1916
Die Heiterkeit
Überblick↑
Der Gedichtband L'allegria (italienisch für „Freude" oder „Heiterkeit") ist eine Gedichtsammlung von Giuseppe Ungaretti. Die Verse entstanden zwischen 1914 und 1919. Sie speisen sich vor allem aus dem Erleben des Ersten Weltkriegs. In den Gedichten steht der Schmerz neben der Entdeckung ganz ursprünglicher Werte: Brüderlichkeit und Menschlichkeit. Der Titel deutet auf ein Aufjubeln, das gerade in den schrecklichsten Augenblicken des Kampfes gegen den Tod aufblitzt und den Dichter antreibt, seinen Weg mit größerer Zuversicht fortzusetzen. Die Sammlung erschien zunächst 1916 unter dem Titel Il porto sepolto, 1919 als Allegria di naufragi und trug erst ab 1931 ihren endgültigen Namen. Nach weiteren Überarbeitungen entstand 1942 die letzte, maßgebliche Fassung.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Die Gedichte dieses Bandes sind keine erzählte Geschichte, sondern eine Folge von Momentaufnahmen aus den Jahren des Krieges. Sie sind in fünf Abschnitte gegliedert, die verschiedenen Zeiträumen vor, während und nach den Kämpfen gewidmet sind. Der erste Teil, Ultime, geht auf die Zeit in Mailand 1914 und 1915 zurück. Es folgen Abschnitte aus den Kriegsjahren und schließlich Prime, entstanden 1919 zwischen Paris und Mailand. Im Mittelpunkt steht das Leben des Soldaten an der Front: die Nähe des Todes, das Grauen der Schützengräben, aber auch die plötzliche Verbundenheit mit den Kameraden und die Kraft, weiterzuleben. Viele der Gedichte sind auffallend kurz und ringen dem Augenblick mit wenigen Worten ein Bild ab. So wird der Leser durch die Stationen eines Menschen geführt, der im Angesicht der Vernichtung nach dem Wesentlichen sucht.
Die Handlung im Detail↑
Der Band gliedert sich in fünf Abschnitte, die jeweils bestimmten Lebens- und Kriegsabschnitten zugeordnet sind: Ultime (Mailand 1914–1915), Il Porto Sepolto (Dezember 1915 bis Oktober 1916), Naufragi (Dezember 1916 bis August 1917), Girovago (März bis Juli 1918) und Prime (Paris–Mailand 1919). Mehrere dieser Gedichte waren schon zuvor gedruckt worden, unter anderem in der Ausgabe von 1916.
In I fiumi („Die Flüsse"), am 16. August 1916 in Cotici geschrieben, ruft Ungaretti mit persönlichen Erinnerungen jene Flüsse auf, die für sein Leben stehen: der Isonzo für den Krieg, der Serchio für die Familie, aus der er stammt, der Nil für seinen Geburtsort und die Seine für das Erwachsenwerden und die Selbstfindung als reifer Mann. Über diese Flüsse geht der Dichter einige der wichtigsten Stationen seines Daseins noch einmal ab und erkennt sich selbst als „una docile fibra / dell'universo" – als eine fügsame Faser des Weltalls.
Das Gedicht Pellegrinaggio („Pilgerfahrt") zeigt dagegen die Fähigkeit, im Innern die Kraft zu finden, sich aus den Trümmern des Krieges zu retten. Hier prägt Ungaretti seine bekannte Selbstbeschreibung: „Ungaretti / uomo di pena / ti basta un'illusione / per farti coraggio" – Ungaretti, Mensch des Leids, dem schon eine Täuschung genügt, um sich Mut zu machen.
Eines der berühmtesten Stücke der Sammlung ist Mattina („Morgen"), am 26. Januar 1917 in Santa Maria la Longa entstanden. Es besteht aus nur vier Wörtern: „M'illumino / d'immenso" – sinngemäß: Ich erhelle mich an Unendlichkeit. Es ist Ungarettis kürzestes Gedicht. Der Gedanke einer grenzenlosen Größe wird in einem einzigen Bild verdichtet, das, mit den Worten Romano Luperinis, „in Gestalt des Lichts" trifft.
Soldati („Soldaten"), im Wald von Courton im Juli 1918 geschrieben, fasst die Ausgesetztheit des Soldatenlebens in ein knappes Bild: Die Soldaten sind wie die Blätter im Herbst. Ein Windhauch genügt, und sie lösen sich und verschwinden – so wie das Leben der Menschen, und besonders der Soldaten an der Front, jederzeit unversehens abreißen kann.
Stil↑
Kennzeichnend für den Band ist eine äußerste Verknappung der Sprache. Ungaretti reiht wenige, oft isolierte Wörter in kurze Zeilen und verzichtet auf den geregelten Vers der Überlieferung. Das Gedicht Mattina mit seinen vier Wörtern zeigt diese Verdichtung in ihrer stärksten Form: Ein einziges Bild soll das Gefühl des Unermesslichen tragen. Leone Piccioni hat darauf hingewiesen, dass Ungaretti mit dem Versmaß dieses Bandes eine dichterische Tradition umwälzt, die sich noch weitgehend auf Giovanni Pascoli und Gabriele D'Annunzio berief – und dies zu einer Zeit, als bereits modern gestimmte Dichter wie Guido Gozzano und die Futuristen um Filippo Tommaso Marinetti wirkten. So steht die Sammlung an einem Wendepunkt: Aus der Erfahrung des Krieges wächst eine Sprache, die alles Überflüssige abstreift.
Rezeption↑
Über Jahre hinweg hat Ungaretti diese Sammlung immer wieder umgearbeitet. Sie erschien unter wechselnden Titeln – 1916, 1919 und ab 1931 als L'allegria –, bis 1942 die endgültige Fassung vorlag. Diese fortdauernde Arbeit am eigenen Werk zeigt, welchen Rang der Dichter ihr selbst beimaß. Einzelne Gedichte wurden weithin bekannt, allen voran das knappe Mattina und das Bild der fallenden Blätter in Soldati. Die Beobachtung Leone Piccionis, Ungaretti habe mit dieser Sammlung das italienische Versmaß erneuert, weist auf ihre Bedeutung für die moderne Lyrik des Landes hin. Auch die Musik griff die Verse auf: Der Komponist Carlo Deri vertonte das Gedicht Natale aus dem Band für Gesang und Klavier.
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