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Werkseintrag · Die sieben Brüder
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Cover Die sieben Brüder
Die sieben Brüder
1870
– Werkseintrag –

Die sieben Brüder

1870 · Roman

Sieben verwaiste Brüder kehren der Kirche und dem Dorf den Rücken und ziehen in die finnische Wildnis, um dort auf eigene Faust ihr Leben zu meistern.

Überblick↑

Das Werk Die sieben Brüder ist der einzige Roman des finnischen Schriftstellers Aleksis Kivi und gilt als eines der bedeutendsten Werke der finnischsprachigen Literatur. Es erzählt vom rauen Leben sieben verwaister Brüder auf dem Hof Jukola, die sich der dörflichen Ordnung entziehen und in die Wildnis fliehen. Der Roman ist noch der nationalen Romantik verpflichtet, weist aber sprachlich, stilistisch und durch die Grausamkeit vieler Szenen bereits auf den Realismus voraus. Kivi begann die Arbeit in den frühen 1860er Jahren, kurz bevor die finnische Sprache 1863 offiziell anerkannt wurde. Der Erfolg seines Werks blieb ihm zu Lebzeiten versagt.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt stehen die sieben Brüder vom Hof Jukola am Fuße des Berges Impivaara, deren Geschichte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts spielt. Nach dem Tod ihrer Eltern sollen die jungen Männer sich in die dörfliche Gemeinschaft einfügen. Vor allem die lutherische Kirche macht ihnen Druck: Wer heiraten und am Abendmahl teilnehmen will, muss den Katechismus lesen und auswendig können. Die Brüder aber sind Analphabeten und zeigen sich anfangs als streitsüchtiger, gewalttätiger Haufen, der sich gegen die starren Regeln und die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft sträubt.

Statt sich zu fügen, entfliehen sie dem geordneten Leben und ziehen als Jäger in die Wildnis, um dort ihre Jugend auszuleben. Es beginnen Jahre harter Arbeit beim Roden der Wälder, beim Bestellen der Felder und beim Bau von Blockhäusern, begleitet von manch gefährlichem Abenteuer.

Kivi zeichnet die sieben Männer als sehr unterschiedliche Charaktere. Juhani, mit 25 Jahren der älteste, ist ein Großmaul und Dickkopf. Aapo gibt sich bedächtig und friedliebend und erzählt gern Geschichten. Sein Zwillingsbruder Tuomas ist der stärkste der Brüder. Simeoni ist trinksüchtig, zugleich aber religiös und sittenstreng. Timo gilt als einfältig, doch offenherzig, sein Zwillingsbruder Lauri als naturverbundener, in sich gekehrter Einzelgänger. Der jüngste, der achtzehnjährige Eero, ist klug und frech und mit Juhani zerstritten. Wie sich ihr Leben in der Einöde entwickelt, macht den Reiz des Romans aus.

Die Handlung im Detail↑

Erzählt wird das Leben der sieben Brüder auf dem Hof Jukola am Fuße des fiktiven Berges Impivaara, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nach dem Tod der Eltern lastet auf ihnen die Erwartung eines regelkonformen Lebens. Der äußere Anlass ihrer Auflehnung ist der Druck der lutherischen Kirche: Jeder soll den Katechismus lesen und auswendig können, und andere Druckerzeugnisse als dieser finnische Text gibt es nur in schwedischer Sprache. Wer heiraten will, muss eine Katechismus-Prüfung bestehen, um am Abendmahl teilnehmen zu dürfen. Tiefer aber wurzelt der Widerstand der Brüder im instinktiven Aufbegehren gegen die Ungerechtigkeiten der Gesellschaft und die starren Regeln der dörflichen Gemeinschaft. Diese Haltung treibt sie zur Verweigerung der Zivilisation.

Die Brüder verlassen das Dorf und leben in der Wildnis als Jäger. Anfangs erscheinen sie, mit Ausnahme von Lauri und Eero, als angeberischer, streitsüchtiger und gewalttätiger Haufen, der eigenes und fremdes Eigentum zerstört und auch mit den Tieren des Waldes roh umgeht. Zehn Jahre lang leisten sie härteste Arbeit: Sie roden Wälder, bestellen neu angelegte Felder und bauen Blockhäuser, und sie bestehen gefährliche Abenteuer.

Nach diesen zehn Jahren kehren die Brüder unter Vermittlung des Kantors in ihr Heimatdorf zurück. Dort nehmen sie ein sittsames Leben auf und gründen Familien. Zuvor jedoch bringt ihnen der Kantor mit rauen Methoden das Lesen bei. Eero übernimmt dabei eine Lehrerrolle. Sein weiteres Leben deutet an, dass aus den dörflichen Wurzeln künftig auch Gelehrte hervorgehen werden. Diese Wendung ins Gute entspringt mehr der moralisch-idealistischen Absicht des Erzählers als einer zwingenden Notwendigkeit der Handlung.

In die Handlung eingebettet sind märchenhafte Binnenerzählungen, die vor allem Aapo vorträgt und die Naturmystik mit der finnischen Mythologie verbinden. Ihre oft ins Absurde kippende Brutalität wird dabei stets ironisch abgeschwächt. Immer wieder stellt der Roman Bezüge zur finnischen Sagenwelt her, etwa zur Figur des Kullervo aus dem Epos Kalevala.

Stil↑

Getragen wird der Roman von einem Ich-Erzähler, der außerhalb der Handlung steht und nur selten in Erscheinung tritt. Vor allem in der zweiten Hälfte deutet er die Ereignisse moralisch. Der Handlungsablauf besteht überwiegend aus dichten Dialogen, in denen die Sprecher schlicht mit Doppelpunkt und ohne begleitende Erzählführung eingeleitet werden. In diesen Gesprächen treten die unterschiedlichen Charaktere der Brüder und ihre allmähliche Entwicklung fein abgestuft hervor. Die erzählenden Passagen zwischen den Dialogen arbeiten mit mehreren Zeitraffungen und Zeitsprüngen.

Sprachlich schöpft Kivi aus der Volkssprache, was das Werk noch der nationalen Romantik verbindet, zugleich aber auf den Realismus vorausweist. Der Roman kommt auf den ersten Blick wie eine lustige Volkssage daher, wirkt dramaturgisch mitunter unbeholfen und hat stellenweise erhebliche Längen. Immer wieder greift Kivi auf die finnische Mythologie zurück. In der Figur des Juhani zeigt sich der Einfluss der Gestalt des Don Quijote aus dem Werk des Cervantes. Im introvertierten, künstlerisch inspirierten Lauri sehen Kivis Biographen eine Selbstbeschreibung des Autors.

Rezeption↑

Von Zeitgenossen wurde der Roman scharf kritisiert, unter anderem mit dem Vorwurf, er zeichne ein falsches Bild der Finnen. Deshalb wurde die Auflage der Zeitschrift, in der das Werk zuerst erschien, zurückgezogen. Der Schriftsteller August Ahlqvist bezeichnete das Werk – auch wegen der verwendeten Volkssprache – als „eine lächerliche Arbeit und ein[en] Schandfleck der finnischen Literatur“. Die Veröffentlichung fiel in Finnland in die Zeit, als die Vorherrschaft der schwedischsprachigen Literatur zu Ende ging. Kivi selbst erlebte den späteren Erfolg seines Romans nicht mehr.

Mit der Zeit setzte sich das Werk durch und wurde in über 30 Sprachen übersetzt, zuerst 1901 ins Schwedische. In Deutschland bestand damals ein starkes Interesse, Finnland und die finnische Sprache als Vorposten des Westens gegen die Russifizierungspolitik zu stützen. Die erste vollständige deutsche Übersetzung von Gustav Schmidt erschien 1921; das fünfte Kapitel hatte er bereits 1901 übertragen. Nach der finnischen Unabhängigkeit von 1918 wuchs erneut die Aufmerksamkeit für die Literatur der jungen Nation. Weitere deutsche Übersetzungen folgten 1935 und 1947. 1950 kam im Manesse Verlag eine Ausgabe in der Übersetzung von Edzard Schaper heraus, der den volkstümlich-naiven, altväterlichen Tonfall treffen wollte und sich dabei einige Freiheiten erlaubte.

Der Stoff wurde mehrfach für die Bühne bearbeitet und fürs Kino verfilmt. Armas Launis vertonte ihn in einer komischen Oper, die 1913 in Helsinki uraufgeführt wurde. In späteren Jahrzehnten entstanden weitere Verfilmungen sowie ein Animationsfilm.

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