1842
Die schwarze Spinne
Überblick↑
Mit der Novelle Die schwarze Spinne von 1842 schuf der Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Jeremias Gotthelf eines der eindringlichsten Werke des deutschen Biedermeier. Die Erzählung verbindet alte Sagenmotive mit einer christlich gefärbten Parabel über Gut und Böse. Eine Bauerngemeinschaft gerät durch einen Teufelspakt in eine Katastrophe. Diese bricht als schwarze Spinne über sie herein. Lange kaum beachtet, gilt das Werk heute als Meisterwerk. Thomas Mann schrieb, Gotthelf berühre "oft das Homerische", und er bewundere die Schwarze Spinne "wie kaum ein zweites Stück Weltliteratur". Aktuell bleibt der Text auch aus einem anderen Grund: Er zeigt präzise, wie eine Dorfgemeinschaft Schuld abschiebt, Außenseiter zu Sündenböcken macht und kollektive Verfehlungen rasch wieder vergisst.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Bei einer fröhlichen Tauffeier auf einem Schweizer Bauernhof fällt einer Besucherin etwas auf. In den ansonsten neuen Bau wurde ein alter, schwarzer Fensterpfosten eingelassen. Auf ihre Bitte hin beginnt der Großvater zu erzählen, was es mit diesem dunklen Holzstück auf sich hat.
Seine Geschichte führt Jahrhunderte zurück. Das Dorf gehört damals zum Lehen des grausamen Ritters Hans von Stoffeln. Dieser legt seinen Bauern immer maßlosere Frondienste auf. Als er ihnen eine kaum zu bewältigende Aufgabe stellt, droht ihre Hofarbeit dadurch zusammenzubrechen. In ihrer Verzweiflung taucht der Teufel in Gestalt eines wilden Jägers auf und bietet seine Hilfe an – gegen einen furchtbaren Preis. Die zugezogene Bäuerin Christine wagt das Gespräch mit ihm, wo die anderen geflohen sind. Damit nimmt das Unheil seinen Lauf.
Die Novelle wechselt zwischen der gemütlichen Tauffeier in der Gegenwart und der dunklen Sage aus alter Zeit. Schon früh deutet sie an, dass die Bedrohung mit der Vergangenheit nicht endgültig gebannt ist.
Die Handlung im Detail↑
Die Novelle beginnt mit einer Tauffeier auf einem Bauernhof. Während sich die Gäste vor dem Haus die Beine vertreten, fällt einer der Frauen auf, dass in den Neubau ein alter, schwarzer Fensterpfosten eingebaut wurde. Auf ihr Bitten hin erzählt der Großvater, was es mit diesem Pfosten auf sich hat.
Vor Jahrhunderten gehörte das Dorf zum Lehen des Ritters Hans von Stoffeln, der die Bauern zu härtesten Frondiensten zwang. Von seinen Ordensbrüdern angestachelt, verlangte er immer aberwitzigere Arbeiten. Zuletzt forderte er aus reiner Angeberei, Bäume auf einen Berg zu verpflanzen, um dort einen Schattengang zu schaffen – und setzte dafür eine so kurze Frist, dass die Bauern ihre eigene Hofarbeit hätten aufgeben und Hunger leiden müssen.
In dieser Not erschien der Teufel als wilder Jäger und bot seine Hilfe an. Sein Preis: ein ungetauftes Kind. Zweimal flohen die Bauern vor ihm. Die zugezogene Bäuerin Christine aber blieb stehen, sprach mit dem Jäger und ging den Pakt ein. Zur Besiegelung ließ sie sich von ihm einen Kuss auf die Wange geben. Tatsächlich erledigte der Jäger die Aufgabe mit dämonischen Kräften und verlangte seinen Lohn.
Als das erste Kind geboren wurde, taufte der Pfarrer es sofort und entriss es dem Teufel. Christine spürte daraufhin ein brennendes Stechen auf der Wange; dort, wo der Jäger sie geküsst hatte, entstand ein schwarzer Fleck. Vor der Geburt des nächsten Kindes schwoll der Fleck an und verwandelte sich in eine schwarze Spinne. Auch dieses Kind wurde rechtzeitig getauft – worauf ein Unwetter losbrach, das Mal in Christines Gesicht aufplatzte und unzählige kleine Spinnen ausschwärmten. Im Tal starb das Vieh in den Ställen; der Teufel mahnte den Vertrag an.
Da beschloss die Dorfgemeinschaft, das nächste Neugeborene zu opfern, und tatsächlich ging das Sterben zunächst zurück. Christine wollte das Kind dem Teufel bringen, doch der Priester besprengte es im letzten Moment mit Weihwasser. Auch Christine wurde getroffen und schrumpfte selbst zur Spinne, die der Pfarrer vom Kind schleuderte. Die Berührung kostete den Priester das Leben, doch zuvor taufte er das Neugeborene noch in den Armen seiner Mutter. Jetzt mordete die Spinne unaufhaltsam Mensch und Tier, auch von Stoffeln und seine Ordensritter; Flucht und Gegenwehr halfen nichts. Wer fromm lebte, schien zeitweilig geschützt, doch eines Nachts drang die Spinne in das Haus einer frommen Mutter ein. Diese hatte vorgesorgt: Sie hatte ein Loch in einen Fensterpfosten gebohrt und einen geweihten Zapfen samt Hammer bereitgelegt. Im Vertrauen auf Gott ergriff sie die Spinne und stopfte sie in das Loch, das sie mit dem Zapfen verschloss. Auch sie starb an der Berührung – doch Ruhe und Frieden kehrten ins Tal zurück.
An dieser Stelle möchten die Gäste eigentlich nicht mehr weiterhören und fürchten sich vor dem Haus, drängen den Großvater aber dennoch, die Geschichte zu Ende zu erzählen.
In den folgenden Jahrhunderten lebten die Menschen zunächst gottesfürchtig, doch nach und nach verfielen viele wieder in altes, gottloses Verhalten. Schließlich befreite ein verkommener Knecht, der die Mägde unter seiner Knute halten wollte, die Spinne in anmaßendem Hochmut. Sie tötete fast alle Bewohner des Tales. Bei der nächsten Geburt rettete Christen, der Herr des verantwortlichen Knechts, das Kind vor dem Teufel, fing die Spinne und sperrte sie in ihr altes Gefängnis zurück. Auch er bezahlte diesen Einsatz mit dem Leben, starb aber im Frieden Gottes. Im Tal kehrten Ruhe und Gottesfurcht zurück. Beim späteren Neubau des Hauses wurde der Pfosten erneut eingefügt, um den alten Segen zu bewahren – und als nun wieder gebaut wurde, hat der Großvater ihn ein weiteres Mal mit eingebaut.
Damit endet seine Erzählung. Die Tauffeier geht gemütlich bis in den späten Abend weiter. Die Novelle schließt mit dem Hinweis, dass Gott über allem wacht.
Stil↑
Gotthelf arbeitet mit einer kunstvoll gebauten Doppelstruktur. Eine idyllische Rahmenerzählung – die Tauffeier auf dem Bauernhof – umschließt eine düstere Binnenerzählung. Diese nimmt alte Sagen auf und verwandelt sie in eine gleichnishafte Geschichte über Gut und Böse. Rahmen und Binnenhandlung gehen ineinander über. So reicht die ferne Schreckenszeit über den eingemauerten Fensterpfosten unmittelbar in die behagliche Gegenwart hinein.
Die Erzählung ist von christlichen Motiven durchzogen: Taufe, Weihwasser, der frevelnde Pakt mit dem Teufel, das opferbereite Eintreten Einzelner. Sie zeigt, wie ein verständiger Christ die Sagen der Vergangenheit lebendig halten soll. Zugleich lässt sich die Symbolik auch jenseits dieses christlichen Rahmens als allgemeine Erzählung über Gut und Böse lesen. Präzise schildert Gotthelf die soziale Dynamik des Dorfes: gegenseitige Schuldzuschreibung, schnell vergessene Kollektivschuld und das Schicksal von Außenseitern, die leichtfertig zu Sündenböcken werden. Zeitlich steht die Schweizer Novelle zwischen Romantik und Realismus und vereint Züge beider Strömungen.
Rezeption↑
Zunächst kaum beachtet, gilt Die schwarze Spinne heute bei vielen Literaturkritikern als eines der Meisterwerke des deutschen Biedermeier. Besonders prominent geadelt wurde die Novelle durch Thomas Mann. In Die Entstehung des Doktor Faustus hielt er fest, Gotthelf berühre "oft das Homerische". Er bekannte, er bewundere die Schwarze Spinne "wie kaum ein zweites Stück Weltliteratur".
Aktuell geblieben ist der Text vor allem wegen seines genauen Blicks auf das Verhalten einer Gemeinschaft in der Krise. Er zeigt, wie schnell Schuld auf Einzelne abgeschoben wird, wie leicht Außenseiter zu Sündenböcken werden und wie rasch eine Gemeinschaft vergisst, was sie gemeinsam zu verantworten hat. Die Erzählung wurde mehrfach adaptiert, unter anderem im Jahr 2000 als dramatisch-musikalisches Werk.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →