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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Die Hermannsschlacht
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Die Hermannsschlacht
1838
– Werkseintrag –

Die Hermannsschlacht

1838 · Drama

Grabbes nüchterner Blick auf die Schlacht im Teutoburger Wald, in der ein Mann zwischen Rom und den germanischen Stämmen den Sieg gewinnt und doch am Eigensinn seiner Verbündeten zu scheitern droht.

Überblick↑

Das Geschichtsdrama Die Hermannsschlacht von Christian Dietrich Grabbe behandelt die berühmte Schlacht im Teutoburger Wald des Jahres 9 n. Chr. Damals besiegte der Cheruskerfürst Arminius, im Deutschen Hermann genannt, das römische Heer unter Varus. Grabbe schrieb das Werk zwischen 1835 und 1836 und wollte damit seiner lippischen Heimat ein Denkmal setzen. Zugleich strebte er ein nüchternes, wirklichkeitsnahes Bild dieser legendenumrankten Schlacht an.

Bewusst wählte Grabbe einen anderen Weg als Heinrich von Kleist, der denselben Stoff 1808 in seinem gleichnamigen Drama Die Hermannsschlacht als Spiegel des Widerstands gegen Napoleon gestaltet hatte. Bei Grabbe prallen zwei Welten aufeinander: der starre, technisch durchorganisierte Militärapparat der Römer und das natürliche, ursprüngliche Volkstum der Germanen. Beide Seiten zeigen dabei gute wie schlechte Züge. Der kalten, oft fragwürdigen Rechtsprechung der Römer steht das natürliche Rechtsempfinden der Germanen gegenüber, der einheitlichen, zivilisatorisch höher stehenden Römerkultur ein buntes, mit der Natur verwachsenes Volk aus vielen Stämmen.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Mittelpunkt steht Hermann, der Fürst der Cherusker. Er ist ein Mann zwischen den Welten: Ausgebildet und im Dienst des römischen Heeres, kennt er die Stärke und das Denken der Besatzer genau. Zugleich versucht er, die zersplitterten germanischen Stämme hinter sich zu vereinen, um das römische Joch abzuschütteln.

Den Römern unter Varus steht damit nicht nur ein einiger werdender Gegner gegenüber, sondern auch eine fremde, bedrohliche Landschaft. Der Teutoburger Wald selbst wird für die hochgerüstete Streitmacht zur Gefahr. In wechselnden Gefechten verschiebt sich das Kräfteverhältnis. Hermann denkt dabei weiter als seine Verbündeten, weil er die römische Kriegskunst von innen kennt. Was aus seinen weitreichenden Plänen wird und ob die zerstrittenen Stammesfürsten ihm folgen, treibt die Handlung voran.

Die Handlung im Detail↑

Das Drama führt den Zusammenstoß der Germanen mit dem römischen Heer unter Varus über mehrere Tage hinweg vor. Hermann, der Cheruskerfürst, ist die Schlüsselfigur. Er dient im römischen Heer und ist militärisch nach römischem Muster geschult. Trotzdem arbeitet er heimlich darauf hin, die einzelnen germanischen Stämme zu einem Bündnis zusammenzuführen und sich gegen die römische Herrschaft zu erheben.

Als es zu den Kämpfen kommt, geraten die Römer in eine doppelte Bedrängnis. Zum einen stellen sich ihnen die vereinten Germanen entgegen. Zum anderen wird ihnen die fremde, unwegsame Natur des Teutoburger Waldes zum Verhängnis, in der ihr geordneter Militärapparat nicht zur Geltung kommt. In den folgenden Scharmützeln unterliegen die Römer den Germanen.

Nach dem Sieg zeigt sich Hermanns weiter Blick. Weil er durch seine römische Ausbildung größere Zusammenhänge erkennt, will er seine Gefolgsleute dazu bewegen, den Erfolg auszunutzen und den Sturm auf Rom selbst zu wagen. Doch er scheitert. Die Stammesfürsten beharren auf ihrem Eigensinn und sehen nicht über den Augenblick hinaus. Statt Hermann zu folgen, verdächtigen sie ihn, nach Alleinherrschaft zu streben. So bleibt der große Sieg ohne Fortsetzung. In diesem Misstrauen gegenüber einer ordnenden Vormacht klingt die Lage im Deutschland nach dem Wiener Kongress an, als sich die vielen Einzelstaaten von der Vormachtstellung Preußens bedroht sahen.

Den Abschluss bildet eine Szene im römischen Kaiserpalast. Dort wird die Geburt Jesu als ein neuer Einschnitt der Geschichte angekündigt, der über den germanisch-römischen Konflikt hinausweist.

Stil↑

Bei dem Werk handelt es sich um ein Geschichtsdrama, das einen historisch belegten Stoff auf die Bühne bringt. Grabbe verzichtet auf die heroische Überhöhung und sucht stattdessen ein realistisches Bild der Schlacht. Sein Verfahren ist das eines bewussten Gegensatzes: Er stellt die geordnete, technische Welt der Römer und das ursprüngliche, vielgestaltige Wesen der Germanen einander gegenüber, ohne eine Seite einseitig zu erhöhen. Beide tragen positive wie negative Züge.

Die Handlung ist breit angelegt und erstreckt sich über mehrere Tage. Eine besondere Rolle spielt die Landschaft des Teutoburger Waldes, die nicht bloß Kulisse ist, sondern selbst zur Macht im Geschehen wird und das Schicksal der Römer mitbestimmt. Der weit ausgreifende Bau des Stücks gilt als schwer auf die Bühne zu bringen; spätere Theaterleute näherten sich ihm vielfach nur über stark gekürzte Bearbeitungen.

Rezeption↑

Innerhalb von Grabbes Schaffen gilt Die Hermannsschlacht trotz des reizvollen und vielschichtigen Gegensatzes zwischen Römern und Germanen als eher schwaches Werk. Es entstand in den letzten Lebensjahren des Autors und trägt nach verbreiteter Einschätzung bereits Spuren seines körperlichen und geistigen Niedergangs. Besonders die Schlussszene im römischen Kaiserpalast, in der die Geburt Jesu als neue Wende der Geschichte verkündet wird, wird von der Literaturwissenschaft als misslungen angesehen.

Anklang fanden dagegen die nationalistischen Töne des Stücks im Nationalsozialismus. In dieser Zeit kam das Werk überhaupt erst zur Uraufführung, 1934 auf der Freilichtbühne Nettelstedt, und wurde in zahlreichen Inszenierungen gespielt. Am 23. September 1936 hatte eine Bearbeitung von Walter Bruno Iltz in dessen eigener Regie Premiere. Iltz schuf daraus eine stark verkürzte Collage aus Bruchstücken des bei Grabbe über drei Tage reichenden Geschehens. In Düsseldorf wurde das Stück als „Führerdrama“ aufgeführt, das offen der tagespolitischen Aktualisierung diente. Anschließend fertigte der Gauamtsleiter Walter Steinecke zwölf Radierungen an, die im Januar 1937 in Buchform Adolf Hitler übergeben wurden. Im Oktober 1936 zeigte man die Inszenierung als Festaufführung im Rahmen einer Grabbe-Woche in Detmold, von der Presse einhellig gefeiert.

Wegen dieser Vereinnahmung galt das Stück später als verpönt und wurde nach 1945 zunächst nicht mehr gespielt. Erst 1995 nahm sich das Theater Chemnitz seiner wieder an und zeigte eine revueartige Bearbeitung. Zum 2000-jährigen Jubiläum der Varusschlacht brachte das Landestheater Detmold 2009 eine Fassung heraus, die mit Texten von Andreas Gryphius bis Heiner Müller durchsetzt war. Im selben Jahr wagte sich Philip Tiedemann am Theater Osnabrück an das ganze, als unspielbar geltende Drama. Auch die Neue Bühne Senftenberg unternahm 2009 in der Regie von Sewan Latchinian einen Versuch, den der Kritiker Martin Linzer als Rehabilitierung des Stücks wertete.

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