1180 – 1215
Gottfried von Straßburg
Kurzporträt↑
Gottfried von Straßburg zählt zu den größten deutschsprachigen Dichtern des Mittelalters. Er lebte um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert. Er war Zeitgenosse von Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide. Sein Ruhm gründet auf einem einzigen, unvollendet gebliebenen Werk: der Versdichtung Tristan und Isolt, einem Torso von 19 548 vierhebigen Reimpaaren. Über seine Person ist nahezu nichts überliefert. Nur seine dichtenden Nachfolger geben Zeugnis von ihm und nennen ihn ehrfürchtig „meister Gottfried von Straßburg".
Biografie↑
Über das Leben Gottfrieds von Straßburg ist so gut wie nichts gesichert. Die Deutsche Biographie hält fest, dass er zu jenen mittelalterlichen Dichtern deutscher Sprache gehört, deren Persönlichkeit sich einer biographischen Darstellung entzieht. Der Grund: Historische Überlieferung blieb ihr versagt. Geburtsdatum, Geburtsort und Sterbedatum lassen sich nicht aus Urkunden erschließen. Gängige Datierungen verorten sein Wirken um 1200, sein Todesjahr ungefähr 1215.
Chroniken, Urkunden und selbst Zeugenlisten schweigen über ihn vollständig. Das mag laut der NDB auch am Verlust ihn betreffender Archive liegen. Geistliche Dichter wie Ezzo von Bamberg oder Hofbeamte wie Friedrich von Hausen sind schriftlich-lateinisch überliefert. Gottfried dagegen taucht in keiner solchen Verwaltungsüberlieferung auf. Auch jener mittelbare Schimmer fehlt bei ihm, der etwa Walther von der Vogelweide gelegentlich in Urkunden sichtbar werden ließ.
Über seinen Stand lässt sich nur durch Indizien etwas vermuten. Ein Adelstitel fehlt. Daraus schließt die Forschung, wohl mit Recht, dass Gottfried nicht zum Ritterstand gehörte. Welchem Stand er stattdessen angehörte, lässt sich nicht mit Sicherheit ableiten – weder aus sachlichen noch aus stilistischen Besonderheiten seiner Erzählung. Der Titel „meister", den die Nachfahren ihm beilegen, bleibt zweideutig. Er kann auf einen gelehrten Kleriker im Sinne des lateinischen „magister" verweisen, möglicherweise an den Schulen von Paris ausgebildet. Er kann aber auch ganz allgemein die Meisterschaft der hochmittelalterlichen literarischen Kunst von Sinn und Form bezeichnen. Gottfried selbst verwendet das Wort in der Literaturschau seines Tristan (Vers 4589 ff.) in eben diesem zweiten Sinn, etwa auf Heinrich von Veldeke und Hartmann von Aue bezogen.
Als Wirkungsstätte darf laut der NDB Straßburg angenommen werden. Friedrich Ranke hat die Frühüberlieferung des Tristan bis zur ältesten erhaltenen Handschrift, der Münchener, mit guten Gründen in Straßburg lokalisiert, möglicherweise im Umkreis des „notarius burgensium" „meister Hesse". Damit lässt sich die Bischofsstadt zum Herkunftsnamen hinzu auch als Wirkungsstätte vermuten. Es bleibt jedoch beim Namen. Von Gottfrieds Umkreis, seiner Tätigkeit, Stellung oder einem Amt ist nichts bekannt. Ebenso wenig weiß man von Pflege und Funktion deutscher Literatur in Straßburg am Bischofshof, bei der Stadt oder beim Adel. Selbst über Hartmann von Aue, dessen Ortsname ebenfalls nicht weiterhilft, wissen wir kaum weniger.
Eine absolute Chronologie seines Werks lässt sich weder aus äußeren Zeugnissen noch aus dem Tristan selbst gewinnen. Gottfried äußert sich darin zwar recht freimütig, vor allem in der berühmten Literaturschau, einer Beurteilung zeitgenössischer Dichter. Aus diesen Hinweisen lässt sich aber nur eine relative Zeitfolge ableiten. Sicher ist allein, dass der Tristan Torso geblieben ist, abgebrochen bei Vers 19 548. Zwei Nachfolger haben das Werk fortgesetzt: Ulrich von Türheim um 1230 und Heinrich von Freiberg um 1290. Beide nennen den ursprünglichen Verfasser ehrerbietig „meister Gottfried von Straßburg".
Literarische Merkmale↑
Gottfrieds dichterische Eigenart zeigt sich nirgends so deutlich wie im Prolog des Tristan. Er ist kunst- und moralphilosophisch angelegt und beginnt mit den vielzitierten Versen „Gedaehte man ir ze guote niht, / von den der werlde guot geschiht, / so waerez allez alse niht, / was guotes in der werlde geschiht". Über zehn gleichgebaute „Strophen" hinweg ist dieser Prolog mit dem Akrostichon G DIETERICH geschmückt. „Dieterich" dürfte der Name des Gönners oder Auftraggebers sein, dem das Werk gewidmet wird. Er lässt sich heute nicht mehr identifizieren. Das „G" mag für Gottfried stehen, kann aber ebenso den Grafentitel des Gönners meinen.
Von der elften „Strophe" an ziehen sich gleich gebaute Strophen durch das gesamte Werk und sind an charakteristischen Gliederungsstellen verteilt: am Anfang und Ende der folgenden Vorrede, am Ende von Tristans Geburt, am Ende der Schwertleite, am Ende der Minnetrankszene. Mit ihrer Umgebung entfalten sie weitere Akrosticha. Gottfried gedachte sie offenbar erst in der Fortsetzung des abgebrochenen Werks oder bei einer späteren Überarbeitung zu Ende zu führen. Deshalb sind sie nicht mit Sicherheit aufzulösen. Deutlich zu erkennen sind jedoch die Namen TRIS(tan) und ISOL(…). Sie erscheinen – passend zum Thema des Werks – vielfach ineinander verschlungen.
Eigenaussagen über seine Person hat Gottfried bewusst so verschlüsselt, dass sie bis heute unlösbaren Rätseln gleichen. Seine Kunst lebt vom Ineinandergreifen von Form und Sinn. Der Bau der Strophen, das Spiel mit Akrosticha und die kunstvolle Reflexion auf andere Dichter in der „Literaturstelle" des Tristan zeigen einen Verfasser, der die hochmittelalterliche literarische Kunst gezielt als Kunst gestaltet. Damit wird er selbst zum „meister", als den ihn die Nachfahren bezeichnen.
Rezeption↑
Gottfrieds Ruhm gründet ganz auf dem Tristan. Schon im Mittelalter wurde dieses Werk durch das gesamte deutsche Sprachgebiet hindurch genährt. Seit der Wiedergewinnung des Mittelalters ist es laut der Deutschen Biographie neu gereift. Über den literarischen wie geistesgeschichtlichen Rang ist man sich heute mehr denn je einig, gerade angesichts der kaum aufzulösenden Kontroversen über seinen Sinn.
Anders als bei vielen Zeitgenossen schweigen Chroniken und Urkunden über Gottfried völlig. Allein dichtende Nachfolger geben Zeugnis von ihm. Das zeigt: Er hat sich, wie Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach und andere Dichter im Hochmittelalter, einen rein literarischen Namen geschaffen – analog zu den großen „literati" der lateinischen Schriftkultur, die von Klöstern, Domschulen und Universitäten getragen wurde. Sein Ruhm mag, so die NDB, sogar mehr als der seiner Zeitgenossen vom direkten Abglanz solcher Gelehrsamkeit in die Welt höfischer deutscher Dichtung genährt worden sein.
Die handschriftliche Überlieferung umfasst rund 25 erhaltene Handschriften und Fragmente des Tristan. Die beiden Fortsetzer, Ulrich von Türheim um 1230 und Heinrich von Freiberg um 1290, nennen den Verfasser ehrerbietig „meister Gottfried von Straßburg". Auch Rudolf von Ems, selbst Dichter und Literaturkenner, verehrte ihn. Er schreibt ihm im Alexander (Vers 20 621 ff.) den Spruch vom Gläsernen Glück zu, den die große Heidelberger Liederhandschrift unter dem Namen Ulrichs von Lichtenstein überliefert. Diese Zuschreibung bleibt jedoch unsicher. Liederhandschriften führen unter Gottfrieds Namen auch Strophen von Minne, von der Jungfrau Maria und von Armut. Diese sind laut der NDB mit Sicherheit unecht und spät – von seinem Ruhm angelockt.
Eine wichtige philologische Marke setzte die Ausgabe Friedrich Rankes von 1930, verbessert wieder aufgelegt von Eduard Studer 1958. Sie ist bis heute eine Grundlage der Forschung. Der Streit um die Deutung des Tristan ist nie verstummt. Das gehört zur eigenartigen Wirkungsgeschichte dieses Torsos: Je weniger sich über den Autor sagen lässt, desto stärker rückt das Werk selbst ins Zentrum.
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