1801 – 1836
Christian Dietrich Grabbe
Kurzporträt↑
Christian Dietrich Grabbe war ein deutscher Dramatiker des Vormärz. Neben Georg Büchner gilt er als bedeutendster Erneuerer des deutschsprachigen Dramas seiner Zeit. In nur fünfunddreißig Lebensjahren schuf er eine Reihe ungestümer Stücke. Diese sprengten das klassische Drama. Mit ihren Massenszenen und schnellen Szenenwechseln überforderten sie die Theatertechnik seiner Zeit weit. Grabbe stammte aus Detmold. Er scheiterte an seiner Sehnsucht nach der Bühne, am ungeliebten Brotberuf als Auditeur und am zunehmenden Alkoholismus. Zu Lebzeiten erlebte er nur eine einzige Aufführung eines seiner Werke. Entdeckt wurde er erst von den Naturalisten und Expressionisten.
Biografie↑
Grabbe wurde am 11. Dezember 1801 in Detmold geboren. Er war das einzige Kind des Zuchthausaufsehers Adolf Henrich Grabbe und seiner Frau Dorothea, geborene Grüttemeier. Laut der Deutschen Biographie waren beide Eltern von ehrenwertem Charakter und festem Willen. Sie hingen mit großer Zärtlichkeit an ihrem Sohn und ermöglichten ihm eine Erziehung, für die ihre geringen Mittel kaum hinreichten. Am Detmolder Gymnasium fiel er durch besonderen Eifer für Geographie und Geschichte auf. Auch eine ungezügelte Lesewut und deutsche Aufsätze von origineller Auffassung und großer Phantasie zeichneten ihn aus. Bereits mit sechzehn Jahren unternahm er erste Versuche als Dramatiker. In einem Jugendbrief nannte er Shakespeares Tragödien in seiner Art das erste Buch der Welt.
Ein Stipendium der Landesfürstin ermöglichte ihm ab 1820 ein Jurastudium in Leipzig. 1822 setzte er es in Berlin fort. In Berlin wurde er Mitglied eines literarischen Zirkels. Er lernte Heinrich Heine, Köchy, Friedrich von Uechtritz und F. W. Gubitz kennen. 1823 traf er in Dresden Tieck. Nach dem Studienabschluss 1823 bemühte er sich vergeblich um eine Anstellung an einem deutschen Theater als Schauspieler oder Regisseur. Enttäuscht kehrte er nach Detmold zurück. Dort legte er 1824 sein juristisches Staatsexamen ab.
Auch in Detmold blieben die Versuche, eine juristische Stellung zu finden, zunächst erfolglos. Erst 1826 übernahm Grabbe die unbezahlte Vertretung eines erkrankten Auditeurs. Dessen besoldeter Nachfolger wurde er 1828. 1829 erlebte er in Detmold mit Don Juan und Faust die einzige Aufführung eines seiner Dramen zu Lebzeiten. An ihr wurde schauspielerisch mitgewirkt, und Lortzing schrieb die Bühnenmusik. Ab 1831 verschlechterte sich sein Gesundheitszustand zusehends. Die Folgen seines Alkoholismus wurden sichtbar. Eine Verlobung mit Henriette Meyer löste er, als er sich wieder der zehn Jahre älteren Louise Christiane Clostermeier zuwandte. Sie war die Tochter des Detmolder Archivrats und Historikers Christian Gottlieb Clostermeier. Sie hatte ihn schon einmal abgewiesen. 1833 heirateten beide. Doch die Ehe erwies sich bald als unglücklich und blieb kinderlos.
1834 gab Grabbe sein Amt auf. Er reiste über Frankfurt am Main nach Düsseldorf. In Frankfurt überwarf er sich mit seinem Verleger. In Düsseldorf wohnte er zunächst in der Bolkerstraße 6. Er arbeitete mit Karl Immermann, den er 1831 kennengelernt hatte, an der Immermannschen Musterbühne. Das war ein Projekt zur Professionalisierung und künstlerischen Erneuerung des Stadttheaters. Auch diese Zusammenarbeit dauerte wegen Grabbes Depressivität und seiner Alkoholexzesse nicht lange. 1836 kehrte er nach Detmold zurück. Seine Frau reichte die Scheidung ein. Noch im selben Jahr starb Grabbe am 12. September 1836 in seiner Geburtsstadt an Rückenmarksschwindsucht.
Literarische Merkmale↑
Grabbe war von Shakespeare und vom „Sturm und Drang" beeinflusst. Entschieden wandte er sich gegen die strenge Form des klassischen Dramas. In seinen ambitionierten Stücken löste er die geschlossene Bauweise in eine Folge locker verbundener Szenen auf. Er schrieb große Massenszenen und verlangte schnelle Szenenwechsel. Diese überforderten die damalige Theater- und Bühnentechnik. Damit wurde er, so die Wikipedia, zum Wegbereiter des Realismus auf der Bühne. Seine Stücke entwarfen eine desillusionierende bis pessimistische Weltsicht mit teilweise schrillen Szenen.
Die Deutsche Biographie beschreibt seine frühe Tragödie Herzog Theodor von Gothland als Werk hemmungsloser Brutalitäten. Grabbe begann sie schon als Gymnasiast 1819 und vollendete sie während des Studiums. In ihr zeigten sich eine zügellose Phantasie und eine fast pathologische Neigung zur Destruktion. Mit den Mitteln des romantischen Schicksalsdramas im Stile Müllners und einem Schiller entlehnten Pathos habe der junge Grabbe einer nihilistischen Weltsicht Ausdruck verliehen. Er habe einen Elementarstil gefunden, der die Ausweglosigkeit des Daseins schonungslos enthüllt.
Das Lustspiel Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung entstand in erster Fassung 1822. Hier mäßigte die kritische Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Literatur den hemmungslosen Gefühlsausbruch. Grabbe verband komische und tragische Elemente zu skurriler Unheimlichkeit und erfüllte das Stück mit derber Realistik. Es besitzt laut der Deutschen Biographie bis heute die größte Bühnenwirksamkeit seiner Werke. In der Tragödie Don Juan und Faust brachte er, so die NDB, die „Extreme der Menschheit" zur Darstellung. In dem mit phantastisch-ironischen Mitteln gezeichneten Menschenbild kündige sich bereits eine autonome Persönlichkeit an, die den himmlischen Mächten absagt und sich ganz im Irdischen vollendet.
Seine schärfste Profilierung gewann Grabbe nach Auffassung der NDB dort, wo er den Raum der Geschichte betrat. Seine zweite Schaffensperiode war ausschließlich geschichtlichen Themen gewidmet. Für sie trieb er umfangreiche historische Studien, die seine dichterische Arbeit drei Jahre lang unterbrachen. Zu dieser Periode gehören die Neufassung von Marius und Sulla (1827) sowie Kaiser Friedrich Barbarossa und Kaiser Heinrich der Sechste (beide 1829). Sie blieben als vollendeter Teil eines auf sechs bis acht Dramen geplanten Hohenstaufenzyklus stehen.
Rezeption↑
Zu Lebzeiten blieb Grabbe nahezu wirkungslos. Nur ein einziges seiner Stücke, Don Juan und Faust, kam 1829 in Detmold auf die Bühne. Nach seinem Tod geriet sein Werk zunächst in Vergessenheit. Erst die Dramatiker des Naturalismus und Expressionismus entdeckten ihn in Teilen wieder und erkannten in ihm einen Vorläufer.
Im Nationalsozialismus fand Grabbe Verehrung als nationaler Dichter. Zu ideologischen Anknüpfungspunkten wurden dabei, wie die Wikipedia festhält, die von ihm überlieferten antisemitischen Aussagen und vereinzelte judenfeindliche Passagen in seinen Stücken, vor allem in Aschenbrödel. Auch die nationale Tendenz seiner Stoffe diente als Anknüpfungspunkt, insbesondere in Die Hermannsschlacht. Vor allem in den 1930er Jahren wurden mehrere Straßen nach ihm benannt.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Grabbe setzte schon im 19. Jahrhundert ein. 1879 erschien der Artikel von Alfred Stern in der Allgemeinen Deutschen Biographie, 1964 der Artikel von Rüdiger Frommholz in der Neuen Deutschen Biographie. Eine umfangreiche Handschriften- und Briefsammlung wird als Grabbe-Archiv in der Lippischen Landesbibliothek Detmold aufbewahrt. In Detmold besteht zudem eine Grabbe-Gesellschaft, die seit 1939 ihre Jahrbücher herausgibt. Eine historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke und Briefe begann ab 1960 die Akademie der Wissenschaften in Göttingen unter der Bearbeitung von Alfred Bergmann. Die Forschung des 20. Jahrhunderts hat Grabbe wiederholt mit Büchner zusammengestellt, etwa in Alexander Closs' Studie Nihilism and Modern German Drama: G. and Büchner (London 1957). Sie hat ihn als Geschichtsdramatiker und Gestalt zwischen Klassik und Moderne untersucht.
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