1834 – 1872
Aleksis Kivi
Kurzbiografie↑
Als Begründer der modernen finnischsprachigen Literatur gilt Aleksis Kivi, geboren 1834 unter dem Namen Alexis Stenvall und gestorben 1872. Bis zu seiner Zeit war in Finnland Schwedisch die Literatursprache gewesen; Kivi machte das Finnische zur Sprache großer Dichtung. In knapp zehn Schaffensjahren schrieb er volkstümliche Komödien und den Roman Die sieben Brüder, der ihn später weltberühmt machen sollte. Zu Lebzeiten erntete gerade dieses Werk vernichtende Kritik, die ihm den Lebensmut raubte. Er starb mit 38 Jahren, verarmt und von Depressionen gezeichnet. Heute wird er als finnischer Nationaldichter verehrt.
Biografie↑
Geboren wurde Aleksis Kivi am 10. Oktober 1834 als jüngstes von fünf Kindern. Sein fennisierter Name Kivi bedeutet „Stein“, das schwedische Stenvall „Steinbank“. Seine Eltern waren der Schneider Eerik Stenvall und Anna-Kristiin; zum Zeitpunkt seiner Geburt hatten sie bereits drei Söhne und eine Tochter. Über seinen Geburtsort sind sich die Quellen uneinig: Wikidata nennt Palojoki, die Deutsche Biographie dagegen Nurmijärvi. Er beschrieb sich später selbst als lebhaftes, einfallsreiches und mutiges Kind. Neben dem Finnischen erlernte er auch das Schwedische, das damals jeder „gebildete Finne“ beherrschte.
Nach der Volksschule wechselte er 1846 im Alter von zwölf Jahren auf eine Schule in Helsinki. Eine Zeit lang lebte er bei einem Schneider namens Albin Palmqvist und nutzte seine freie Zeit fast ausschließlich zum Lesen. Mit dessen fünf Jahre älterer Tochter Albina sprach er über die Werke von Shakespeare, Cervantes und Byron. Der stets verschuldete junge Mann verliebte sich in Albina, doch eine Heirat war aus finanziellen Gründen nicht möglich. Sie ging 1853 nach Dänemark und begann, Morphin zu nehmen. In den folgenden Jahren hielt sie sich oft außer Landes auf, traf Kivi jedoch mehrmals bei ihren Besuchen in Finnland. Mehrere seiner weiblichen Figuren sollen sie widerspiegeln: Liisa in Yö ja Päivä (1866), Elma in Kankurit (1866) und Lea in Lea (1868).
Seine Schulzeit schloss Kivi mit der Reifeprüfung ab. Als eines von sehr wenigen Kindern aus der unteren Mittelschicht konnte er sich an der Universität immatrikulieren, brach das Studium jedoch ab. In seiner Jugend traf er mit wichtigen Persönlichkeiten seiner Zeit zusammen, darunter Johan Vilhelm Snellman, Elias Lönnrot und Fredrik Cygnaeus. Der Letztgenannte förderte ihn und half ihm bei der Aufnahmeprüfung der Universität.
Kivis Schaffensperiode dauerte knappe zehn Jahre. Er schrieb realistisch-volkstümliche Komödien, noch bevor es ein finnisches Nationaltheater gab. Die 1831 gegründete Finnische Literaturgesellschaft ermutigte Übersetzer und Schriftsteller zur Literatur in finnischer Sprache und schrieb Wettbewerbe für Dramentexte aus, die Kivi mehrmals gewann. Die vernichtende Kritik an seinem später weltberühmten Roman Die sieben Brüder aber raubte ihm allen Lebensmut. 1870 hieß es unter anderem: „Es ist eine lächerliche Arbeit und ein Schandfleck der finnischen Literatur.“
Seine letzten Lebensmonate verbrachte Kivi in einem unscheinbaren, dunklen Häuschen in Syvälahti, das seinen lebenslangen Alptraum von Obdachlosigkeit und Armut widerspiegelte. Das Haus am Tuusulanjärvi gehörte seinem Bruder Albert Stenvall. Kivi litt an Depressionen sowie an Schmerz- und Bedrängnisanfällen. Er starb am letzten Tag des Jahres 1872 in Tuusula im Alter von 38 Jahren unter ungeklärten Umständen. Seine letzten Worte waren der Legende nach „Lever, lever“ – schwedisch für „Ich lebe“.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für Kivis Werk ist die Verbindung von realistischer Beobachtung und volkstümlichem Ton. Seine Komödien schrieb er realistisch und volksnah, und das zu einer Zeit, als es in Finnland noch gar kein Nationaltheater gab. Prägend war zudem sein früher Zugriff auf die europäische Literatur: Schon als junger Mann las er Shakespeare, Cervantes und Byron. Erlebtes floss unmittelbar in sein Schreiben ein, so spiegeln sich Züge seiner Jugendliebe Albina in mehreren seiner weiblichen Figuren wider.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten wurde Kivi hart getroffen: Die Kritik an seinem Roman Die sieben Brüder fiel 1870 vernichtend aus und nahm ihm den Lebensmut. Erst nach seinem Tod wandelte sich das Urteil grundlegend. Heute gilt er als finnischer Nationaldichter und als Vater der modernen Literatur in finnischer Sprache. Sein Nachleben zeigt sich auch außerhalb der Literatur: Einojuhani Rautavaara schrieb die Oper Aleksis Kivi, ein Porträt des Dichters, die 1997 als Hauptattraktion der Opernfestspiele im finnischen Savonlinna uraufgeführt wurde. 1999 wurde der Asteroid (4181) Kivi nach ihm benannt, und in Rostock trägt im Stadtteil Evershagen die Aleksis-Kivi-Straße seinen Namen.
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