1797 – 1854
Jeremias Gotthelf
Kurzbiografie↑
Jeremias Gotthelf war das Pseudonym des Schweizer Pfarrers und Schriftstellers Albert Bitzius (1797–1854). Geboren wurde er in Murten. Als Landpfarrer wirkte er im bernischen Lützelflüh. Er schrieb Romane und Erzählungen, die das bäuerliche Leben des Emmentals schildern. Ihre Wucht und ihr Ernst waren zu seiner Zeit selten. Die Rahmennovelle Die schwarze Spinne und der Roman Wie Uli der Knecht glücklich wird zählen zu den Hauptwerken der deutschsprachigen Erzählkunst des 19. Jahrhunderts. Sein literarisches Schaffen war eng verbunden mit einem entschiedenen christlich-sozialen Engagement gegen Armut, Verdingkinder-Wesen und Alkoholismus.
Biografie↑
Albert Bitzius kam am 4. Oktober 1797 in Murten zur Welt. Er war der Sohn des reformierten Pfarrers Sigmund Bitzius und dessen dritter Frau Elisabeth Kohler. 1805 wurde der Vater nach Utzenstorf versetzt. Dort lernte der Junge die bäuerliche Welt des Fraubrunnenamts kennen, die später seinem Werk den Boden gab. Den ersten Unterricht erhielt er vom Vater. Ab 1812 besuchte er die Literarschule in Bern, ab 1814 die theologische Hochschule.
1817 begann Bitzius das ordentliche Theologiestudium in Bern, das er 1820 abschloss. 1819 zählte er zu den Gründungsmitgliedern des Schweizerischen Zofingervereins. Nach dem Examen wurde er Vikar bei seinem Vater in Utzenstorf. 1821 setzte er das Studium für ein Jahr in Göttingen fort. Dort beschäftigte er sich laut der Deutschen Biographie auch mit Ästhetik bei Friedrich Bouterwek. Im Sommer 1821 unternahm er eine fünfwöchige Reise durch Nordwest- und Norddeutschland bis Rügen und Berlin. Auf der Rückreise im Frühjahr 1822 sah er Weimar, Leipzig, Dresden und München.
Nach dem Tod des Vaters 1824 wurde Bitzius Vikar in Herzogenbuchsee. Ein Konflikt mit dem Regierungsstatthalter R. F. von Effinger in Wangen führte, so die Deutsche Biographie, zu einer Strafversetzung. Diese wandelte sich rasch zur Beförderung: 1829 kam er nach Bern an die Heiliggeistkirche. 1831 wechselte er als Vikar nach Lützelflüh im Emmental. Ein Jahr später wurde er dort zum Pfarrer gewählt. 1833 heiratete er in der Kirche Wynigen Henriette Zeender, Tochter eines Berner Theologieprofessors. Aus der Ehe gingen drei Kinder hervor: Marie Henriette (1834–1890), die später unter dem Pseudonym Marie Walden ebenfalls als Schriftstellerin auftrat, Albert (1835–1882) und Cécile (1837–1914).
In Lützelflüh entfaltete Bitzius eine vielseitige Tätigkeit weit über das Pfarramt hinaus. Er setzte sich für die Durchsetzung der allgemeinen Schulpflicht ein. Pädagogisch stand er in der Tradition Johann Heinrich Pestalozzis, dem er 1826 in Langenthal persönlich begegnet war. Er kämpfte gegen die Ausbeutung der Verdingkinder aus armen Familien als billige Arbeitskräfte und forderte Maßnahmen gegen den Alkoholismus. 1835 wurde er zum Schulkommissär für achtzehn Schulen der Gemeinden Lützelflüh, Rüegsau, Hasle und Oberburg gewählt. Nach zehn Jahren musste er dieses Amt wegen politischer Differenzen mit der Regierung aufgeben. Im selben Jahr war er maßgeblich an der Gründung der Armenerziehungsanstalt Trachselwald beteiligt. Eine politische Tätigkeit war ihm wegen des Pfarramts verwehrt. In seinen Schriften jedoch kritisierte er die herrschenden Berner Familien, die sich seiner Ansicht nach zu wenig um die sozial Schwachen kümmerten.
Ab 1828, verstärkt ab 1831, betätigte sich Bitzius journalistisch. Bis zu seinem Tod verfasste er rund 150 meist ungezeichnete Zeitungsartikel über politische, wirtschaftliche und soziale Themen. Die meisten erschienen im „Berner Volksfreund“. Zielscheiben seiner Kritik waren prominente Berner Radikale wie Karl Neuhaus und Jakob Stämpfli. Politisch und persönlich stand er dem liberalkonservativen Eduard Blösch nahe.
1836 erschien sein erster Roman Der Bauern-Spiegel, die fiktive Autobiografie eines Verdingbuben. Der Name des Ich-Erzählers – Jeremias Gotthelf – wurde fortan zu seinem Schriftstellernamen. Es folgten in rascher Folge weitere Romane und Erzählungen. Seine Frau wirkte ihm dabei als Ratgeberin und Korrektorin. Eine entscheidende Rolle für die Verbreitung im deutschen Sprachraum spielte der Berliner Verleger Julius Springer. In dessen Verlag erschienen ab 1846 sämtliche Schriften. Springer riet seinem Autor immer wieder, bernerdeutsche Wendungen sparsam zu verwenden. Das erste Buch in vollständig hochdeutscher Fassung war Uli der Knecht (1846).
1851 brach bei Bitzius ein Hals- und Herzleiden mit Wassersucht aus. Ein Kuraufenthalt in Gurnigelbad brachte 1853 keine Linderung. Am 22. Oktober 1854 starb Albert Bitzius in Lützelflüh. Laut Wikipedia starb er an einer Lungenembolie infolge einer Lungenentzündung, während die Deutsche Biographie als Todesursache „Schlagfluß“ angibt. Sein Grab liegt neben der Kirche in Lützelflüh.
Literarische Merkmale↑
Gotthelfs Erzählwerk ist getragen von einem unbeirrbar christlich-konservativen Weltbild. Zugleich prägt es eine harte, ungeschminkte Schilderung der bäuerlichen Wirklichkeit. Mit wenigen, wuchtigen Worten konnte er Menschen und Landschaften zeichnen. Seine Romane geben das Leben des Emmentaler Bauernstandes in einem teils erschreckenden Realismus wieder. Die Sprache mischt Hochdeutsch mit kräftigen Mundartwendungen aus dem Bernerdeutschen. Walter Muschg nannte sie eine „Fülle barbarischer Sprache“. Sie gehört zur Wirkung der Texte ebenso, wie sie deren Verständnis außerhalb der Schweiz erschwert.
Die Spannweite seines Schaffens ist beträchtlich. Auf der einen Seite stehen die sozialkritischen, im klassischen Sinne erzieherischen Bücher wie der Bauern-Spiegel oder die Leiden und Freuden eines Schulmeisters. Nach dem Urteil der Deutschen Biographie bezeichnen sie den Beginn der deutschsprachigen sozialkritischen Prosaepik. Auf der anderen Seite finden sich Werke, in denen das Erzählen ins Mythisch-Archaische drängt. Herausragend ist Die schwarze Spinne (1842), die aus alten Sagen eine gleichnishafte Erzählung über Gut und Böse formt. Zunächst galt sie als Hingabe an den Aberglauben. Später wurde sie, so notiert die NDB, als realistische Vision von der Macht „unterer Dämonen“ erkannt.
Auch innerhalb der einzelnen Werke ist der Ton abgestuft: vom bitteren politischen Protest über lächelndes Verständnis für menschliche Torheit bis zur Beschwörung weit zurückreichender Vergangenheit. Sein Ideal war eine von Fleiß, Bodenständigkeit, Redlichkeit, Bescheidenheit, Sparsamkeit, Heimatliebe und Gottesfurcht geprägte Gesellschaft. Er sah es durch Individualismus, Radikalismus und Industrialisierung bedroht. Als Symbole dieser vermeintlichen Gefährdung treten in seinem Werk auch Juden auf, die überwiegend negativ als Spekulanten und Betrüger gezeichnet werden. Antijudaistische Legenden vom „Gottesmord“ und der „jüdischen Verstocktheit“ finden sich in seinen Erzählungen.
Sein meistgelesenes Buch ist Wie Uli der Knecht glücklich wird (1841). Darin verdichtet sich die herbe Nüchternheit zum, wie es in der Deutschen Biographie heißt, „feierlichen Gesang vom Segen der Erde und der Arbeit, von der Heiligkeit guten Willens und der Läuterung durch Irrgang und Fehle“.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten fand Gotthelf erst dann größere Beachtung, als Julius Springer 1845 sein Berliner Verleger wurde. Besonders in Norddeutschland gewann er nach 1846 ein wachsendes Publikum. Gleichwohl blieb sein Werk lange umstritten. Es wurde, so die Deutsche Biographie, lange als sentimental verharmlosende Dorfgeschichte in der Art Berthold Auerbachs missverstanden, später auch als bloßer Vorläufer von Naturalismus und Heimatkunst eingeordnet.
Schon früh aber gab es scharfsichtige Beurteiler. Gottfried Keller rezensierte zwischen 1849 und 1855 eine Reihe seiner Bücher. Er kritisierte die Zügellosigkeit der antiradikalen Propaganda und rühmte ihn zugleich als großen epischen Dichter. Nach Gotthelfs Tod würdigte Keller seinen Landsmann ausführlich. Im 20. Jahrhundert bewunderte Thomas Mann in Die Entstehung des Doktor Faustus Gotthelfs Werk, das „oft das Homerische“ berühre. Die schwarze Spinne nannte er ein Stück, das er „wie kaum ein zweites Stück Weltliteratur“ verehre. Walter Muschg erklärte ihn 1954 zum „einzigen Erzähler ersten Ranges in der deutschen Literatur“, der sich mit Dickens, Balzac oder Dostojewski vergleichen lasse. Besorgt räumte er aber ein, vielen hervorragenden Kennern sei der Name unbekannt und entlocke ihnen unfehlbar ein Lächeln. Format und Abgründigkeit des Schaffens hat nach dem Urteil der Deutschen Biographie erstmals Muschgs tiefenpsychologisch orientiertes Buch von 1931 erhellt.
Die literarische Wirkung blieb beträchtlich. Der Baselbieter Pfarrer und Dichter Jonas Breitenstein wurde als „Baselbieter Gotthelf“ bezeichnet, der Luzerner Landpfarrer Xaver Herzog als „Luzerner Gotthelf“. Für den österreichischen Sozialreformer Franz Michael Felder war Gotthelf das große Vorbild. Im 20. Jahrhundert schrieb Hansjörg Schneider nach der Schwarzen Spinne zunächst das Libretto für die gleichnamige Oper von Rudolf Kelterborn (1984), später eine eigene Erzählung. E. Y. Meyer veröffentlichte 2004 Der Ritt. Ein Gotthelf-Roman. Auch in Roberto Bolaños Roman 2666 spielt ein fiktiver Gotthelf-Roman eine Rolle.
In der Schweiz wurden mehrere Werke verfilmt. Die Filme Uli der Knecht (1954) und Uli der Pächter (1955) unter der Regie von Franz Schnyder mit Hannes Schmidhauser und Liselotte Pulver wurden Publikumserfolge. 2012 wurde in Lützelflüh das Gotthelf Zentrum Emmental eröffnet. Im selben Jahr begann die Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke und Briefe, deren Abschluss für 2040 geplant ist. Der Gedenktag im Evangelischen Namenkalender ist der 22. Oktober.
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