1829
Don Juan und Faust
Überblick↑
Das Schauspiel Don Juan und Faust von Christian Dietrich Grabbe erschien 1829. Es zählt zur Gattung des Ideendramas, in dem nicht allein Personen, sondern die Grundhaltungen hinter ihnen miteinander ringen. Grabbe führt zwei berühmte Gestalten der Weltliteratur zusammen: den Verführer Don Juan und den nach Wissen strebenden Faust. Erklärtermaßen wollte der Autor mit diesem Stück sowohl Goethe als auch Mozart übertreffen. Es ist das einzige Werk Grabbes, das noch zu seinen Lebzeiten auf die Bühne kam.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Im Mittelpunkt stehen zwei Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch dasselbe begehren. Der berüchtigte Liebhaber Don Juan reist nach vielen Abenteuern mit seinem Diener Leporello nach Rom. Dort wirbt er um Donna Anna, die Tochter des spanischen Gesandten, obwohl sie bereits mit dem gutgläubigen Adeligen Octavio verlobt ist. Don Juan kennt keine Skrupel und scheut auch das Blutvergießen nicht, um sein Ziel zu erreichen.
Doch kaum scheint der Weg zu Anna frei, tritt ein zweiter Mann auf den Plan: der Zauberer Faust, der auf der Suche nach Wissen und Macht einen unheimlichen Pakt eingegangen ist. Auch er begehrt Anna und entführt sie in ein Schloss hoch in den Alpen. So beginnt ein Wettstreit zweier Männer um dieselbe Frau – der eine ganz dem irdischen Genuss verschrieben, der andere dem übermenschlichen Streben. Anna selbst aber hat einen eigenen Willen. Wie dieses Ringen ausgeht, bleibt der Lektüre vorbehalten.
Die Handlung im Detail↑
Nach zahlreichen Liebesabenteuern kommt Don Juan mit seinem Diener Leporello nach Rom. Dort wirbt er um Donna Anna, die Tochter des spanischen Gesandten. Sie ist bereits mit dem naiven Adeligen Octavio verlobt. Getrieben von egoistischer Begierde und Genusssucht provoziert Don Juan auf dem Verlobungsfest ein Duell mit Octavio, um ihn aus dem Weg zu räumen. Er ersticht Octavio und kurz darauf auch Annas Vater, der den Tod Octavios rächen will.
Bevor Don Juan die nun wieder freie Anna an sich reißen kann, wird sie vom Zauberer Faust entführt. Faust hat auf seiner Suche nach Wissen und Macht seine Seele dem Teufel verschrieben, der ihm in Gestalt eines Ritters erschienen ist. Doch statt Fausts Durst nach überirdischem Wissen zu stillen, weckt der Ritter in ihm nur die Lust auf die irdische Liebe zu Donna Anna. Faust bringt die Schöne deshalb auf ein Schloss in den Alpen, auf den Montblanc, und versucht ihre Liebe zu gewinnen. Anna aber hat schon Don Juan widerstanden und fordert Faust auf, sie freizulassen.
Don Juan und Leporello machen sich unterdessen auf, um Anna zu befreien. Doch Faust schleudert die beiden Befreier durch die Lüfte zurück nach Rom. Im Zorn über Annas Standhaftigkeit tötet Faust sie schließlich mit seiner Magie. Während er nun um die Erschlagene trauert – „Ich schlug das Herrlichste zu Trümmern, weil ichs nicht begriff." –, richtet Don Juan seine Gedanken bereits auf neue Liebesabenteuer, denn Anna war für ihn nur eine weitere Herausforderung.
Am Ende ereilt beide Männer der Tod. Faust hat durch das Sterben Annas allen Lebenswillen verloren. Don Juan weigert sich, seine Sünden zu bereuen. Beide werden vom Ritter in dessen Reich geholt.
Im Kern steht der Gegensatz der beiden Gestalten. Don Juan kann nur körperlich-sinnliche Befriedigung erfahren, während Faust alle materiellen Bedürfnisse als menschliche Schwäche ablehnt. Im Streit um Donna Anna scheitern jedoch beide, weil ihr Handeln rein selbstsüchtig ist. Eine wirkungsvolle Konfrontation der beiden gerät dabei in Schieflage, weil Faust dem Gegner durch seine Zaubermacht weit überlegen ist und Don Juan ihm nichts entgegenzusetzen hat.
Stil↑
Den Kern des Werks bildet ein Ideenkonflikt: Nicht nur zwei Figuren, sondern zwei entgegengesetzte Lebenshaltungen treffen aufeinander. Auf der einen Seite der ganz dem sinnlichen Genuss verfallene Don Juan, auf der anderen der nach übermenschlichem Wissen strebende Faust. Diese gedankliche Auseinandersetzung verdichtet Grabbe in den wenigen Dialogen zwischen den beiden. Weil Faust dem Gegenspieler durch seine Magie überlegen ist, bleibt der eigentliche Schlagabtausch knapp und der Konflikt mehr behauptet als ausgespielt.
Sprachlich fällt der schroffe, oft zynische Ton auf, besonders in den Reden Don Juans, sowie die Weltverachtung Fausts. Trotz der Schwächen im Aufbau entfaltet das Stück eine starke Bühnenwirkung.
Rezeption↑
Schon die Zeitgenossen reagierten auf den deutlich spürbaren Pessimismus des Stücks. Er zeigt sich vor allem in den zynischen Textzeilen Don Juans, aber auch in der Weltverachtung Fausts, und stieß auf Kritik. Es ist das einzige Werk Grabbes, das zu seinen Lebzeiten aufgeführt wurde, und zwar am Landestheater Detmold im Jahr 1829.
Søren Kierkegaard hob das Stück in seinem Werk Entweder – Oder lobend hervor, weil es in außergewöhnlicher Weise „auf das Böse gegründet" sei. In späterer Zeit fand das Drama auf verschiedenen Wegen neue Bearbeiter. Peter Barnes schuf eine modernisierte Hörspielfassung, die vom Sender BBC ausgestrahlt wurde. Die Malerin Clara Siewert gestaltete eine ausdrucksstarke Folge zu dem Werk, und der Dramatiker Carl Ceiss erarbeitete 1984 eine Bühnenbearbeitung.
Mitglieder des YouTube-Kanals erhalten das ganze Lexikon als PDF zum Download – zum Sammeln, Offline-Lesen und Ausdrucken. Mitglied werden →