1888 – 1970
Giuseppe Ungaretti
Kurzbiografie↑
Giuseppe Ungaretti zählt zu den bedeutenden italienischen Lyrikern des 20. Jahrhunderts. Er wurde 1888 im ägyptischen Alexandria geboren und starb 1970 in Mailand. Seine knappe, verdichtete Dichtung machte ihn zum führenden Vertreter des italienischen Ermetismo. Seine Erfahrungen als Soldat im Ersten Weltkrieg flossen in frühe Gedichte ein. In ihnen zog er das Wort auf das Äußerste zusammen. Ins Deutsche wurden seine Verse von namhaften Dichtern wie Ingeborg Bachmann, Hilde Domin und Paul Celan übertragen.
Biografie↑
Giuseppe Ungaretti kam 1888 in Alexandria in Ägypten zur Welt. Sein Vater stammte aus Lucca und war am Bau des Suezkanals beteiligt. Deshalb lebte die Familie in Ägypten. Beim Geburtsdatum weichen die Quellen voneinander ab. Die englischsprachige Wikipedia und die Normdaten (GND) nennen den 8. Februar 1888. Die deutschsprachige Wikipedia verzeichnet den 10. Februar 1888.
Ab 1912 studierte Ungaretti in Paris an der Sorbonne, zwischenzeitlich auch in Italien. In dieser Zeit lernte er verschiedene Künstler und Denker kennen. Dazu zählten Guillaume Apollinaire, Max Jacob, André Derain, Pablo Picasso, Georges Braque, Charles Péguy und Henri Bergson. Im Ersten Weltkrieg diente er ab 1914 als Soldat im 19. italienischen Infanterieregiment. Er war zumeist an der österreichischen Front eingesetzt.
Von 1921 bis 1936 arbeitete Ungaretti in Rom im Außenministerium und als Korrespondent für verschiedene Zeitschriften. Anschließend übernahm er ab 1937 an der brasilianischen Universität von São Paulo den Lehrstuhl für italienische Literatur. 1939 starb sein neunjähriger Sohn Antonietto an einer schlecht behandelten Blinddarmentzündung. Dieser Tod war der Anlass für seine Rückkehr nach Italien, die 1942 erfolgte. An der römischen Universität wurde daraufhin ein Lehrstuhl für ihn eingerichtet.
Im Jahr 1970 wurde Ungaretti als erster Preisträger mit dem Neustadt International Prize for Literature ausgezeichnet. Er starb im selben Jahr in Mailand.
Literarische Merkmale↑
Verdichtung und Reduktion kennzeichnen Ungarettis Dichtung. Seine ersten Texte entstanden 1916, darunter Il porto sepolto. In dieser frühen Phase war er von der Pariser Avantgarde beeinflusst. Von Apollinaire nahm er die reimlosen, unpunktierten Verse auf. Dazu kamen der Symbolismus und kurzfristig der Futurismus. Als lebenslänglichen Begleiter seines Schaffens nannte er den Dichter Giacomo Leopardi.
Mit seiner dunklen, schwer zugänglichen Lyrik wurde Ungaretti zum führenden Vertreter des literarischen Ermetismo. Wie weit er die Sprache zusammenziehen konnte, zeigt sein kürzestes und bekanntestes Gedicht. Am 26. Januar 1917 schrieb er in Santa Maria La Longa die vier Wörter „M'illumino / d'immenso“. Es trug zunächst den Titel Cielo e mare, später Mattina. Darin erreichte er einen Höhepunkt an Minimalismus. Ingeborg Bachmanns Übertragung dieser Zeilen lautet: „Ich erleuchte mich / durch Unermeßliches“.
Wie sehr seine Knappheit an die italienische Sprache gebunden ist, zeigt eine Bemerkung des Übersetzers Christoph Wilhelm Aigner. Er verzichtete darauf, dieses Gedicht in seine Ausgabe aufzunehmen. Zur Begründung schrieb er, dass „von einem derart komprimierten Gebilde, das stark von den Vokalen und dem Rhythmus seiner Sprache genährt wird, bei jeglicher Übertragung ins Deutsche nicht viel mehr als eine Behauptung übrigbleibt“.
Rezeption↑
Wirkung entfaltete Ungaretti im deutschen Sprachraum vor allem durch die Dichter, die ihn übersetzten. Seine Gedichte wurden von Autoren wie Ingeborg Bachmann, Hilde Domin und Paul Celan ins Deutsche übertragen. Bachmann legte 1961 in der Bibliothek Suhrkamp eine zweisprachige Ausgabe mit Nachwort vor. Paul Celan übertrug La terra promessa und Il taccuino del vecchio.
Nach dem Tod seines Sohnes schrieb Ungaretti Giorno per giorno. Die intensive Beschäftigung mit seinem Werk in deutscher Sprache spiegelt sich in einer Reihe wissenschaftlicher Arbeiten. Diese widmen sich besonders den Übersetzungen Ingeborg Bachmanns und Paul Celans. Die Anerkennung gipfelte 1970 in der Verleihung des erstmals vergebenen Neustadt International Prize for Literature.
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