1821
Die schöne Müllerin
Überblick↑
Die Gedichtsammlung Die schöne Müllerin erschien 1821. Sie war Teil der Sieben und siebzig nachgelassenen Gedichte aus den Papieren eines reisenden Waldhornisten des romantischen Dichters Wilhelm Müller. Sie umfasst fünfundzwanzig Gedichte und erzählt eine geschlossene Geschichte. Im Mittelpunkt steht das Schicksal eines jungen Müllergesellen. Auf der Wanderschaft gerät er an eine Mühle und verliebt sich dort unglücklich. Berühmt wurde der Zyklus vor allem durch Franz Schubert. Er vertonte 1823 zwanzig der Gedichte und schuf damit einen der bekanntesten Liederzyklen der Musikgeschichte. Müllers Verse gelten als ein Schlüsselwerk der deutschen Romantik. Sie schöpfen aus dem Ton des Volkslieds.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein junger Müllergeselle ist auf Wanderschaft. Er folgt dem Lauf eines Baches, der ihn zu einer Mühle führt. Dort tritt er in die Dienste eines neuen Meisters. Bald verliebt er sich in die schöne Tochter des Müllers. Eine Zeit lang scheint sie ihm nicht abgeneigt, und der junge Mann gibt sich ganz seinen Hoffnungen hin. Doch dann tritt ein Jäger in das Leben der Müllerin. Es ist ein Mann mit angeseheneren Beruf und kräftiger Erscheinung. Zwischen Hoffnung, Eifersucht und Verzweiflung schwankt der Geselle. In alldem bleibt der Bach sein ständiger Begleiter. Der junge Müller spricht ihn an wie einen Freund. Er vertraut ihm seine Gefühle an und sucht in seinem Rauschen Antwort.
Die Handlung im Detail↑
Die Geschichte beginnt mit dem Aufbruch eines jungen Müllergesellen, der wie es das Handwerk verlangt auf Wanderschaft geht. Sein Wegweiser wird ein Bach, dessen Lauf er folgt, bis dieser ihn zu einer Mühle bringt. Dort wird er in den Dienst des Meisters aufgenommen und beginnt ein neues Leben.
In der Mühle lernt er die Tochter seines Meisters kennen, die schöne Müllerin, und verliebt sich in sie. Anfangs scheint sie ihm vielleicht nicht abgeneigt, und er gibt sich der Hoffnung hin, ihre Zuneigung könnte erwidert werden. Doch dann tritt ein Jäger auf, dem sich die Müllerin zuwendet. Der Jäger verkörpert das, was der schmale Müllergeselle nicht zu bieten hat: einen angeseheneren Beruf, dazu Kraft und Männlichkeit. Aus Verzweiflung über die verlorene Liebe ertränkt sich der unglückliche Müller schließlich in dem Bach, der ihn an die Mühle geführt hatte.
Der Bach ist mehr als eine Naturkulisse, er ist eine eigene Figur des Zyklus. Der Müller spricht ihn unmittelbar an, vertraut ihm Hoffnungen und Schmerzen an. Im vorletzten Gedicht Der Müller und der Bach singen beide im Wechsel miteinander. Im letzten Gedicht, Des Baches Wiegenlied, übernimmt der Bach allein das Wort und singt dem Toten ein wehmütiges Schlaf- und Todeslied: Der Müller ruht in ihm wie in einem Totenbett. So lässt sich der Bach als Freund deuten, der den Verzweifelten am Ende tröstend birgt, ebenso aber als Verführer, der ihn überhaupt erst in den Tod geleitet hat. Wilhelm Müllers Zyklus endet pessimistisch und durchsetzt von romantischer Ironie, ein Zug, den Schubert in seiner Vertonung später abmilderte, indem er fünf Gedichte wegließ.
Stil↑
Müllers Verse greifen den Ton des Volkslieds auf: kurze Strophen, einfache Reime, eine schlichte, eingängige Sprache, die der gesungenen Form nahesteht. Diese Volkstümlichkeit ist gewollt. Sie bildet die typisch romantische Hülle, in der jedoch ein dichteres Spiel liegt. Müller arbeitet mit Ironie im romantischen Sinne, die das Naive der Verse bricht. Und er führt seinen Helden in einen pessimistischen Schluss, der das Liedhaft-Heitere unterläuft. Eine zweite Stilfigur ist die Stimme des Baches. Die Natur wird zur sprechenden Gegenfigur. Sie wird angeredet, antwortet und übernimmt am Ende sogar selbst den Gesang. Aus dem Wechselspiel zwischen Müller und Bach gewinnt der Zyklus seine dramatische Form.
Rezeption↑
Die größte Wirkung des Zyklus liegt in seiner Vertonung durch Franz Schubert von 1823. Schubert wählte zwanzig der fünfundzwanzig Gedichte aus und schuf einen der bekanntesten Liederzyklen überhaupt. Durch die Auslassungen verschwanden die romantische Ironie und der pessimistische Schluss in Müllers Sinne. So wurde der Stoff im Bewusstsein des Publikums vor allem mit Schuberts Musik verbunden. Sergej Rachmaninoff bearbeitete 1925 das zweite Lied Wohin? für Klavier solo. 1976 schuf der Komponist Reiner Bredemeyer ein Monodram unter dem Titel Die schöne Müllerin. Arrangements für Gesang und Gitarre wurden unter anderem von Konrad Ragossnig mit Peter Schreier und von Dieter Kreidler mit Günter Lesche vorgelegt. 1983 erschien ein einstündiges Filmporträt von Claus Spahn unter dem Titel D 795 oder Die schöne Müllerin. Otto Erich Deutsch – Ein Leben für die Musik in der ARD. 2024 produzierte der Saarländische Rundfunk einen Film über den Sänger Julian Prégardien und seine Auseinandersetzung mit dem Zyklus. Regie führte Nanna Schmidt.
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