1880
Neue Blätter
Überblick↑
Der Gedichtband Neue Blätter (im galicischen Original Follas novas) erschien 1880 und zählt zu den Hauptwerken von Rosalía de Castro. Die Dichterin verfasste die Sammlung während ihrer Zeit im kastilischen Simancas, wohin sie ihrem Mann gefolgt war. Ursprünglich war das Buch als Fortsetzung ihres früheren Bandes Cantares gallegos von 1863 gedacht. Doch nur ein Teil der Gedichte knüpft an diesen älteren Ton an. Der übrige, größere Teil schlägt eine andere, dunklere Richtung ein, geprägt von Auswanderung, Familienleid und eigenen körperlichen wie seelischen Schmerzen. Die Verse sind in galicischer Sprache geschrieben, die damals vielfach als bloßer Dialekt und als Zeichen mangelnder Bildung galt. Gerade darin liegt ihre Bedeutung: Rosalía de Castro erhob diese Sprache zum Gefäß einer tief empfundenen, allgemeingültigen Dichtung.
Inhalt (ohne Spoiler)↑
Ein durchgehender Handlungsfaden fehlt diesem Buch, denn es versammelt lyrische Gedichte, keine Erzählung. Der Band gliedert sich in fünf Abteilungen, die sehr unterschiedlich ausfallen. Ein Teil der Gedichte wendet sich nach innen und spricht von Einsamkeit, von Sehnsucht und von der immer gegenwärtigen Melancholie, die im Galicischen saudade heißt. Andere Gedichte richten den Blick nach außen, auf das karge Leben der einfachen Menschen in Galicien, auf Bauern und Fischer und ihr tägliches Leiden.
Ein Grundton zieht sich durch die ganze Sammlung: das Nachdenken über den Sinn des Daseins, über Schmerz und Verlust. Rosalía de Castro verbindet dabei ganz persönliche Empfindungen mit dem Mitgefühl für die Not ihrer Landsleute. Immer wieder kehrt das Thema der Auswanderung wieder, die viele Familien zerriss. Wer diese Gedichte liest, begegnet einer Stimme von großer Aufrichtigkeit, die zugleich die eigene Schwermut und das Elend eines vergessenen Landstrichs zur Sprache bringt.
Die Handlung im Detail↑
Fünf Abteilungen bilden das Gerüst des Bandes: Vaguedás (etwa: Unbestimmtheiten), Do íntimo (Aus dem Innersten), Varia (Vermischtes), Da terra (Vom Land) und As viúvas dos vivos e as viúvas dos mortos (Die Witwen der Lebenden und die Witwen der Toten). Die Anordnung folgt keinem klar erkennbaren Plan, und der Umfang der Teile ist sehr verschieden: Da terra umfasst nur neun Gedichte, während Varia über vierzig Stücke enthält.
Die ersten Abteilungen, Vaguedás und Do íntimo, sowie ein Teil von Varia sammeln vor allem persönliche, nach innen gewandte Gedichte. Vaguedás wirkt dabei fast wie ein eigenes Nachdenken über die Dichtkunst und über das Verhältnis von Poesie und Leben. In Do íntimo und den subjektiven Gedichten aus Varia herrscht die saudade vor, jenes Gefühl schmerzlicher Sehnsucht, verbunden mit Entfremdung und einem tiefen Pessimismus. Rosalía de Castro meidet das bloß gefühlvolle und dringt stattdessen durch Selbstbeobachtung zu ihrer angstvollen, fragenden Lebenssicht vor.
In den übrigen Teilen tritt eine zweite, nach außen gewandte Seite hervor. Hier klagt die Dichterin soziale Ungerechtigkeit an und sucht nach ihren Ursachen, ohne je zur bloßen Streitschrift zu werden. Die Abteilung Da terra steht mit Gedichten wie „Miña casiña, meu lar“ den früheren Cantares gallegos nahe und bewahrt volkstümliche Sitten und Bräuche. Varia vereint mehrere Arten von Gedichten: solche in der Art der früheren Lieder, rein persönliche und schließlich jene Anklagen gegen soziale Verlassenheit, die Rosalía de Castro selbst am meisten am Herzen lagen. Im Vorwort benennt sie die Auswanderung als das schwerste Übel Galiciens – ein mutiges Wort für das Jahr 1880.
Die letzte Abteilung, As viúvas dos vivos e as viúvas dos mortos, zeigt die galicische Auswanderung aus der Sicht der Frauen. Es sind die zurückgebliebenen Ehefrauen, deren Männer fortgezogen sind: Witwen der Lebenden ebenso wie Witwen der Toten. Rosalía de Castro schildert ihre Zärtlichkeit, ihre Hingabe und ihr stilles Leiden und erhebt sie zu unbekannten, tapferen Heldinnen des Alltags. Zu den bekanntesten Gedichten des Bandes gehört Negra sombra (Schwarzer Schatten), in dem sich noch einmal die Todesfurcht und der Pessimismus der Dichterin mit großer Empfindsamkeit aussprechen.
Stil↑
Formal fällt der Band gegenüber den früheren Cantares gallegos weniger streng geordnet aus, gerade dadurch aber gewinnt er an Weite und Vielfalt. In der Verskunst treffen drei Strömungen aufeinander: eine romantische mit wechselnden Versmaßen und vielfältigen Verbindungen, eine volkstümliche und schließlich eine des persönlichen Experiments. Rosalía de Castro sucht ungewöhnliche Verbindungen der Silbenzahlen, biegsame Strophenformen und freie Gruppierungen der Verse. Sie verbindet etwa acht- und elfsilbige oder acht- und vierzehnsilbige Zeilen miteinander.
Bevorzugt greift die Dichterin zur Assonanz, also zum bloßen Gleichklang der Vokale statt zum vollen Reim. Fast die Hälfte der Gedichte nutzt die Romanze, eine schlichte volkstümliche Versform; daneben stehen die seguidilla und der Rhythmus der muiñeira. Die persönlichen Gedichte erinnern in ihrer Kürze, Aufrichtigkeit und Unmittelbarkeit an eine gefühlvolle, andeutende Lyrik. Doch Rosalía de Castro geht einen eigenen Weg: Sie wendet sich vom bloßen Gefühl ab und legt durch strenge Selbstbeobachtung ihr angstvolles, ringendes Inneres offen. Die Anklage sozialer Not wiederum bleibt reine Empfindung, nie plumpe Belehrung.
Rezeption↑
Als literarische und menschliche Leistung wird der Band hoch geschätzt. Das eigentlich Ungewöhnliche liegt darin, dass Rosalía de Castro ihre Empfindungen und ihre sozialen Betrachtungen in einer Sprache formte, die man damals für einen bloßen Dialekt hielt. Hatte sie in den Cantares gallegos das Galicische für die volkstümliche Dichtung erschlossen, so schuf sie mit diesem Buch eine Poesie ohne Grenzen, allgemeingültig und zugleich zutiefst galicisch. Der Literaturhistoriker Carballo Calero sah in ihr die bezeichnendste Gestalt der galicischen Literatur und hielt fest, dass mit ihr die Lebensfähigkeit einer galicischen Dichtung erwiesen war.
Besonders nachgewirkt hat das Gedicht Negra sombra. Der Komponist Juan Montes vertonte es im Stil des galicischen alalá und schuf damit einen der schönsten Gesänge der galicischen Volksmusik. Erstmals erklang das Lied 1892 im Großen Theater von Havanna, seither gilt es als Wahrzeichen der galicischen Musik. Eine Fassung von Carlos Núñez aus dem Jahr 1996, gesungen von Luz Casal, fand später Eingang in die Filmmusik von Mar adentro aus dem Jahr 2005. Bis in die Gegenwart bleibt das Werk ein Bezugspunkt: Bei einem Besuch im Vatikan im Dezember 2021 überreichte die spanische Politikerin Yolanda Díaz Papst Franziskus eine Ausgabe dieses Buches.
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