1877 – 1943
Else Ury
Kurzbiografie↑
Als Schöpferin der blonden Arzttochter Annemarie Braun gehörte Else Ury zu den bekanntesten Kinderbuchautorinnen des ausgehenden Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Von 1877 bis 1943 reicht ihr Leben, das in Berlin begann und im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gewaltsam endete. Ihre zehnbändige Reihe Nesthäkchen wurde von vielen Mädchengenerationen gelesen und bis ins frühe 21. Jahrhundert millionenfach verkauft. In ihren Erzählungen vertrat sie überwiegend ein traditionell bürgerliches Familien- und Frauenbild. Als Jüdin wurde sie unter dem nationalsozialistischen Regime entrechtet, deportiert und ermordet.
Biografie↑
Geboren wurde Johanna Else Ury am 1. November 1877 in der Heilige-Geist-Straße in Berlin-Mitte als drittes Kind des Tabakfabrikanten Emil Ury und seiner Frau Franziska. Die Familie zählte zu den wohlhabenden, liberal gesinnten Bildungsbürgern der wilhelminischen Zeit. Emil Ury gehörte der jüdischen Gemeinde an; man feierte das Shabbatmahl und zündete zu Chanukka die Kerzen an, beging aber auch Weihnachten und Ostern als Kinderfeste. Die Urys waren assimilierte Juden und begriffen sich als patriotische Deutsche.
Während die älteren Brüder Ludwig und Hans das Gymnasium besuchten und Jura beziehungsweise Medizin studierten, gingen Else und ihre jüngere Schwester Käthe auf die Königliche Luisenschule, ein privates Mädchenlyzeum. Der Unterricht dort lag auf Handarbeiten, Konversation, Musik, Zeichnen und Etikette. Für beide Mädchen war die zehnte Klasse die letzte ihrer Schulzeit. 1894, als Else die Schule verließ, gab es in Berlin noch keine Mädchengymnasien. Sie erlernte keinen Beruf, sondern lebte weiterhin bei ihren Eltern; laut der Deutschen Biographie ging sie eine von ihr erwartete Ehe nicht ein und begann stattdessen zu schreiben.
Das erste überlieferte Werk ist das Theaterstück Im Bahnhofsrestaurant Danziger Röss'l, das sie 1898 für den Polterabend ihrer Cousine verfasste. 1905 erschien ihr erstes Buch, die Märchensammlung Was das Sonntagskind erlauscht, von der bis 1927 rund 55.000 Exemplare verkauft wurden. Im selben Jahr zog die Familie nach Charlottenburg, was einen sozialen Aufstieg bedeutete. Ihr zweites Buch Studierte Mädel von 1906 ragt aus ihrem Werk heraus: Hier zeigt sie einmalig, dass eine akademische Ausbildung für Mädchen kein Hindernis für Eheglück und Familie sein muss. Das Buch wurde wohlwollend aufgenommen und machte sie bekannt. 1908 folgte der Märchen- und Erzählband Goldblondchen, den die Jugendschriften-Warte 1913 als lesenswert für Kinder der dritten Klasse einstufte – die einzige öffentliche Auszeichnung für ihre Bücher.
Kurz vor dem Ersten Weltkrieg erschien mit Nesthäkchen und ihre Puppen der erste Band der Reihe, die bis 1925 auf zehn Bände anwuchs. Die ursprünglich sechs Bände schildern Annemarie Brauns Kinder- und Jugendzeit bis zur Heirat; die weiteren vier entstanden auf Wunsch des Verlegers und erzählen von ihren Kindern und Enkeln. In Nesthäkchen im weißen Haar von 1925 hält die Heldin ihr erstes Urenkelkind im Arm. Den vierten Band, Nesthäkchen und der Weltkrieg, schrieb Ury bereits während des Krieges. Das Datum der Erstausgabe ist unter Ury-Kennern umstritten: Manche vermuten wegen der Papierknappheit eine spätere Herausgabe, andere halten 1917 für wahrscheinlicher.
Der Kriegsausbruch 1914 überraschte die Familie im schlesischen Ferienort Krummhübel, worauf sie umgehend nach Berlin zurückkehrte. Else Ury teilte die anfängliche Kriegsbegeisterung. Bis dahin hatte sie fünf weitere Bücher veröffentlicht, die sie zu einer wohlhabenden Frau machten. Sie stand nicht in Kontakt zur literarischen Avantgarde Berlins und wohnte zeitlebens in ihrem Elternhaus, seit 1926 zudem in ihrem Feriendomizil „Haus Nesthäkchen“ in Krummhübel. Mit Professors Zwillinge legte sie zwischen 1925 und 1929 eine weitere erfolgreiche Serie vor. 1933 erschien ihr letztes Buch Jugend voraus, in dem sie Adolf Hitler als „Vorfrühling in Deutschlands Staatsregierung“ bezeichnete.
Unter dem nationalsozialistischen Regime wurde Ury als Jüdin entrechtet. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde sie zum Umzug in ein „Judenhaus“ gezwungen, wo sie ihre Mutter bis zu deren Tod im April 1940 pflegte. Danach hatte sie in Berlin keine Angehörigen mehr; die übrige Familie lebte in London und Amsterdam. 1941 bemühte sich ihr Neffe Klaus Heymann erfolglos um ein Kuba-Visum für sie. Am 6. Januar 1943 musste sie sich in der Deportationssammelstelle in der Großen Hamburger Straße einfinden. Am 12. Januar 1943 wurde sie im 26. „Osttransport“ nach Auschwitz verbracht. Von den 1000 Berliner Juden dieses Zuges wurden nach der Ankunft am 13. Januar 873 nicht als Häftlinge registriert, sondern sofort in der Gaskammer ermordet – darunter Else Ury. 1995 wurde ihr Koffer im ehemaligen Lager entdeckt; er wird heute im Museum Auschwitz verwahrt.
Literarische Merkmale↑
Beschränkt blieb Urys Schaffen ganz auf die Prosa: Kinder- und Jugendgeschichten sowie Romane, die sich vor allem an Mädchen bis ins höhere „Backfischalter“ richteten, aber auch von vielen Jungen gelesen wurden. Ihre Familien gehören in der Regel dem Bildungsbürgertum an; die Väter sind Ärzte, Professoren oder Geheimräte. Die Familie Braun der Nesthäkchen-Serie verfügt über drei Dienstboten, deren Schilderung stereotyp bleibt: das emsige Stubenmädchen, die dicke, freundliche Köchin. Selbst als Hausangestellte arbeiten zu müssen, gilt in dieser Welt als eine der entehrendsten Demütigungen.
Obwohl Ury aus einer jüdischen Familie stammte, spielen ihre Geschichten fast ausschließlich in einem christlich-protestantischen Umfeld. Jüdisches Alltagsleben taucht nur in wenigen Erzählungen auf, etwa in Die erste Lüge und dem Märchen Im Trödelkeller von 1908, das aus einem Wettbewerb der jüdischen Loge B'nai B'rith hervorging. Die Gründe für diese Zurückhaltung sind nicht überliefert; sie können sowohl Ausdruck einer weitgehenden Assimilation als auch Reaktion auf den bereits in der wilhelminischen Zeit verbreiteten Antisemitismus sein.
Ihre Geschichten sind stets mit dem Hinweis verknüpft, welche Eigenschaften ein Mädchen erwerben solle: Ordnung, Sauberkeit, Fleiß, Gehorsam, Pflichterfüllung und Hilfsbereitschaft. Diese Betonung bürgerlicher Tugenden war allerdings kein Sondermerkmal ihrer Bücher, sondern in der Kinderliteratur der Zeit weit verbreitet. Urys Heldinnen fällt die Aneignung dieser Tugenden jedoch keineswegs leicht – sie sind ungeschickt, eigensinnig und trotzköpfig. Das erleichterte vermutlich die Identifikation der Leserinnen und trug zur Beliebtheit bei.
Ein weiterer Grund für den Erfolg liegt in Urys Berliner Humor, der sich vor allem in der Nesthäkchen-Serie zeigt. Eine sehr bildhafte Sprache mit vielen Wortspielen und gelungene Situationskomik heben ihre Werke über den Durchschnitt sonstiger Backfischromane. Die Abenteuer ihrer Figuren haben oft eine erheiternde Seite: Ein Loch im Schulheft entsteht, als Annemarie Braun Schreibfehler mit Bimsstein zu tilgen versucht; die Puppe verliert ihr Haar beim Baden; ein Begrüßungsgedicht wird von der Höhe eines Flaggenmasts vorgetragen.
Rezeption↑
Bekanntheit erlangte Else Ury vor allem mit ihrer Serie Nesthäkchen, die im Radio vorgelesen, vielfach übersetzt und bis heute in Millionenauflage verkauft wurde. Bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurden von den Bänden fast sieben Millionen Exemplare abgesetzt. Ihre Titelheldin Annemarie Braun wurde zur Identifikationsfigur vieler Mädchengenerationen des Bürgertums. Einige Bände erschienen in den 1930er Jahren in Frankreich, Norwegen und den Niederlanden; 2006 legte Steven Lehrer eine englische Übersetzung des vierten Bandes vor.
Bei einer Umfrage unter erwachsenen Frauen, die in Deutschland aufgewachsen waren, nannten am Ende des 20. Jahrhunderts 55 Prozent Nesthäkchen an erster Stelle unter den bekanntesten Mädchenbüchern. Noch 2004 führte Susanne Gaschke den ersten Band in einer Zusammenstellung besonders geeigneter Kinderbücher. 1983 wurden die drei ersten Bände unter der Regie von Gero Erhardt als sechsteilige ZDF-Serie verfilmt und seither mehrfach wiederholt. Ihr in London lebender Neffe Klaus Heymann trat das Erbe an und sorgte dafür, dass Urys Bücher in der Bundesrepublik weiterhin in hohen Auflagen erscheinen konnten. Der Band Nesthäkchen und der Weltkrieg wurde nach 1945 aus politischen Gründen bis 2014 nicht mehr auf Deutsch aufgelegt.
Von der Literaturkritik werden die als rührselig, trivial und kitschig beurteilten Backfischromane nahezu völlig ignoriert. Auch wenn Ury allein wegen ihrer großen Leserschaft aus diesem Genre herausragt, gibt es in der Literaturwissenschaft keine detaillierte Aufarbeitung ihres Gesamtwerks. Ihr Leben wurde vor allem durch die Arbeiten von Marianne Brentzel erschlossen, die auch den Artikel der Neuen Deutschen Biographie verfasste.
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