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Das Lexikon der klassischen Literatur
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Werkseintrag · Nesthäkchen
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Nesthäkchen
1913
– Werkseintrag –

Nesthäkchen

1913 · Roman

Vom neugierigen kleinen Mädchen in Charlottenburg bis ins Erwachsenenalter: Die Kinderbuchreihe „Nesthäkchen“ erzählt das Leben der lebhaften Annemarie Braun, jüngstes Kind einer bürgerlichen Arztfamilie.

Überblick↑

Die Kinderbuchreihe Nesthäkchen von Else Ury zählt zu den sogenannten Backfischromanen, also zu den Erzählungen über heranwachsende junge Mädchen. Im Mittelpunkt steht Annemarie Braun, das jüngste Kind einer bürgerlichen Arztfamilie. Über mehrere Bände hinweg begleitet die Reihe ihren Weg vom lebhaften kleinen Mädchen bis ins Erwachsenenalter. Vermittelt wird dabei ein überwiegend traditionelles Frauen- und Familienbild, das sich an den bürgerlichen Werten der wilhelminischen Zeit und der Weimarer Republik ausrichtet.

Inhalt (ohne Spoiler)↑

Im Zentrum der Reihe steht Annemarie Braun, die zu Beginn sechs Jahre alt ist und als jüngstes Kind der Familie das „Nesthäkchen“ genannt wird. Sie lebt mit ihren Eltern und den beiden älteren Brüdern Hans und Klaus in Charlottenburg, das später nach Berlin eingemeindet wurde. Der Vater ist Arzt, die Mutter Hausfrau; zum Haushalt gehören außerdem die Köchin Hanne, ein Stubenmädchen, ein Kindermädchen, der Hund Puck und ein Kanarienvogel.

Annemarie ist ein temperamentvolles, neugieriges Kind, das mit seiner Lebhaftigkeit und seinem häufigen Ungehorsam immer wieder aneckt. Trotzdem ist sie überall beliebt, und zwar wegen ihrer Herzensgüte, ihrer Ehrlichkeit und Natürlichkeit. Ähnlich angelegt ist die ältere Titelfigur aus Emmy von Rhodens Der Trotzkopf, an die Annemarie erinnert.

Der erste Band schildert die kleinen Alltagsabenteuer des Mädchens, zunächst in lose aneinandergereihten Episoden. Sie spielt vor allem mit ihren Puppen, unternimmt verbotene Streiche im Innenhof und erlebt bei einem Besuch auf dem Gut der Verwandten zum ersten Mal die Freiheit des unbeaufsichtigten Spielens im Freien. Die folgenden Bände begleiten Annemarie durch ihre Schulzeit, einen längeren Aufenthalt in einem Kinderheim auf einer Nordseeinsel und schließlich in die Jahre des Ersten Weltkriegs. Unterwegs schließt sie zahlreiche Freundschaften, lernt aber auch, dass Unbekümmertheit Folgen haben kann.

Die Handlung im Detail↑

Die Reihe beginnt mit der sechsjährigen Annemarie in Charlottenburg, in der Knesebeckstraße. Ihre Brüder Hans und Klaus bilden die äußeren Gegenpole zu den zwei Seiten ihres Charakters: der wilden, neugierigen und risikofreudigen einerseits, der braven und strebsamen andererseits. Als „höhere Tochter“ darf Annemarie nicht mit den Kindern im Innenhof spielen und verbringt ihre Zeit vor allem mit ihren Puppen, deren Liebling die Puppe Gerda ist. Als Gerdas Perücke sich löst, schneidet Annemarie sich einen ihrer Zöpfe ab, der der kahlen Puppe anwachsen soll. Um einmal den Hausputz mitzuerleben, will sie Regen herbeiführen und lässt das Barometer des Vaters zu Boden fallen. Ein Leierkastenmann verführt sie dazu, das Spielverbot zu vergessen. Nach einem Besuch beim Verwandten-Gut geht die anfangs episodische Erzählung in eine fortlaufende Handlung über: Aus Langeweile schickt die Mutter sie in einen Kindergarten. Der Band endet mit dem Weihnachtsfest und einem Ausblick auf die kommende Schulzeit, von der Annemarie sich mit einer Puppenhochzeit verabschiedet.

Der zweite Band schildert das erste Schuljahr. Annemarie schließt Freundschaften, unter anderem mit der braven Margot Thielen und der ungezogenen Hilde Rabe. Sie wird eine sehr gute Schülerin, verliert den ersten Platz aber, weil auch Betragen und Ordnung benotet werden und die weniger begabte, aber ordentliche Margot sie überflügelt. Annemarie bleibt zunächst unordentlich, bis sie eines Tages vergisst, ihrem Kanarienvogel frisches Wasser zu geben. Das Tier stirbt, und Annemarie spürt zum ersten Mal, welche schlimmen Folgen Schlampigkeit haben kann. Zu Weihnachten bekommt sie einen neuen Vogel und glaubt, der alte sei auferstanden. Von da an wird sie ordentlicher.

Im dritten Band bricht Annemarie kurz vor ihrem zehnten Geburtstag in der Schule mit hohem Fieber zusammen: Über ihren Vater, der Scharlachkinder betreut, hat sie sich mit Scharlach angesteckt. Zur Erholung schicken die Eltern sie für ein Jahr in das Kinderheim „Villa Daheim“ auf der Insel Amrum. Dort freundet sie sich mit dem ungezogenen Peter an, der sie zu Streichen anstiftet. Gemeinsam reißen die beiden bei einem Spaziergang aus, um im Watt nach Schätzen zu suchen, gehen bei Niedrigwasser zu weit hinaus und werden von der Flut überrascht; nur mit Mühe finden sie wieder heraus. Annemarie hilft auch dem im Rollstuhl sitzenden Kurt, wieder laufen zu lernen. Am Ende bricht der Erste Weltkrieg aus, die Kurgäste verlassen Hals über Kopf die Insel. Auf der Flucht fällt Annemaries Puppe Gerda von der Landungsbrücke ins Wasser – ein Bild dafür, dass Annemaries Kindheit nun zu Ende ist.

Der vierte Band schildert die Kriegsjahre 1914 bis 1916. Der Vater ist als Stabsarzt in Frankreich, die Mutter bei Kriegsausbruch bei einer Cousine im Ausland festgehalten und kann nicht nach Deutschland zurück. Um die Kinder kümmern sich die Großmutter, das Kindermädchen und die Köchin. Die Mutter wird, nachdem sie sich begeistert über deutsche U-Boot-Erfolge geäußert hat, als angebliche Spionin verhaftet, aber bald wieder freigelassen. Bruder Hans bringt ein Findelkind mit, das Baby vermutlich umgekommener ostpreußischer Flüchtlinge; Annemarie nennt es aus Begeisterung für Hindenburg zunächst „Hindenburg“, später erhält es den Namen Max. Ihr Patriotismus geht so weit, dass sie zu Hause eine „Fremdwortkasse“ einrichtet. In ihre Klasse kommt Vera Burkhard aus Czernowitz, die kaum Deutsch spricht; angestachelt von zwei älteren Mädchen hält Annemarie sie für eine „polnische Spionin“ und schikaniert sie.

Über die ganze Reihe hinweg bleibt Annemarie unordentlich und keine perfekte Hausfrau. Später macht sie Abitur und studiert Medizin, gibt das Studium jedoch für die Familie auf. Ihr lebhaftes Temperament behält sie bis ins Alter.

Stil↑

Der Erzählton der Reihe ist ganz auf ein junges Publikum zugeschnitten und vermittelt zugleich die bürgerlichen Wertvorstellungen der Entstehungszeit. Der erste Band beginnt mit lose gereihten Einzelepisoden und geht erst in der zweiten Hälfte, nach Annemaries Besuch auf dem Verwandten-Gut, in eine schlüssige, chronologische Handlung über. Auffällig ist der Kunstgriff mit den Puppen: Oft werden ihre „Gedanken“ wiedergegeben, sodass sie zu einer moralischen Instanz und zum Sprachrohr der Autorin werden. Sätze wie die Bemerkung, Annemarie habe genau gewusst, dass die Puppe damit nicht einverstanden gewesen sei, halten dem Kind seine kleinen Vergehen vor.

Milieu und Landschaft werden anschaulich, wenn auch oft klischeehaft ausgemalt. Im Inselband sprechen die Norddeutschen Plattdeutsch, wobei die hochdeutsche Fassung jeweils in Klammern dahintersteht. Symbolische Bilder verdichten die Entwicklung der Heldin, etwa die ins Wasser fallende Puppe als Zeichen für das Ende der Kindheit. In ihrer Anlage steht die lebhafte, immer wieder aneckende, aber liebenswerte Annemarie in der Tradition der älteren Titelfigur aus Der Trotzkopf. Die Originalausgaben erschienen in Frakturschrift und waren mit eigenen Grafiken versehen.

Rezeption↑

Über Jahrzehnte hinweg blieb die Reihe verbreitet und wurde immer wieder neu aufgelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg überarbeitete man mehrere Bände, modernisierte sie und kürzte sie vor allem. Dabei wurden Einzelheiten stillschweigend an die neue Zeit angepasst: Der Vorname des Vaters wechselte von „Edmund“ zu „Ernst“, das schlesische Verwandten-Gut Arnsdorf wurde nach Niederbayern verlegt, und die aus Breslau stammende Freundin Gerda kam nun aus München. Auch Besuchsfiguren und Ortsangaben tauschte man aus.

Eine Sonderstellung nimmt der vierte Band ein, der den Ersten Weltkrieg aus deutscher Sicht schildert. Er wurde nach 1945 in seiner Urfassung indiziert. Seine Inhalte flossen teilweise in stark verkürzter Form als zusätzliches Schlusskapitel in den überarbeiteten dritten Band ein, wo der weitere Kriegsverlauf mit wenigen Worten abgetan wird. Später fand der Band wieder eigene Wege: Seit 2006 liegt er in Steven Lehrers englischer Übersetzung unter dem Titel Nesthäkchen and the World War vor. In Deutschland brachte ihn der Geest-Verlag in Vechta 2014 neu heraus, und zwar in der Frakturschrift des Originals, mit den Originalgrafiken und einem Vorwort der Ury-Biografin Marianne Brentzel. Im Januar 2014, nach Ablauf der Urheberrechtsfrist, erschienen sämtliche Bände im Originaltext beim Projekt Gutenberg.

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