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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Autoreneintrag · Fritz von Unruh
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Porträt Fritz von Unruh
Fritz von Unruh
1885 – 1970
– Autorenporträt –

Fritz von Unruh

1885 – 1970 · 85 Jahre

Fritz von Unruh war ein Dramatiker der Weimarer Republik, der aus einer preußischen Offiziersfamilie stammte und sich nach seinen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg zum entschiedenen Pazifisten und Friedensmahner wandelte.

Kurzbiografie↑

Zu den bedeutenden Dramatikern der Weimarer Republik zählte Fritz von Unruh (1885–1970), ein Schriftsteller, Redner und Maler des literarischen Expressionismus. Aus altem preußischen Adel und aus der Offizierslaufbahn kommend, wandelte er sich unter den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs zum entschiedenen Pazifisten und Friedensmahner. Der Kampf gegen Krieg und Gewalt wurde die Grundlage seines künstlerischen Schaffens. In der Weimarer Zeit war er ein angesehener Bühnenautor, dessen Stücke Max Reinhardt inszenierte; nach 1933 verfielen seine Werke der Bücherverbrennung, und er ging ins Exil. Nach dem Krieg gelang es ihm nicht mehr, an die früheren Erfolge anzuknüpfen.


Biografie↑

Am 10. Mai 1885 wurde Fritz von Unruh in Koblenz geboren. Er stammte aus altem preußischen Adel und war das zweite von neun Kindern des preußischen Generals Karl von Unruh und der Mathilde geborene Klehe. Zu seinen jüngeren Brüdern gehörten Friedrich Franz und Kurt von Unruh. Die militärische Tradition der Familie fortsetzend, durchlief er seit 1897 die preußische Kadettenanstalt im holsteinischen Plön. Dort hatte er die Prinzen August Wilhelm und Oskar von Preußen zu Mitschülern. 1906 legte er das Abitur ab, besuchte anschließend die Reichskriegsschule in Potsdam und trat Ende 1906 in Berlin als Leutnant in ein Gardegrenadierregiment ein.

Erste literarische Werke entstanden bereits in der Schulzeit. Seit 1907 war von Unruh krankheitsbedingt weitgehend an der Dienstausübung gehindert. 1911 entschied er sich für die schriftstellerische Laufbahn; sein Regimentskommandeur hatte ihn zuvor zum Ausscheiden aus dem Offiziersberuf gezwungen. Sein Stück Offiziere wurde am 15. Dezember 1911 von Max Reinhardt am Deutschen Theater in Berlin mit großem Erfolg uraufgeführt. Die Aufführung des nächsten Stückes um Louis Ferdinand Prinz von Preußen wurde 1913 vom Kaiser verboten, da es Mitglieder des Hauses Hohenzollern darstellte.

Als Freiwilliger zog von Unruh 1914 in den Ersten Weltkrieg und sammelte als Bataillons- und Kompaniechef Fronterfahrung. Im Auftrag der obersten Heeresleitung schrieb er zunächst Kriegsliteratur, doch seine Darstellungen waren zu realistisch, um veröffentlicht zu werden. Aus dem Grauen des Krieges erwuchsen das dramatische Gedicht Vor der Entscheidung (1919, entstanden 1914) und die Prosaerzählung Opfergang, 1916 entstanden und 1919 veröffentlicht. 1916 wurde er vor Verdun schwer verwundet. Danach hielt er sich in der Schweiz auf, wo er den pazifistischen Kreis um Harry Graf Kessler, Paul Cassirer und René Schickele kennenlernte. Er wandelte sich zum entschiedenen Pazifisten und republikanisch gesinnten Militärgegner und galt fortan in konservativen und deutschnationalen Kreisen als Nestbeschmutzer.

In der Weimarer Republik war von Unruh ein angesehener Schriftsteller. 1919 befreundete er sich mit Alma Mahler-Werfel und dem Schriftsteller Franz Werfel. Max Reinhardt inszenierte seine Bühnenstücke, die auf zahlreichen Bühnen gespielt wurden. In den 1920er Jahren arbeitete er für die Frankfurter Zeitung und war 1924, unter anderem mit Carl von Ossietzky, Mitbegründer der nur kurz bestehenden Republikanischen Partei Deutschlands. 1931 zählte er zu den Initiatoren der Eisernen Front gegen den Nationalsozialismus. Von 1924 bis 1932 gewährte ihm die Stadt Frankfurt in einem historischen Turm am Mainufer lebenslanges Wohnrecht. 1932 warnte er öffentlich vor einem kommenden Vernichtungskrieg, was den Hass rechter Kreise erneuerte und dazu führte, dass seine Stücke abgesetzt wurden.

1932 verließ von Unruh Frankfurt, da er sich nach dem Tumult um die Komödie Zero und einem Einbruch in seine Wohnung nicht mehr sicher fühlte. Obwohl er noch am 19. März 1933 eine Loyalitätserklärung der Preußischen Akademie der Künste unterzeichnet hatte, fielen seine Werke den Bücherverbrennungen zum Opfer. Am 7. Mai 1933 wurde er von Gottfried Benn aus der Akademie ausgeschlossen. Er lebte zunächst in Italien und ab 1935 in Südfrankreich. 1939 floh er über Spanien in die USA, wobei ihm laut der Neuen Deutschen Biographie die Vermittlung Albert Einsteins und Thomas Manns die Einreise ermöglichte. Zeitweise wohnte er in New York City, wo er vor allem als Kunstmaler hervortrat. 1940 heiratete er die Schauspielerin Friederike Ergas, geborene Schaffer.

Auf Bitte von Walter Kolb kehrte von Unruh 1948 erstmals nach Deutschland zurück und hielt am 18. Mai in der Frankfurter Paulskirche seine Rede An die Deutschen. Seine literarischen Werke waren nun wenig erfolgreich. Ein längerer Aufenthalt von 1952 bis 1955 entfremdete ihn seiner Heimat; er beklagte die Restauration in Deutschland und fühlte sich verfolgt. Die Wiederbewaffnung 1954 nahm er zum Anlass, erneut in die USA zurückzukehren. Nachdem 1962 ein Hurrikan sein Haus zerstört und sein Hab und Gut ins Wasser gespült hatte, ließ er sich wieder dauerhaft in Deutschland nieder; die Stadt Frankfurt bot ihm erneut eine Wohnung an. Ein schriftstellerischer Erfolg stellte sich nicht mehr ein. Am 28. November 1970 starb Fritz von Unruh in Diez auf dem Familiengut Oranien.


Literarische Merkmale↑

Sein Werk gründet auf dem Kampf gegen Krieg und Gewalt, der zur unverwechselbaren Grundlage seines künstlerischen Schaffens wurde. Von Unruh zählte zu den bedeutenden Dramatikern der Weimarer Republik. Sein frühes Drama Offiziere war an Kleist orientiert. Aus der Kriegserfahrung erwuchsen dann Werke, die eine Kriegskritik mit den Mitteln des literarischen Expressionismus verbanden.

Sein dramatisches Hauptwerk ist eine über vier Jahrzehnte entstandene Trilogie. Sie besteht aus Ein Geschlecht (1917), Platz (1920) und dem erst 1957 vollendeten Dietrich. Diese Trilogie stellt eine Kriegskritik mit den Mitteln des Expressionismus dar. Daneben schrieb er Stücke wie Bonaparte (1927) und Phaea (1930), das Max Reinhardt in Berlin inszenierte.

Über die Bühne hinaus trat von Unruh als öffentlicher Redner und Friedensmahner hervor. So sprach er 1920 zum ersten Jahrestag der Republik, 1922 über Vaterland und Freiheit sowie zum Tod Rathenaus und 1932 im Berliner Sportpalast vor rund 20.000 Zuhörern gegen den Nationalsozialismus. 1948 erinnerte er in der Frankfurter Paulskirche mit seiner Rede An die Deutschen an die Revolution von 1848. In seinem amerikanischen Exil verfasste er zudem einen zunächst auf Englisch erschienenen Roman über Hitler, der auf Deutsch unter dem Titel Der nie verlor herauskam. Neben dem Schreiben betätigte er sich als Maler.


Rezeption↑

Schon früh fand von Unruh Anerkennung: Die Uraufführung von Offiziere durch Max Reinhardt war ein großer Erfolg, und in der Weimarer Zeit galt er als angesehener Bühnenautor, dessen Stücke auf zahlreichen Bühnen gespielt wurden. Über sein Werk und seine Person entstand eine umfangreiche Literatur; die Forschung ordnet ihn dem expressionistischen Drama zu und stellt ihn dabei neben Ernst Barlach und Ernst Toller. Zugleich zog seine pazifistische Wende in konservativen und deutschnationalen Kreisen Feindschaft auf sich – dort galt er als Nestbeschmutzer.

Nach 1933 wurden seine Werke verbrannt und er selbst aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen. Sein im Exil geschriebener Hitler-Roman fand in den USA und in Frankreich große Resonanz, nicht aber in Nachkriegsdeutschland. Auch seine Versuche, in der Bundesrepublik an seine früheren Erfolge als Bühnenautor und Friedensmahner anzuknüpfen, blieben vergeblich. Eine in seinem Todesjahr begonnene Gesamtausgabe seiner Werke blieb fragmentarisch.

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