büchern zu „säubern“ – was ihm zugleich erlaubte, seinen eigenen Lesestoff zu erweitern, etwa um Werke von Nietzsche und Ernst Jünger. 1946 trat er in die SPD ein, die kurz darauf mit der KPD zur SED zwangsvereinigt wurde; wegen fehlenden Engagements und nicht gezahlter Beiträge wurde er bald wieder ausgeschlossen. Sein Vater verließ die DDR 1951 aus Protest, zusammen mit der Mutter und Müllers zwölf Jahre jüngerem Bruder Wolfgang.

Ab 1950 schrieb Müller Literaturkritiken für die Zeitschrift Sonntag und die Monatsschrift Aufbau. Sein Versuch, als Meisterschüler bei Bertolt Brecht am Berliner Ensemble Fuß zu fassen, scheiterte. 1951 heiratete er Rosemarie Fritzsche; die Ehe wurde 1953 geschieden, im selben Jahr erneut geschlossen und 1954 zum zweiten Mal geschieden. Aus dieser Ehe stammt die Tochter Regine. 1955 heiratete er die Lyrikerin Ingeborg Schwenkner, genannt Inge. 1959 erhielten beide gemeinsam den Heinrich-Mann-Preis für das Stück Der Lohndrücker. Ab 1957 arbeitete Müller als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Drama im Deutschen Schriftstellerverband, danach als Redakteur und schließlich als freischaffender Autor.

Einen tiefen Einschnitt brachte das Jahr 1961. Sein Stück Die Umsiedlerin wurde nach der Uraufführung an einer Berliner Studentenbühne von der Partei vernichtend kritisiert und sofort abgesetzt. Müller wurde aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, was einem Berufsverbot gleichkam. In dieser Zeit erhielt er Unterstützung von Peter Hacks, Hanns Eisler, Paul Dessau und Hans Mayer sowie durch Honorare für ein unter Pseudonym gesendetes Kriminalhörspiel und andere Gelegenheitsarbeiten. 1965 ließ die SED die Aufführung von Der Bau absetzen. 1966 nahm sich Inge Müller das Leben; der Verlust wirkte in späteren Texten fort. Öffentliche Aufmerksamkeit fand Müller wieder mit seiner Bearbeitung von Ödipus Tyrann (1967) und dem Stück Philoktet, das 1968 in München uraufgeführt wurde und ihn im Westen bekannt machte.

1970 heiratete Müller die bulgarische Regisseurin Ginka Tscholakowa und wurde festangestellter Dramaturg am Berliner Ensemble. Seine Rehabilitierung ging wesentlich auf die Regisseurin Ruth Berghaus zurück, die 1972 sein Stück Zement gegen große Widerstände in der SED dort zur Uraufführung brachte. 1976 gehörte Müller zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, distanzierte sich später jedoch gegenüber der SED-Bezirksleitung. Mehrere seiner Stücke wurden zunächst im Ausland gespielt: Mauser wurde 1975 in den USA uraufgeführt, Die Hamletmaschine 1979 in Paris. 1980 wurde die Ehe mit Ginka Tscholakowa geschieden. Von 1979 bis 1990 wurde Müller vom Ministerium für Staatssicherheit als Inoffizieller Mitarbeiter geführt.

Ab Mitte der 1980er Jahre arbeitete Müller mehrfach mit dem amerikanischen Theaterkünstler Robert Wilson zusammen, den er 1977 kennengelernt hatte. 1984 wurde er Mitglied der Akademie der Künste der DDR, 1988 wieder in den Schriftstellerverband aufgenommen. Zunehmend trat er selbst als Regisseur hervor, etwa mit einer achtstündigen Hamlet-Inszenierung am Deutschen Theater 1990, in die er die Hamletmaschine integrierte. 1992 heiratete er die Fotografin Brigitte Maria Mayer, mit der er die Tochter Anna hatte. Im selben Jahr übernahm er mit anderen die Leitung des Berliner Ensembles, das er ab 1993 allein als Intendant führte. 1993 inszenierte er bei den Bayreuther Festspielen die Oper Tristan und Isolde. Seine letzte Inszenierung war Brechts Arturo Ui, die im Juni 1995 Premiere hatte. Am 30. Dezember 1995 starb Heiner Müller in Berlin an Speiseröhrenkrebs, kurz vor seinem 67. Geburtstag.


Literarische Merkmale

Seine Stoffe entnahm Müller häufig der antiken Literatur, Shakespeare, der Klassik und der Moderne und formte sie zu eigenständigen, radikal zugespitzten Texten um. In Stücken wie Philoktet kreisen die Themen um Krieg, um den Ausschluss des Einzelnen und den Versuch, ihn in den Kampf zurückzuholen, um Schuld und die „Notwendigkeit“ zu töten. Im Hintergrund steht dabei laut der Neuen Deutschen Biographie die Auseinandersetzung mit einer terroristischen Macht, dem Stalinismus. In Der Horatier und Mauser verschärfte er diese Konflikte weiter und hielt sich in der Form an Brechts Lehrstücke.

Ein Grundzug seines Werks ist die Darstellung von Geschichte als Krieg und von Gewalt als Tragödie. Sein Stück Macbeth trug ihm den Vorwurf ein, ein „Geschichtspessimist“ zu sein. Mit der 1977 entstandenen Hamletmaschine gelang ihm im Westen ein Durchbruch: eine Selbstreflexion des marxistischen Intellektuellen angesichts seiner Ohnmacht, in die Geschichte einzugreifen, geprägt von der Idee eines avantgardistischen, „postdramatischen“ Theaters. In den Dramen der 1970er und 1980er Jahre treten Frauenfiguren als Todesboten auf, etwa Medea in verschiedenen Variationen oder Ophelia.

Die Zusammenarbeit mit Robert Wilson beeinflusste Müllers spätere Theaterarbeit. Wilsons Bühnenräume, das Zusammenspiel extremer Zeiteinheiten in Bühnenbild, Beleuchtung, Körperbewegung und Textsprechen wirkten auf ihn ein. Charakteristisch ist zudem seine Neigung, die überlieferten Gattungsgrenzen aufzubrechen und dennoch eine äußerste Genauigkeit in der Formulierung zu wahren. Neben den Dramen entstanden Prosatexte, Essays, Briefe, Gedichte und Reden. Auch in Gesprächen und Interviews äußerte sich Müller seit Mitte der 1970er Jahre als Kommentator zu Literatur-, Kunst- und Zeitgeschichte.


Rezeption

Von politischen Grenzen und Brüchen ist die Aufnahme Heiner Müllers geprägt. Wegen Publikations- und Aufführungsverboten in der DDR wurden viele seiner Texte zuerst in der Bundesrepublik rezipiert. Seine Stücke tauchten im Schnitt erst fünfzehn Jahre nach ihrer Entstehung auf den Bühnen der DDR auf. Nach der Affäre um Die Umsiedlerin im Jahr des Mauerbaus 1961 kam es zur systematischen Ausgrenzung Müllers aus dem literarischen Leben der DDR; mit dem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband galt er als stigmatisiert und den Zensurbehörden suspekt.

Erst ab Mitte der siebziger Jahre erschienen mit großer Verspätung ausgewählte Stücke. Während in der Bundesrepublik zwischen 1974 und 1989 eine elfbändige Edition beim Rotbuchverlag entstand, die seinem Textverständnis am genauesten entsprach, blieben viele Texte dem Publikum in der DDR bis zu deren Ende unbekannt. Eine Sammlung, die erstmals auch die Dramen enthielt, die Müllers internationalen Ruhm begründet hatten, erschien in der DDR erst 1988. Die späte Rehabilitierung durch die Verleihung des Nationalpreises Erster Klasse 1986 deutete Müller selbst als Zeichen des nahenden Untergangs des Staates, in dem zu leben ihm für sein Schreiben Bedingung war.

Im Jahr des Mauerfalls 1989 gab Frank Hörnigk unter dem Titel Heiner Müller Material eine Sammlung heraus, die Prosatexte, Essays, Briefe, Gedichte und Reden versammelte und die Vielfalt seines Schreibens zeigte. Später erschien bei Suhrkamp eine zwölfbändige Werkausgabe. Werk- und Auswahlausgaben kamen darüber hinaus in vierzehn europäischen Ländern sowie in Israel, Japan, Brasilien, den USA und anderswo heraus. Besonders intensiv werden Müllers Stücke außerhalb Deutschlands bis heute in Frankreich wahrgenommen. Die Sekundärliteratur ist umfangreich und wächst seit der ersten deutschsprachigen Überblicksdarstellung von Genia Schulz 1980 stetig an. 2026 inszenierte Mirko Borscht am Kleist Forum in Frankfurt (Oder) ein Stück, das sich mit Motiven aus Werk und Biografie Heiner Müllers auseinandersetzt.

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