1794 – 1827
Wilhelm Müller
Kurzporträt↑
Wilhelm Müller wurde am 7. Oktober 1794 in Dessau geboren. Ebendort starb er am 1. Oktober 1827 mit nur 32 Jahren. Er war ein deutscher Dichter, Philologe und Bibliothekar. Berühmt wurde er vor allem durch seine Liederzyklen. Diese regten Franz Schubert zur Vertonung der Schönen Müllerin und der Winterreise an. Auch das Wanderlied Das Wandern ist des Müllers Lust stammt aus seiner Feder. Heinrich Heine bekannte, er liebe „keinen Liederdichter außer Goethe so sehr" wie ihn. Er war zudem der Vater des späteren Sprachforschers Friedrich Max Müller.
Biografie↑
Wilhelm Müller kam als sechstes Kind des Dessauer Schneidermeisters Christian Leopold Müller und seiner Frau Maria Leopoldina, geborene Cellarius, zur Welt. Laut der Allgemeinen Deutschen Biographie war er das einzige der sechs Kinder, das überlebte. Seine Geschwister starben früh. 1808 verlor er auch seine Mutter. Der Vater war durch längere Krankheit immer wieder in Finanznot geraten. 1809 heiratete er die wohlhabende Witwe Marie Seelmann. Diese Wiederverheiratung erleichterte, wie die Deutsche Biographie notiert, den schulischen und universitären Weg des begabten Sohnes. Bereits in jungen Jahren bereitete der heranwachsende Schüler einen Band mit Elegien, Oden, Liedern und einem Trauerspiel für den Druck vor. Aufbewahrt hat er diese Jugendversuche nicht.
1812 begann Müller in Berlin ein Studium der Philologie und Geschichte, unter anderem bei Friedrich August Wolf, August Boeckh und dem Philosophen Karl Wilhelm Solger. Im Februar 1813 meldete er sich als Freiwilliger zum preußischen Heer und nahm an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teil. Er kämpfte bei Lützen, Bautzen, Haynau und Kulm. Später tat er Dienst in der deutschen Kommandantur zu Brüssel. 1814 wurde er zum Leutnant ernannt. Im Winter 1814/15 nahm er das Studium in Berlin wieder auf. Er hörte beim Germanisten August Zeune, der ihm das Nibelungenlied nahebrachte. Zugleich kam er mit „Turnvater" Friedrich Jahn in Verbindung und schloss sich der „Gesellschaft für deutsche Sprache" an.
Ab 1816 besuchte Müller die literarischen Salons der Stadt. Dort lernte er Gustav Schwab, Achim von Arnim, Clemens Brentano, Ludwig Tieck sowie den Komponisten Ludwig Berger kennen. In die Dichterin Luise Hensel war er unglücklich verliebt. Im Haus des Staatsrats August Stägemann entstand der Gedichtzyklus Die schöne Müllerin, zunächst als geselliges Liederspiel mit verteilten Rollen improvisiert. Berger vertonte fünf der Texte und veröffentlichte sie 1818 als Teil seines Liederzyklus Gesänge aus einem gesellschaftlichen Liederspiel 'Die schöne Müllerin'. 1816 gab Müller eine Blumenlese aus den Minnesingern heraus und beteiligte sich am poetischen Sammelband Bundesblüthen.
Im Sommer 1817 wählte ihn der preußische Kammerherr Albert Graf von Sack zum Begleiter für eine geplante Reise nach Griechenland, Kleinasien und Ägypten. Die Empfehlung kam von der Berliner Akademie der Wissenschaften. In Wien lernte Müller Neugriechisch. Die in Konstantinopel ausbrechende Pest zwang die Reisenden jedoch zum Umweg über Italien. Ostern 1818 trennte sich Müller von Sack, um Rom, Neapel und Florenz kennenzulernen. Er verkehrte mit den deutsch-römischen Malern Joseph Anton Koch und Julius Schnorr von Carolsfeld, mit dem preußischen Gesandten Barthold Niebuhr, mit Friedrich Rückert, den er vor dem Ertrinken rettete, und mit dem schwedischen Dichter Per Daniel Atterbom. Frucht dieses Jahres war das zweibändige, in fingierten Briefen abgefasste Italienbuch Rom, Römer und Römerinnen, das 1820 in Berlin erschien.
Ebenfalls 1818 verfasste Müller im Krug zum Grünen Kranze in Halle (Saale) sein wohl bekanntestes Gedicht Das Wandern ist des Müllers Lust. Im April 1819 wurde er Gymnasiallehrer für Geschichte sowie für Latein und Griechisch in seiner Heimatstadt Dessau. 1820 ernannte ihn Herzog Leopold IV. zum herzoglichen Bibliothekar. Daneben übernahm er eine rege Rezensententätigkeit für den Verlag Brockhaus. Am 21. Mai 1821 heiratete er Adelheid Basedow, eine Enkelin des Reformpädagogen Johann Bernhard Basedow. Aus der Ehe gingen die 1822 geborene Tochter Auguste und der 1823 geborene Sohn Friedrich Max hervor.
Vom 1. bis 3. Juli 1824 nahm Müller am Musikfest zur „Säcularfeier" Klopstocks in Quedlinburg teil. Carl Maria von Weber leitete das Fest, und Müllers Frau sang die Altpartie. Im August 1824 wurde er zum Hofrat ernannt. Im März 1826 erkrankte er an Keuchhusten. Am 17. August 1826 besuchte er die Rollwenzelei vor den Toren Bayreuths. Dort erzählte ihm die Wirtin Anna Dorothea Rollwenzel aus persönlicher Sicht von Jean Paul. Im Sommer 1827 war Müller von Schreib-, Rezensenten- und Bibliothekarspflichten abgespannt. Er unternahm mit seiner Frau eine Rheinreise. Diese führte ihn auch zu Uhland, Justinus Kerner und Wilhelm Hauff nach Schwaben, zu Goethe nach Weimar und zu Brockhaus nach Leipzig. Wenige Tage nach der Rückkehr starb er. Über die Todesursache geben die Quellen unterschiedliche Auskunft: Die Wikipedia nennt einen Herzinfarkt, die Neue Deutsche Biographie spricht von einem Schlaganfall. Das genaue Sterbedatum schwankt zwischen dem 30. September und dem 1. Oktober 1827.
Literarische Merkmale↑
Müller veröffentlichte in den 1820er Jahren lyrische Texte in reicher Zahl. Aus ihnen ragen die Sieben und siebzig Gedichte aus den hinterlassenen Papieren eines reisenden Waldhornisten (1820, datiert auf 1821) und ihre Fortsetzung (1824) heraus. Es sind, wie die Neue Deutsche Biographie betont, vorwiegend kleinere Rollenlieder in einem am Wunderhorn geschulten Volksliedton. Einige davon wurden tatsächlich zum Volksgut. Nicht wenige Nachahmer reizte dieser Ton zur Wiederholung. Müller selbst sprach vom „reinen Klang und der wahren Einfachheit, wonach ich immer strebte".
Diese gesuchte Einfachheit ist freilich kunstvoll gebaut. Die großen Zyklen Die schöne Müllerin und Die Winterreise sind, wie die Deutsche Biographie urteilt, „Sprachkunstwerke von schön kalkulierter Empfindung und Naivität". In der Schönen Müllerin wird das volksliedhafte Ich durch Prolog und Epilog zart ironisch gerahmt. Die Winterreise dagegen führt tief in die Düsternis des Vormärz. Sie tut dies mit ihren festen Bildern von Dunkelheit, Eis, Fremde, bellenden Hunden und dem zum Selbstmord einladenden Lindenbaum. Die NDB liest sie als ergreifendes Zeugnis enttäuschter politischer Hoffnungen im Deutschland der 1820er Jahre. Deren bedrückende Lage hat Müller in Briefen und Tagebüchern häufig beklagt.
Den Versen wohnt eine ausgeprägte innere Musikalität inne. Mehr als dreißig Komponisten haben Müllers Gedichte vertont. Nach Goethe und Heine ist er bis ins zwanzigste Jahrhundert der am häufigsten in Töne gesetzte deutsche Lyriker. Neben der Lyrik pflegte er die Reiseprosa. Sein Italienbuch Rom, Römer und Römerinnen widmet sich nicht den antiquarischen Sehenswürdigkeiten. Es zeichnet, in fingierten Briefen, ein volkskundliches Bild des italienischen Alltags: Tagewerk, Mode, Feste, Lied- und Erzählgut. Die einfache, vom Volk gelebte Antike erscheint hier, wie die NDB hervorhebt, als verklärtes Gegenbild zum aufgeklärten Stadtbürgertum, zur aristokratischen Lebensform und zu den restaurativen Tendenzen im Deutschland der Zeit.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten erwarb sich Müller das hohe Lob Heinrich Heines. Dieser bekannte ihm, er liebe „keinen Liederdichter außer Goethe so sehr". Die durchschlagende Nachwirkung verdankt sein Werk jedoch der Musik. Franz Schubert vertonte die beiden Zyklen Die schöne Müllerin und Die Winterreise. Damit hob er, wie die Deutsche Biographie es formuliert, Müllers Verse aus dem Bestand der zeitgenössischen Lyrik heraus. Man würde ihn zwar ungerecht behandeln, reduzierte man ihn auf die Rolle des Textlieferanten. Wahr ist aber, dass er nach Goethe und Heine im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert zu den meistvertonten deutschen Dichtern gehörte. Mehr als dreißig Komponisten fühlten sich von seinen Versen angesprochen.
Einzelne Lieder lösten sich vom Verfasser und gingen als Volksgut weiter. Das Wandern ist des Müllers Lust entstand 1818 in einem Hallenser Wirtshaus. Es wurde zu einem der bekanntesten Wanderlieder des deutschen Sprachraums. Auch institutionell blieb Müller präsent. Sein Andenken wird durch ein Denkmal in Franzensbad bewahrt, wo er einen seiner Kuraufenthalte verbracht hatte. Die Quedlinburger Säcularfeier Klopstocks 1824 begleitete er als Festberichterstatter im „Literarischen Conversations-Blatt". Damit dokumentierte er zugleich seine Rolle als geachteter Rezensent im Verlag Brockhaus.
Die wissenschaftliche Aufarbeitung folgte. Schon 1830 brachte Gustav Schwab eine fünfbändige Ausgabe der Vermischten Schriften mit einer ersten Biographie heraus. 1903 erschienen die Diary and Letters of W. M., 1906 eine vollständige kritische Ausgabe der Gedichte. Eine maßgebliche moderne Edition seiner Werke, Tagebücher und Briefe in fünf Bänden besorgten Maria-Verena und Bernd Leistner 1994. Die Allgemeine Deutsche Biographie würdigte ihn 1885 durch einen Artikel seines eigenen Sohnes Friedrich Max Müller. Die Neue Deutsche Biographie folgte 1997 mit dem Beitrag von Hans-Wolf Jäger.
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