1882 – 1949
Sigrid Undset
Kurzporträt↑
Norwegische Romanautorin, Novellistin und Essayistin. Ihr Werk kreist um den Konflikt zwischen norwegischer Tradition, der europäischen Krise ihrer Zeit, dem römischen Katholizismus und der weiblichen Emanzipationsbewegung. Sigrid Undset wurde 1882 im dänischen Kalundborg geboren und starb 1949 im norwegischen Lillehammer. Sie verband eine genaue Kenntnis des Mittelalters mit dem Gespür für die innere Entwicklung ihrer Figuren. 1928 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur, laut Begründung des Nobelpreiskomitees für ihre kraftvollen Schilderungen des nordischen Lebens im Mittelalter. Ihr dreibändiger Roman Kristin Lavranstochter gilt als eines der Hauptwerke der norwegischen Romanliteratur.
Biografie↑
Als älteste von drei Töchtern kam Sigrid Undset 1882 in Kalundborg zur Welt. Ihr Vater Ingvald Undset war ein international anerkannter norwegischer Archäologe. Ihre Mutter Charlotte Gyth entstammte einer angesehenen dänischen Juristenfamilie. Die ersten beiden Lebensjahre verbrachte sie im Haus der Großeltern in Dänemark. Erst nach der Geburt der Schwester Ragnhild zog die Familie in ein Landhaus an der Stadtgrenze von Oslo, das damals noch Kristiania hieß. Der norwegischen evangelischen Kirche stand die Familie distanziert gegenüber.
Die Eltern weckten früh ihr Interesse an norwegischer und europäischer Geschichte und Kultur. Die Mutter, eine Aquarellmalerin, regte sie zum Malen an. Doch das Mädchen begann bald, seine Zeichnungen mit Gedichten zu versehen. Vom Vater lernte sie die altnordische Sprache, begleitete ihn ins archäologische Universitätsinstitut und besuchte mit ihm alte Kirchen. Auf diese frühen Eindrücke geht die detaillierte Kenntnis mittelalterlicher Lebensformen zurück, die später ihre historischen Romane prägt. Die Eltern schickten sie auf eine angesehene, sehr fortschrittliche Privatschule in Oslo. Dort fühlte sie sich jedoch nicht wohl: Weder der protestantische Glaube noch die Fortschrittsgläubigkeit der Schule sprachen sie an.
Ihr Vater litt vermutlich an einer Spätform der Syphilis. Diese schädigte das zentrale Nervensystem und machte ihn ab 1886 zunehmend bewegungsunfähig. Mehrmals musste die Familie umziehen, und die Wohnungen wurden immer trister. Ab 1890 lebte sie in einer grauen Mietskaserne in der Osloer Innenstadt. Als Sigrid elf Jahre alt war, starb der Vater, dem sie sehr nahestand. Sein Tod bedeutete für die Familie einen massiven wirtschaftlichen Abstieg. Man bot ihr einen Schulgelderlass an, doch sie empfand ihn als zu große Verpflichtung. So verließ sie die Privatschule nach der Mittelschulprüfung, um als Älteste zum Lebensunterhalt beizutragen. Mit 17 Jahren nahm sie eine Stelle als Sekretärin bei der norwegischen Niederlassung der deutschen AEG in Oslo an. Sie empfand sich dort als „Bürosklavin“ und führte über zehn Jahre ein zweigeteiltes Leben: tagsüber das Büro, abends Lesen und Schreiben bis tief in die Nacht. Diese intensive Selbstbildung machte sie später zu einer der führenden Intellektuellen Norwegens.
Ihren ersten Roman, im Mittelalter angesiedelt, schloss sie mit 22 Jahren ab. Die Verlage lehnten ihn mit dem Hinweis ab, sie möge etwas Moderneres schreiben. „Verrückt vor Wut“ begann sie daraufhin den nur achtzig Seiten starken Roman Frau Marta Oulie (1907), der mit den Worten „Ich habe meinen Mann betrogen“ einsetzt. Auch in den folgenden Novellen Das glückliche Alter, Frau Hjelde und Harriet Waage stellte sie die romantischen Vorstellungen ihrer Frauenfiguren ihrer glanzlosen Wirklichkeit gegenüber. Mit dem tragischen Roman Jenny (1911) gelang ihr der endgültige Durchbruch. Inzwischen hatte sie ihren Beruf aufgegeben und ein Auslandsstipendium erhalten. Dieses führte sie für einen längeren Aufenthalt nach Rom.
In Rom lernte sie den geschiedenen norwegischen Maler Anders Castus Svarstad kennen. Sie heiratete ihn 1912 und folgte ihm für ein halbes Jahr nach London. Zwischen 1913 und 1919 brachte sie drei Kinder zur Welt, zwei Söhne und eine geistig behinderte Tochter. Zu Beginn der 1920er Jahre scheiterte die Ehe. Ihren Kindern schuf sie in Lillehammer auf dem Anwesen Bjerkebæk ein sicheres Zuhause, das sie später in Glückliche Zeiten beschrieb.
In diesen Jahren erreichte sie mit zwei Mittelalter-Romanen den Höhepunkt ihres Schaffens. Für den dreibändigen Kristin Lavranstochter erhielt sie 1928 den Literaturnobelpreis. Auch der vierteilige Roman Olav Audunssohn über das ländliche mittelalterliche Leben war bei Kritik und Lesern erfolgreich. Daneben setzte sie sich in Gegenwarts- und Eheromanen mit dem oft schwierigen Zusammenleben unterschiedlicher Charaktere auseinander, so in Der Frühling (1914), Ida Elisabeth (1932) und Das getreue Eheweib (1936).
Ein bedeutendes Ereignis war ihr Übertritt zum katholischen Glauben im Jahr 1924. Im fast rein protestantischen Norwegen rief dieser Schritt einen Skandal hervor. Sie verarbeitete ihn unter anderem in Gymnadenia (1929), Der brennende Busch (1930) und im Essayband Begegnungen und Trennungen (1931).
Die deutsche Besetzung Norwegens 1940 beendete ihre große Schaffenszeit. Schon zu Beginn der 1930er Jahre hatte sie sich gegen Hitler und den Nationalsozialismus engagiert. Nun musste sie fliehen und reiste mit ihrem jüngsten Sohn Hans über Schweden, die Sowjetunion und Japan in die USA, wo sie bis zum Kriegsende blieb. Kurz zuvor hatte sie ihre Tochter verloren, ihr ältester Sohn Anders fiel im Krieg. Dennoch veröffentlichte sie in den USA das von Optimismus getragene Werk Wieder in die Zukunft, das als ihr politisches Testament gilt. 1943 wurde sie als auswärtiges Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters gewählt. 1945 kehrte sie nach Norwegen zurück, wo sie vier Jahre später starb. Begraben wurde sie in Mesnali, einem Dorf rund 15 Kilometer östlich von Lillehammer.
Literarische Merkmale↑
Kennzeichnend für ihr Werk ist die Verbindung von genauer historischer Kenntnis und psychologischer Einfühlung. In ihren Mittelalter-Romanen schildert sie das norwegische Leben im 13. und 14. Jahrhundert, ergänzt durch beeindruckende Natur- und Landschaftsbeschreibungen. Diese Schilderungen zeugen von ihrer Vertrautheit mit den politischen, sozialen und religiösen Gegebenheiten der Zeit. Vor allem aber zeigen sie ihre Fähigkeit, sich in die Gedanken- und Gefühlswelt mittelalterlicher Menschen hineinzuversetzen, in verschiedenen Lebensabschnitten und Lebenssituationen. Die Gutsbesitzerstochter Kristin etwa zeichnet sie als modern anmutende, tatkräftige und entsagungsvolle Heldin.
Dieselbe Aufmerksamkeit für die geistige und seelische Entwicklung ihrer Figuren prägt auch ihre Gegenwarts- und Eheromane. Wiederholt stellte sie die romantischen Vorstellungen ihrer Frauenfiguren deren glanzloser Wirklichkeit gegenüber. Sie behandelte das oft problematische Zusammenleben zweier unterschiedlicher Charaktere im „modernen“ Norwegen, ein Thema, mit dem sie eigene Erfahrung gesammelt hatte. Ihre weiblichen Hauptfiguren erscheinen als innerlich reife, für ihre Zeit emanzipierte Persönlichkeiten. Im Handlungsverlauf bleiben die Werke jedoch stets ein Plädoyer für die Hinwendung der Frau zu Familie und Kindern. So spannt sich ihr Schreiben durchgängig zwischen weiblicher Selbstbestimmung, nordischer Tradition und religiöser Lebensordnung auf.
Rezeption↑
Den endgültigen Durchbruch als Autorin brachte ihr 1911 der tragische Roman Jenny. Den Höhepunkt ihrer Anerkennung erreichte sie 1928 mit dem Nobelpreis für Literatur. Das Komitee sprach ihn ihr vornehmlich für ihre kraftvollen Schilderungen des nordischen Lebens im Mittelalter zu. Ihr Hauptwerk Kristin Lavranstochter gilt als eines der Hauptwerke der norwegischen Romanliteratur. Auch Olav Audunssohn fand bei Kritik und Lesern Anklang.
Ihr Übertritt zum Katholizismus 1924 löste im fast rein protestantischen Norwegen einen Skandal aus. Im Nationalsozialismus zählte sie zu den verbotenen Autoren. Ihr Name findet sich in der Liste der im Nationalsozialismus verbotenen Publikationen und Autoren. 1943 wurde sie als auswärtiges Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters gewählt.
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