Meisterwerke der Worte
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
Werkseintrag · Die tiefen Flüsse
Eingang · Werke · Die tiefen Flüsse
Cover Die tiefen Flüsse
Die tiefen Flüsse
1958
– Werkseintrag –

Die tiefen Flüsse

1958 · Autobiografie

Ein vierzehnjähriger Junge bleibt allein in einem Internat der peruanischen Anden zurück und findet Halt am Fluss und in einem selbstgebastelten Kreisel, während in der Stadt der Zorn der Armen aufflammt.

Überblick↑

Der Roman Die tiefen Flüsse von José María Arguedas erschien 1958 unter dem Originaltitel Los ríos profundos im Verlag Losada in Buenos Aires. Das Buch trägt deutlich autobiographische Züge. Arguedas besuchte in den Jahren 1924 und 1925 selbst ein Colegio in Abancay, dem Schauplatz der Handlung, und lebte dort als Internatsschüler. Erzählt wird aus der Sicht eines vierzehnjährigen Jungen, der zwischen der Welt der weißen Großgrundbesitzer und der indigenen Bevölkerung Perus steht. Die Sprache der Anden, das Quechua, und die Landschaft der Kordillere durchziehen das ganze Werk.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht der vierzehnjährige Ernesto, der zugleich erzählt. Sein Vater ist Anwalt und reitet von Kunde zu Kunde durch Peru; in Wahrheit ist dieses ruhelose Umherziehen eine Flucht vor Feinden. Auf dem Weg nach Abancay suchen Vater und Sohn in Cuzco den wohlhabenden Verwandten Don Manuel Jesús auf. Der Onkel besitzt vier Haciendas, auf denen Hunderte von Colonos schuften. Er begegnet den beiden Besuchern mit Geiz und Verachtung. Enttäuscht ziehen sie weiter über die Pampa von Anta, erreichen die Kordillere und blicken hinab ins Tal des Apurímac, dessen Name im Quechua „der Gott, der spricht“ bedeutet.

In Abancay meldet der Vater seinen Sohn im Internat einer katholischen Knabenschule an und reitet weiter. Ernesto bleibt allein zurück. Er kann sich den Lernstoff nicht merken und denkt ans Weglaufen. Die Mitschüler kommen aus ganz verschiedenen Schichten: Añuco ist der uneheliche Sohn eines Grundbesitzers, der kleine Palacios stammt aus einem indianischen Andendorf, und der kräftige Lleras beschützt Añuco. Rektor Pater Linares lobt die Großgrundbesitzer als Fundament des Vaterlandes und ermahnt die Indianer auf den Haciendas zur demütigen Arbeit.

Halt findet Ernesto in langen Märschen bis ans Ufer des Pachachaca und in der Freundschaft mit Antero Samanez, dem Sohn eines Grundbesitzers aus dem Apurímac-Tal. Wegen seines roten Haars heißt Antero auch Candela, wegen seiner Leberflecke Markask'a, der Gezeichnete. Antero schenkt Ernesto einen selbstgebastelten Kreisel, den Zumbayllu, dem der Junge magische Kräfte zuschreibt. Dann bricht in der Stadt ein Aufstand aus: Angeführt von Doña Felipa dringen die Maisbierverkäuferinnen in die städtische Salzverwaltung ein, rauben Salzsäcke und verschenken sie an die Colonos von Patibamba. Ernesto schließt sich den aufständischen Frauen an. Was dieser Tag für ihn nach sich zieht, wie es um seine Freundschaft mit Antero steht und wohin sein Weg schließlich führt, entfaltet der Roman in seinem weiteren Verlauf.

Die Handlung im Detail↑

Zu Beginn reisen Ernesto und sein Vater nach Cuzco zu Don Manuel Jesús. Der Onkel besitzt Haciendas unter anderem in Huayhuay, Parhuasi und Sijllabamba, auf denen Hunderte Colonos arbeiten. Er weist den beiden Verwandten ein schäbiges Zimmer zur Übernachtung an. Enttäuscht brechen sie auf, ziehen über die Pampa von Anta und erreichen die Kordillere mit dem Blick ins Apurímac-Tal. Der Weg nach Abancay führt durch entlegene Ortschaften wie Huancapi, die „bescheidenste Provinzhauptstadt“. Keiner aus der dortigen Oberschicht, weder Priester noch Richter, Lehrer oder Beamter, ist ein „Indio“.

In Abancay wird Ernesto im Colegio angemeldet. Der Vater will nach Chalhuanca weiterreiten, und dem Jungen wird klar, dass er allein zurückbleibt: allein „in einer Welt voller Ungeheuer... voll großer Flüsse, die mit herrlicher Stimme singen, wenn sie gegen die Steine und Inseln stoßen.“ Er behält den Lernstoff nicht und plant, nachts den Pachachaca zu überqueren und dem Vater nachzugehen. Rektor Pater Linares kümmert sich um die Internatsschüler und weiß genau, was er will. Die Großgrundbesitzer nennt er das „Fundament des Vaterlandes“, den Indianern auf den Haciendas predigt er Duldsamkeit.

Unter den Mitschülern sind der listige Añuco und sein kräftiger Beschützer Lleras, dessen Herkunft niemand kennt, sowie der stille Palacios aus einem Andendorf. Die beiden Freunde prahlen mit Sonntagswanderungen „bis hinauf zu den ersten Schneefeldern des Ampay“. Ernesto sucht auf stundenlangen Märschen den Pachachaca auf, dessen Wasser er beschreibt als „wie flüssiger, blauer Stahl, lächelnd,... feierlich und tief... unaufhaltsam und ewig.“ Antero Samanez, zwei Klassen über ihm, schenkt ihm einen Kreisel. Frühmorgens auf dem Schulhof scheint es Ernesto, als töne aus dessen vier großen Augen das Gesumm der Insekten aus den blühenden Bäumen.

Dann bricht der Aufstand los. Die Maisbierverkäuferinnen unter Doña Felipa erbrechen die städtische Salzverwaltung, rauben Salzsäcke und verteilen sie an die Colonos von Patibamba. Die Frauen wehren sich gegen eine Ungerechtigkeit: Das Salz wird auf den Haciendas den Kühen verfüttert. Ernesto zieht mit und lässt sich von Antero nicht aus der Menge zerren; der Freund schließt sich kurzentschlossen an, während andere Schüler kneifen. Die Gendarmen schießen in die Luft, die Frauen nehmen ihnen die Gewehre ab. Auch der Pater Rektor tritt den Salzdiebinnen vergeblich entgegen. Berittene Büttel der Hacienda dringen anschließend in die Hütten der Indianer ein und holen das verschenkte Salz zurück.

Zurück im Colegio wird Ernesto vom Rektor mit einer kleinen geflochtenen Peitsche geschlagen. Er ist geständig und kommt mit einem lateinischen Gebet, einem erträglichen Schlag ins Gesicht und sonntäglichem Ausgehverbot davon. Antero weiht ihn in die magischen Eigenschaften des Kreisels ein: Über das Kreiselauge lasse sich mit dem Spielzeug sprechen, und habe es begriffen, trage es die Botschaft fort, etwa zu Ernestos Vater. Bei einem Ballspiel hatte zuvor Bruder Miguel, ein Afro-Peruaner, als Schiedsrichter Lleras ein Foul nachgewiesen. Lleras schimpfte ihn einen „dreckigen Neger“ und wurde auf der Stelle mit einem blutigen Faustschlag bestraft. Der Rektor schlichtet, doch Lleras weigert sich, um Verzeihung zu bitten, und verlässt das Colegio für immer. Añuco entschuldigt sich für den Freund, Bruder Miguel verzeiht, und Ernesto schenkt Añuco den magischen Kreisel.

Von außerhalb rücken Truppen an. Die Gendarmen holen sich ihre Gewehre zurück, nur Doña Felipa ist mit zwei Gewehren auf der Flucht. Die Maisbierverkäuferinnen müssen in Abancay ihre Röcke heben und werden vom Militär ausgepeitscht; sie tragen keine Unterhosen, und ihre Männer müssen zusehen. Danach werden die Ehemänner einige Tage eingesperrt und nach der Freilassung zur Reinigung der Stadt herangezogen. Doña Felipas Geschichte wird nicht zu Ende erzählt. Eine Streife der Guardia Civil verfolgt sie, und ein Soldat vermutet, man werde sie erschießen.

Über die Bestrafung der leibeigenen „Indios“ zerstreiten sich Ernesto und Antero. Der künftige Großgrundbesitzer meint, die Colonos müssten hin und wieder ausgepeitscht werden. Die Freundschaft zerbricht, und Antero schließt sich Gerardo an, dem Sohn des Truppenkommandeurs. Ernesto lernt unterdessen mit Jesús Warank'a Gabriel und dem Meister Oblitas zwei freie Indianer kennen, die an keine Hacienda gebunden sind. Mit den Wandermusikanten spricht er über sein Heimatdorf Chaupi nahe Huayrala. Nach dem öffentlichen Vortrag eines gewagten Liedes wird Meister Oblitas eingesperrt; Ernesto erkundigt sich im Gefängnis nach ihm, erreicht beim wachhabenden Polizisten aber nichts. Antero setzt Gerardo über Ernesto ins Bild: Der Kleine sei ein irrer Fremder.

Am Ende grassiert eine fiebrige, tödliche Epidemie in Abancay; Ernesto vermutet Pest oder Typhus. Als die schwachsinnige Küchenmagd Marcelina der Krankheit erliegt, faltet er der Toten die Hände auf der Brust. Der Rektor sperrt ihn daraufhin in die leerstehende Zelle des Bruders Miguel, den Angehörige der Schüler nach dem Vorfall mit Lleras aus Colegio und Stadt gedrängt hatten. Palacios wird von seinem Vater abgeholt und schiebt Ernesto zum Abschied zwei Goldmünzen unter der Zellentür durch, als Beihilfe für dessen Begräbnis. Ernesto hat jedoch gar kein Fieber. Er will zu seinem Vater, doch der Rektor telegraphiert und erhält die Antwort, der Junge solle sich zu Onkel Manuel durchschlagen. Es zeigt sich, dass Ernesto der letzte Schüler im Colegio ist. Marcelina ist längst begraben, ihr Grab unter den vielen Toten der Epidemie wird er kaum finden. So hängt er einen Feldblumenstrauß an die Tür ihres Sterbezimmers und macht sich auf den Weg, während aus den umliegenden Haciendas die Colonos in die Stadt drängen.

Stil↑

Erzählt wird durchgehend aus der Ich-Perspektive des vierzehnjährigen Ernesto. Diese Sicht bestimmt den Ton des Buches: Der Junge deutet, was er sieht, oft eher ahnend als wissend. Der Kritiker Gerhards sieht die Tiefe des Textes gerade in diesem „mutmaßenden und erinnernden Grübeln“ begründet.

Natur und Sprache der Anden durchziehen den Roman. Flüsse und Berge werden nicht als Kulisse beschrieben, sondern mit einer eigenen Stimme versehen. Der Pachachaca erscheint dem Jungen als Wasser „wie flüssiger, blauer Stahl, lächelnd,... feierlich und tief... unaufhaltsam und ewig“. Auch Quechua-Wörter stehen unübersetzt im Text, so der Name des Apurímac, der „der Gott, der spricht“ bedeutet, oder der Zumbayllu, der Kreisel, dem Ernesto magische Kräfte zuschreibt. Die Kapitel tragen eigene Überschriften und bilden dabei oft eigenständige Szenen, etwa der Aufstand der Maisbierverkäuferinnen oder der Streit auf dem Sportplatz.

Rezeption↑

In der Literaturwissenschaft wird das Buch unterschiedlich eingeordnet. Rincón wendet sich gegen den von einigen Kritikerkollegen gebrauchten Begriff „indianischer Entwicklungsroman“ und sieht als eigentlichen Protagonisten einen kollektiven Helden, nämlich das Volk. Gerhards wiederum wirft Arguedas vor, ein positives Zerrbild des „Indio“ gezeichnet zu haben, schon deshalb, weil der Ich-Erzähler selbst nur eine Figur am Rande der indigenen Welt sei. Die Stärke des Romans erkennt Gerhards dagegen im „mutmaßenden und erinnernden Grübeln“ Ernestos.

Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →

meisterwerke-der-worte.de · Auszug aus dem Lexikon · Alle Rechte vorbehalten