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MEISTERWERKE DER WORTE
Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Hermann Ungar
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Porträt Hermann Ungar
Hermann Ungar
1893 – 1929
– Autorenporträt –

Hermann Ungar

1893 – 1929 · 36 Jahre

Hermann Ungar war ein Einzelgänger am Rand des Prager Kreises um Kafka und erzählte in kühl-sachlicher Prosa von seelisch verstörten Kleinbürgern. Thomas Mann und Stefan Zweig rühmten sein Werk schon früh.

Kurzbiografie↑

Als mährisch-jüdischer Schriftsteller gehörte Hermann Ungar (1893–1929) zum weiteren Umkreis des Prager Kreises um Franz Kafka, Ernst Weiß und Max Brod, blieb dort aber ein Einzelgänger. In wenigen Jahren schuf er ein schmales, verstörendes Werk: Novellen und Romane über kleinbürgerliche Menschen, die an traumatischen Erfahrungen, seelischen Zwängen und sexuellen Ängsten leiden. Sein Erzählungsband Knaben und Mörder fand das Lob von Thomas Mann und Stefan Zweig; zu seinen Hauptwerken zählen die Romane Die Verstümmelten und Die Klasse. Ungar starb mit nur sechsunddreißig Jahren an einem zu spät behandelten Blinddarmdurchbruch.


Biografie↑

Geboren wurde Hermann Ungar am 20. April 1893 im mährischen Boskowitz, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte und heute in Tschechien liegt. In der Schreibweise des Geburtsorts weichen die Quellen leicht voneinander ab: Die Deutsche Biographie nennt ihn Boskowitz, Wikidata verwendet die tschechische Form Boskovice. Er kam als Sohn des Spirituosenfabrikanten und Schankwirts Emil Ungar zur Welt, der von 1903 bis 1905 Bürgermeister der jüdischen Gemeinde des Ortes war. Seine Mutter war Jeanette, geborene Kohn. Aufgewachsen im jüdischen Ghetto, besuchte Ungar die deutsche Volksschule in Boskowitz und nach zweijährigem Privatunterricht seit 1905 das deutsche Staatsgymnasium in Brünn.

Nach der Reifeprüfung 1911 begann er in Berlin ein Studium der Orientalistik und Philosophie. Auf Drängen des Vaters brach er es nach einem Semester ab und wandte sich der Nationalökonomie und den Rechtswissenschaften zu, zunächst in München, ab 1913 an der deutschen Universität in Prag. Noch im selben Jahr legte er die rechtshistorische Staatsprüfung ab. 1914 wurde er Präses der zionistischen Studentenverbindung „Barissia“.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde Ungar als Einjährig-Freiwilliger einberufen. 1915 erlitt er in Galizien eine schwere Verwundung und war danach unter anderem im Kanzleidienst in Königgrätz eingesetzt. 1917/18 bestand er weitere Staatsprüfungen und wurde zum Dr. iur. promoviert. In den folgenden Jahren übte er mehrere Berufe aus: Er arbeitete in einer Prager Anwaltskanzlei, war Dramaturg und wohl auch Schauspieler am Stadttheater Eger sowie Bankangestellter.

Seit 1921 gehörte Ungar der Handelsabteilung der tschechoslowakischen Botschaft in Berlin an, zunächst als Konsularattaché, zuletzt als Legationssekretär. 1922 heiratete er in Prag Margarete Weiß, geborene Stránský; aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor. 1928 wurde er Ministerialkommissar im Prager Außenministerium. Nach einer einjährigen Beurlaubung fasste er den Entschluss, als freier Schriftsteller zu leben.

Dazu kam es nicht mehr. Hermann Ungar starb am 28. Oktober 1929 in einem Prager Krankenhaus an den Folgen eines zu spät behandelten Blinddarmdurchbruchs, sechsunddreißig Jahre alt. Beigesetzt wurde er auf dem jüdischen Friedhof Smíchov-Malvazinka in Prag. Sein späteres Schicksal spiegelt die Verfolgung der Juden im nationalsozialistischen Europa: Seine Schwester, die Kinderärztin Gertrud, konnte nach Palästina auswandern und lebte zuletzt in Tel Aviv. Sein Bruder Felix und seine Eltern wurden 1942 in die Vernichtung deportiert und vermutlich in Auschwitz ermordet.


Literarische Merkmale↑

Seine ersten dichterischen Versuche unternahm Ungar als Lyriker und Dramatiker. Erst unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs wandte er sich der Prosa zu, die zu seinem eigentlichen Feld wurde. Schon sein erster Erzählungsband Knaben und Mörder fand in literarischen Kreisen Beachtung. Thomas Mann rühmte daran die Kunst, „das seelisch Extreme, Exzentrische, ja Groteske als das eigentlich Menschliche empfinden zu lassen“.

Diese Verbindung von verstörenden Stoffen und nüchterner Darstellung kennzeichnet auch seine Hauptwerke, die Romane Die Verstümmelten und Die Klasse. In ihnen leiden kleinbürgerliche Helden an traumatischen Erlebnissen, neurotischen Verhaltensweisen und sexuellen Ängsten. Das Bemerkenswerte ist, dass Ungar diese abgründigen Seelenlagen in einem betont sachlichen Stil schildert, ohne sie auszumalen oder zu deuten. Die neuere Forschung hat die literarische Nähe Ungars zu Ernst Weiß und Franz Kafka betont und rechnet sein Werk daher der Prager deutschen Literatur zu, obwohl er nur wenige Jahre in Prag verbrachte und kaum Kontakte zur dortigen Literaturszene hatte.


Rezeption↑

Zu Lebzeiten fand Ungar früh die Aufmerksamkeit prominenter Zeitgenossen. Thomas Mann und Stefan Zweig besprachen Knaben und Mörder mit Begeisterung, und Thomas Mann verfasste später das Vorwort zu dem postum erschienenen Erzählungsband Colberts Reise. Größere Resonanz beim zeitgenössischen Publikum fanden zwei späte Theaterstücke, die 1928/29 in Berlin uraufgeführt wurden. Das Revolutionsstück Der rote General wurde 1928 in Berlin mit Fritz Kortner in der Titelrolle gespielt.

In einem Nachruf in der Neuen Rundschau würdigte Rudolf Kayser 1929 die Eindringlichkeit seiner Menschendarstellung: „Ungar ... schuf Menschen aus seiner heimlichsten Atmosphäre. Die war grausam und schwer. Das wollte man nicht, das verzieh man ihm nicht. Er war ein Dichter.“

Nach seinem frühen Tod geriet Ungar für Jahrzehnte weitgehend in Vergessenheit. Besonders Dieter Sudhoff hat sich um sein Werk verdient gemacht: Er legte 1990 die Studie Hermann Ungar. Leben – Werk – Wirkung vor und gab die dreibändige Ausgabe der Sämtlichen Werke heraus. Die Forschung widmete sich vor allem dem Roman Die Verstümmelten, den Motiven der Angst und den Fragen sexueller Norm und Abweichung. Zahlreiche Übersetzungen ins Französische, Italienische, Spanische, Englische, Tschechische und andere Sprachen zeugen von der internationalen Wiederentdeckung seines schmalen Werks.

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